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02. September 2008, 18:56 Uhr

Merkels Bildungsreise

"Die läuft nur einmal vorbei - und das war's"

Wenn die Kanzlerin kommt: An der Goethe-Schule Ilmenau strahlten Lehrer und Schüler heute um die Wette, weil Angela Merkel sich den Chemie-Raum zeigen ließ. Eine Handvoll Schüler machte ihre eigene Pressekonferenz - sie wollten eine Debatte statt eines Fototermins.

Geduldig warten die Schüler im Hof der Ilmenauer Goethe-Schule auf den hohen Besuch. Als der Autokonvoi der Bundeskanzlerin dann vorfährt, haben sie ganz vergessen, dass sie klatschen sollen.

Angela Merkel (CDU) lässt sich davon nicht irritieren und sucht gleich das Gespräch: "Ich habe gehört, dass ein Fotografierverbot verhängt worden ist. Also von mir kam das nicht". Dann schlüpft sie unter der Abtrennschnur hindurch und stellt sich zu den Jugendlichen. "So, jetzt fotografieren." Beifall brandet auf, sogar das hat noch geklappt. Die Kanzlerin steigt die Treppen des Gymnasiums hinauf.

Die Goethe-Schule hat naturwissenschaftliche Spezialklassen - ein Grund für Angela Merkel, auf ihrer mehrwöchigen " Bildungsreise" hier Station zu machen.

Spezial-Schüler, die nebenher studieren

Knapp 90 Minuten Zeit hat sich die Kanzlerin für die Visite genommen. Zwei Klassen haben Experimente für sie aufgebaut, einen Glykose- Test, mehrere Mikroskope. Sie trifft sich mit zwei Handvoll Eliteschülern, die bei nationalen und internationalen Wettbewerben immer wieder vordere Plätze belegen. Judit Recknagel, 17, hat sogar schon parallel zur Schule studiert: "Das war ziemlich zeitaufwendig, aber die Prüfungen kann ich mir später anrechnen lassen."

Für Merkel ist sie der Beweis dafür, dass Spezialgymnasien die Schüler besser auf das Studium vorbereiten. In der Goethe-Schule wurden bereits zu DDR-Zeiten begabte Schüler gefördert. Nach der Wiedervereinigung schrieb die Landesregierung das Konzept fort. Ähnliche Klassen wurden auch in Erfurt und Jena eingerichtet. Von den 240 Ilmenauer Schülern der neunte bis zwölte Klasse besuchen rund 80 die Spezialklassen.

"Eine Debatte findet nicht statt"

Eine Handvoll Schüler finden den Besuch der Kanzlerin nicht sehr beeindruckend und den ganzen Zinnober völlig übertrieben. Während Angela Merkel sich die Schokoladenseite der Schule zeigen lässt, organisieren sie ihre eigene Pressekonferenz. Tobias Bode, 17, sagt: "Wir Normalschüler kommen hier manchmal etwas kurz." Die Schüler machen ihrem Unmut über den hohen Besuch Luft: Bei der Stippvisite entstehe kein realistisches Bild, sagt Bode, "eine Debatte mit den Schülern findet nicht statt. Die Bundeskanzlerin läuft nur einmal an uns vorbei, und das war's."

Hat sich Angela Merkel nur die falsche Schule für ihre Bildungs-Tour ausgesucht? Nein, so ist das nun auch wieder nicht - trotz ihrer Kritik finden auch Tobias Bode und seine Gruppe die Spezialklassen an der Goethe-Schule gut.

Die Klassen sorgen nicht nur für eine gute Ausstattung der naturwissenschaftlichen Klassenzimmer, "sie heben auch das Niveau insgesamt", sagt Bode - "die guten Schüler helfen uns." Gut sei auch, dass die Schule in engem Kontakt mit der Technischen Universität Ilmenau stehe - Vorträge gebe es da und Berufsberatung. "Neulich haben sie eine Vorlesung angeboten", sagt Tobias Bode, "und ich habe fast alles verstanden."

Zum Abschied der Kanzlerin lassen sich die Spezial-Schüler nochmals auf der Treppe und dem darüberliegenden Balkon in Stellung bringen. Die kleine Kritiker-Gruppe ist nicht dabei. Dann ist die Kanzlerin weg. Und der Unterricht geht weiter.

Ingo Senft-Werner, dpa

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