Messerstecherei Schüler müssen nicht in jedem Fall petzen

Sind Schüler verpflichtet, eine nahenden Streit zu melden? Und müssen sie gar eine Messerstecherei vorhersagen können? Ein 16-jähriger Gymnasiast sollte von der Schule fliegen, weil er keinen Alarm schlug. Das geht zu weit, entschied ein Frankfurter Gericht.


Nachdem A., 15, den 17-jährigen D. mit mehreren Messerstichen niedergestreckt hatte, nachdem er geflüchtet und von der Polizei aufgegriffen worden war - nach all dem wusste niemand ganz genau, wie es zu dem blutigen Streit am Gymnasium in Frankfurt am Main gekommen war.

Messer-Attacke: Schüler müssen nur vor konkreter Gefahr warnen
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Messer-Attacke: Schüler müssen nur vor konkreter Gefahr warnen

Es geschah im Sommer 2007. Lokalzeitungen mutmaßten, A. und D. gehörten verfeindeten Frankfurter Banden an, und schrieben von "Notwehr" - weil offenbar auch das Opfer mit einem Messer bewaffnet war. Der Verkäufer in der Schulcaféteria wunderte sich öffentlich darüber, dass A. "plötzlich ausrastet, ein Messer dabei hat und sowas macht"; schließlich sei A. ein "intelligenter Typ".

Einer jedoch hätte von der Messerstecherei im Vorhinein wissen können, sogar wissen müssen: der Banknachbar von A. und Vize-Klassensprecher. So sah es zumindest der Leiter des Gymnasiums.

Weil der Mitschüler vorab niemanden warnte, drohte ihm nach einer Klassenkonferenz ein Schulverweis - zu Unrecht, wie das Verwaltungsgericht Frankfurt entschied. Die Begründung wurde jetzt veröffentlicht, sinngemäß heißt es darin: Schüler sind nicht in jedem Fall zum Petzen gezwungen (Aktenzeichen 5 E 3830/07).

Die Messerstecherei war nicht abzusehen

Der Banknachbar von A. war 16 Jahre alt, als sich die Bluttat ereignete. Seine Lehrer argumentierten, er hätte Alarm schlagen und die Messerstecherei verhindern können und müssen. Schließlich habe er gesehen, wie der 17-jährige D. - Schüler eines anderen Gymnasiums, also eine "schulfremde Person" in der Bürokratensprache - mittags nach Schulschluss auf den Schulhof kam. Er habe auch gewusst, dass D. und A. verfeindet sind, und damit die Chance gehabt, einen Lehrer zu informieren.

Der Schüler wehrte sich gegen den drohenden Schulverweis, legte Widerspruch ein und klagte schließlich - erfolgreich. In dem Urteil heißt es, Lehrer dürften an das "sozialadäquate Verhalten eines Schülers, auch eines stellvertretenden Klassensprechers, keine überzogenen Erwartungen stellen" - insbesondere könnten sie kein Verhalten verlangen, das "als denunziatorisch hätte angesehen werden können".

Der Schüler konnte demnach zwar ahnen, dass sich S. und A. schlagen würden, denn schließlich habe A. gesagt, er solle "vermöbelt" werden. Doch der Mitschüler wusste das nicht sicher, und eine Messerstecherei war nach Auffassung des Richters nicht absehbar. Schüler seien aber nur verpflichtet, einen Lehrer einzuschalten, wenn sich eine solch schwere "Verletzung der Verhaltensregeln" abzeichnee und wenn kein Lehrer von selbst darauf aufmerksam werde - gewissermaßen: Alarm zur konkreten Gefahrenabwehr.

Der Schüler besucht das Gymnasium zwar nicht mehr, er hat freiwillig die Schule gewechselt. Aber nun muss auch der drohende Verweis aus seiner Akte gelöscht werden.

otr/dpa



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