Mexiko Lehrerproteste extrem

Straßenschlachten, Barrikaden, Geiselnahmen: Die Proteste mexikanischer Lehrer gegen die geplante Bildungsreform werden immer brutaler. Das hat auch dramatische wirtschaftliche Folgen.
Lehrerdemonstration in Mexiko: Proteste gegen die Bildungsreform

Lehrerdemonstration in Mexiko: Proteste gegen die Bildungsreform

Foto: DANIEL BECERRIL/ REUTERS

Oaxaca de Juárez ist eine der schönsten Städte Mexikos. Kopfsteinpflaster, Kolonialbauten in Pastellfarben, schattige Parks und opulente Barockkirchen locken Tausende Touristen an - normalerweise. Doch jetzt herrscht Totenstille in den Straßen. Streikende Lehrer blockieren aus Protest gegen eine Bildungsreform wichtige Straßen in die Region und die Zufahrt zum Flughafen. In den Restaurants und Hotels ist kaum jemand zu sehen.

"Der touristische Betrieb hat sehr nachgelassen. Es kommen keine Urlauber mehr", sagt ein Hotelangestellter im Stadtzentrum. Er befürchtet, dass dann viele ihren Arbeitsplatz verlieren. Eines der bekanntesten Restaurants am zentralen Platz Zócalo, der Asador Vasco, hat bereits geschlossen.

Den Geschäftsleuten entgehen Einnahmen in Millionenhöhe. Im Bundesstaat Oaxaca sei wegen der Straßensperren durch die Lehrer in den vergangenen Tagen bereits ein Verlust von 1,7 Milliarden Pesos (81 Millionen Euro) aufgelaufen, sagt der Vorsitzende des Unternehmerverbands, Juan Pablo Castañón. In der Stadt Oaxaca seien die Hotels nur zu fünf Prozent ausgelastet, im Badeort Huatulco an der Pazifikküste gebe es keinen Treibstoff und keine Lebensmittel mehr.

Am Mittwoch gingen die mexikanischen Lehrer wieder auf die Straße.

Am Mittwoch gingen die mexikanischen Lehrer wieder auf die Straße.

Foto: DANIEL BECERRIL/ REUTERS

Die Lehrer protestieren gegen eine Bildungsreform der Regierung. Der Plan sieht vor, dass alle Lehrer eine Fachprüfung ablegen müssen. Bestehen sie den Test mehrfach nicht, dürfen sie nicht mehr unterrichten und werden in die Verwaltung versetzt. Viele Lehrer in Mexiko sind schlecht ausgebildet.

"Ich finde auch, dass die Leistung überprüft werden sollte und die Lehrer sich fortbilden müssen. Aber die Regierung will einfach nur Leute entlassen und das Budget weiter kürzen", sagt die Lehrerin Karina Mejía aus der Ortschaft Macahuite.

Mit der Bildungsreform, die bereits 2013 verabschiedet wurde, sollen zudem die Privilegien der mächtigen Lehrergewerkschaft beschnitten werden. Sie entschied bislang über die Postenvergabe, verteilte die Gehälter und leitete im Fall von Oaxaca sogar das regionale Bildungsministerium. Lehrerposten wurden teilweise verkauft oder vererbt.

Sie lehnen die Bildungsreform der Regierung ab und protestieren seit Wochen zum Teil sehr gewalttätig: Lehrer in Mexiko

Sie lehnen die Bildungsreform der Regierung ab und protestieren seit Wochen zum Teil sehr gewalttätig: Lehrer in Mexiko

Foto: DANIEL BECERRIL/ REUTERS

Ziel der Regierung ist es, das Bildungsniveau in der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas zu heben. Beim Pisa-Test liegen die mexikanischen Schüler deutlich unter dem Durchschnitt der Industrieländerorganisation OECD . 2012 erreichten 55 Prozent nicht das Mindestniveau in Mathematik, bei der Lesekompetenz fielen 41 Prozent durch und in Naturwissenschaften scheiterten 47 Prozent. Es muss also dringend etwas geschehen - doch die Regierung strebe das gar nicht an, behaupten die Lehrer.

"Das ist keine Bildungs-, sondern eine Arbeitsreform", sagt etwa Basilio Jiménez. Der 53-Jährige stammt aus dem Indio-Dorf Santa María Tlahuitoltepec und kampiert nun mit Kollegen im Zentrum von Oaxaca. "Was tut die Regierung denn wirklich, um die Bildung zu verbessern? In manchen Dörfern gibt es überhaupt keine Infrastruktur."

Die Sektion 22 aus Oaxaca gilt als der radikalste Flügel der Lehrergewerkschaft. Sie errichtet immer wieder Straßensperren, steckt Gebäude in Brand, demütigt Streikbrecher in der Öffentlichkeit und hält Polizisten fest.

Fotostrecke

Proteste in Mexiko: Wenn Lehrer zu Steinewerfern werden

Foto: STRINGER / REUTERS

So wie in dieser Woche, als streikende Lehrer zwei Polizisten gefangen nahmen und sie zwölf Stunden lang regelrecht öffentlich zur Schau stellten. "Sie haben uns gezwungen, niederzuknien und eines ihrer Transparente hochzuhalten", sagte einer der Beamten im Radiosender Fórmula . Die Demonstranten hätten gedroht, sie in Brand zu stecken. Bilder von den knieenden Polizisten gingen in Mexiko durch die Medien. Die Menschenrechtskommission verurteilte den Vorfall .

Vor knapp zwei Wochen kamen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei in der Ortschaft Nochixtlán acht Menschen ums Leben und rund 100 weitere wurden verletzt.

In Oaxaca geht jetzt die Angst um. Die Blockade der Lehrer kappt die Lebensader des armen Bundesstaats. Ende Juli beginnt das Folklorefest Guelaguetza, das normalerweise Tausende Touristen anzieht. "Wir befürchten, bei der Guelaguetza nur 40 Prozent oder weniger Auslastung zu haben", sagt der Präsident des regionalen Hotellerieverbandes, Jaime Bautista.

Die Unternehmer der Region fühlen sich von den streikenden Lehrern in Geiselhaft genommen. "Ein ums andere Mal haben wir betont, dass Oaxaca so nicht weitermachen kann", sagt der Chef des Nationalen Gaststättenverbands, Onésimo Bravo. "Die Lehrer und ihre Sympathisanten sollten verstehen, dass sie ihre Protestmethoden ändern müssen, um nicht Dritten zu schaden."

Piji Gutiérrez/Denis Düttmann/dpa/him
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.