Migranten auf Polizeistreife "Wir helfen, Vorurteile abzubauen"

In Berlin-Spandau gehen Polizisten nicht mehr allein auf die Straße - beim Streifengang nehmen sie junge Türken und Araber mit. Die Beamten hoffen, dadurch leichter an die Jugendlichen heranzukommen. Ihr Konzept scheint aufzugehen.

Emre weiß, wo es gefährlich ist. "Am Rathaus oder dem Einkaufszentrum gibt es oft Stress", erzählt der 19-Jährige aus dem Berliner Bezirk Spandau. "Besonders am Abend, wenn da viele Jugendliche abhängen." Pöbeleien, Schlägereien und Streit sind dann an der Tagesordnung. Damit dieser Stress gar nicht erst entsteht, gibt es in dem Bezirk seit kurzem ein besonderes Projekt: Unter dem Motto "Stark gegen Gewalt" gehen junge Migranten gemeinsam mit der Polizei auf Streife.

Kaum eine Woche vergeht derzeit ohne neue Berichte über gewalttätige Jugendliche. Messerstechereien im Schwimmbad oder Prügel gegen Lehrer scheinen zum Alltag zu gehören. Gestützt wird diese Vermutung von der Statistik: Die Gewaltkriminalität nahm 2006 bundesweit um 1,2 Prozent auf 215.000 Fälle zu. Besonders hoch ist die Bereitschaft zur Gewalt demnach unter jugendlichen Einwanderern.

In Spandau begegnet die Polizei diesem Problem jetzt offensiv. Seit Anfang des Jahres laufen regelmäßig vier junge Männer zusammen mit Beamten Streife durch die sozialen Brennpunkte des Westberliner Bezirks. Das Ziel: Ängste abbauen, Identifikation stärken und Gewalt vorbeugen. "Das soll keine Hilfspolizei sein", sagt Hauptkommissar Detlef Mischorr, Präventionsbeauftragter seines Polizeiabschnitts. "Wenn etwas Ernstes passiert, sind die Kids sofort raus."

Positive Erfahrungen fehlen

Die Idee zu der Aktion kam von Raed Saleh, SPD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus. Der Sozialdemokrat mit palästinensischen Wurzeln hatte genug von der Gewalt in seinem Bezirk: "Viele Jugendliche haben keine Perspektive", sagt der 30-Jährige. "Ihnen fehlen positive Erfahrungen, das erzeugt Frust." Nach einer Massenschlägerei im Januar organisierte Saleh einen runden Tisch und startete das Projekt "Stark gegen Gewalt" gemeinsam mit Polizei, Moscheevereinen und Kirchen.

Mittlerweile machen 35 Jugendliche aus verschiedensten Ländern im Alter von 15 bis 21 Jahren regelmäßig mit. Weitere 80 schauen ab und zu vorbei. Auch Emre und sein Kumpel Turgut sind dabei. "Es macht Spaß, auf Streife zu gehen", sagt Turgut. "Viele Leute denken zuerst, wir haben etwas angestellt, wenn sie uns mit der Polizei sehen", ergänzt Emre. "Wenn wir sie aufklären, sind sie immer ganz überrascht." Für Turgut ist klar: "Wir helfen, Vorurteile abzubauen."

Auch für die Polizisten hat die gemeinsame Streife Vorteile. "Für die Beamten ist es während der Einsätze zum Beispiel viel einfacher, auf eine Gruppe junger Immigranten zuzugehen", sagt Mischorr. "Es entsteht viel schneller Kontakt." Auch das Bewusstsein der Beamten für andere Kulturen und deren Probleme wird geschärft.

Erkenntnisse wie diese sind für den Abgeordneten Saleh Beweise für den Erfolg des Projekts. "Viele der Jugendlichen haben jetzt zum ersten Mal das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein", sagt er. "Kritische Situationen entstehen erst gar nicht." Kriminelle Karrieren, da ist Saleh sicher, können so verhindert werden.

Inzwischen interessieren sich deshalb auch andere Berliner Bezirke wie etwa Kreuzberg für das Projekt. Zwar gibt es noch keine verlässliche Zahlen über die Kriminalitätsentwicklung in Spandau, aber auch Hauptkommissar Mischorr ist sicher: "Es ist viel mehr Ruhe in den Bezirk eingekehrt."

Von Falk Zielke, AP