Migrantenkinder im Pisa-Test Aufholjagd der Abgehängten

Noch immer liegen sie hinten. Und doch ist ihnen ein Riesensprung gelungen: Schüler aus Einwandererfamilien schneiden in der neuen Pisa-Studie deutlich besser ab als vor zehn Jahren, haben ihren Lernrückstand auf ein Schuljahr verkürzt. Wie haben sie das geschafft?
Junger Leser

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Foto: ddp

Selten ist über gehobenes Mittelmaß so viel gejubelt worden wie bei der Verkündung der jüngsten Pisa-Ergebnisse: "in die erste Liga aufgestiegen", "richtigen Weg eingeschlagen", "Hausaufgaben gemacht", "der Bildungsrepublik ein ganzes Stück näher gekommen". Es hätte kaum überrascht, wären sich Politiker und Wissenschaftler spontan um den Hals gefallen. Trotz der einen oder anderen Mahnung, dass die Champions League noch nicht erreicht ist.

Bei der Berliner Pressekonferenz kommt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) aus dem Lächeln und Nicken kaum heraus. Neben ihr lobt Pisa-Forscher Eckhard Klieme das zwar "träge Bildungssystem", das aber ungewöhnliche Fortschritte gemacht habe in den vergangenen zehn Jahren. Er konstatiert einen stabilen Aufwärtstrend, und tatsächlich hat Deutschland sich von durchweg unterdurchschnittlichen Rängen im OECD-Vergleich 2001 inzwischen in Mathematik und Naturwissenschaften ins bessere Mittelfeld geschoben. Im Schwerpunkt Lesen allerdings haben die deutschen 15-Jährigen nur ein paar Punkte gutgemacht ( siehe Grafiken) - mit statistischen Trippelschritten hat es Deutschland beinahe bis an die 500-Punkte-Marke geschafft.

Ein Triumph für die deutsche Bildungspolitik ist das nicht gerade. Bemerkenswert aber sind die Riesensprünge der sozial benachteiligten Schüler - vor allem jener aus Zuwandererfamilien. Zumal diese Gruppe größer geworden ist: Bei der ersten Pisa-Runde stammte gerade mal bei 22 Prozent der Teilnehmer mindestens ein Elternteil aus dem Ausland, diesmal haben bereits 26 Prozent einen Migrationshintergrund.

Zuwandererkinder holten fast ein ganzes Schuljahr auf

Was sich da vollzogen hat in den letzten zehn Jahren, ist eine Aufholjagd der Abgehängten.

Gut anderthalb Schuljahre (64 Pisa-Punkte) hinkten Zuwandererkinder noch bei Pisa 2000 beim Lesen hinterher. Jetzt ist der Rückstand auf ein Jahr zusammengeschmolzen (44 Punkte). Noch größer sind die Sprünge der Kinder, deren Eltern beide im Ausland geboren sind: Sie holten fast ein ganzes Schuljahr auf. Sie schneiden zwar noch immer um 56 Punkte schlechter ab als gleichaltrige Einheimische, vor zehn Jahren allerdings betrug der Abstand noch 84 Punkte.

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Pisa in Grafiken: Deutsche holen beim Lesen auf - ein wenig

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Wie aber konnte diese Aufholjagd gelingen? "Die Ursachen der positiven Entwicklung kann Pisa nicht identifizieren", sagt Klieme. Für die Experten gilt: " Pisa sagt uns nicht, was wir tun müssen, sondern erst einmal nur, wo die Probleme liegen." Es gibt aber einige plausible Ansätze.

Sicher ist, was nicht dazu gehört: nämlich die "völlig veränderte Einstellung zur frühkindlichen Bildung", von der Ministerin Schavan bei der Pisa-Präsentation sprach und die auch einige Länderminister preisen. Was Schavan meinte, sind mehr Kindergartenplätze, gezielte Bildungsangebote, Sprachtests.

Das alles ist zwar in den vergangenen Jahren gefördert worden, kann aber noch keine Auswirkungen auf die aktuellen Pisa-Ergebnisse haben: Die Schüler, die bei den Tests mitgemacht haben, waren längst eingeschult, als diese Angebote allmählich ausgebaut wurden. Zudem fehle beim Krippenausbau "eine Fokussierung darauf, dass diese Mittel bei den Kindern aus bildungsfernen Schichten ankommen", sagte Bildungsökonom Ludger Wößmann SPIEGEL ONLINE.

Zu Hause wird mehr Deutsch gesprochen

Dennoch hofft Pisa-Forscher Klieme darauf, dass sich bei den nächsten Pisa-Runden die positive Wirkung dieser Maßnahmen zeigen werde. Ansonsten spricht der Pisa-Forscher recht allgemein von gezielt eingesetzten Förderangeboten für Migranten, die gegriffen hätten. Zudem hat offenbar der Pisa-Schock von vor zehn Jahren auch bei Zuwandererfamilien dazu geführt, dass zu Hause mehr Deutsch gesprochen wird, vor allem in türkischstämmigen Familien, wie Klieme sagt.

Bereits im Sommer hatte eine Studie mit dem gängigen Vorurteil aufgeräumt, dass türkische Eltern Bildung weniger schätzen: Bei gleicher Leistung und sozialer Herkunft wechseln türkische Kinder demnach sogar häufiger auf die Realschule oder das Gymnasium als deutsche. Für Schüler mit vietnamesischen Wurzeln gilt das ohnehin - sie fallen mit besonders guten Leistungen auf und wechseln nach der Grundschule deutlich häufiger als ihre deutschen Mitschüler aufs Gymnasium.

Auch die Lernfreude von Einwandererkindern ist oft höher, das zeigt eine Studie des Jenaer Bildungsforschers Carsten Rohlfs. "Schüler mit Migrationshintergrund scheinen im geringeren Maße resigniert zu haben als andere Jugendliche, die sich weit häufiger unter Druck gesetzt fühlen", sagt er. Die Pisa-Forscher bestätigen jetzt, dass sich die Lesekompetenz der türkischstämmigen Jugendlichen verbessert hat, wenn auch nur geringfügig.

Stark verbessert haben sich vor allem Jugendliche, deren Familien aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. "Besonders die in der UdSSR geborenen Schüler haben bei Pisa 2009 bessere Ergebnisse im Lesetest erzielt als bei Pisa 2000", schreiben die Wissenschaftler. Bei Kindern aus polnischstämmigen Familien ist es anders herum: In Polen geborene Kinder schneiden deutlich schlechter ab als Kinder von polnischen Eltern, die in Deutschland geboren wurden.

Engagierte Lehrer, leistungsbereite Schüler

Nahezu umgekehrt hat sich das Verhältnis von Zuwandererkindern, die in ihrem Herkunftsland geboren wurden (erste Generation), zu jenen, die in Deutschland geboren wurden (zweite Generation). Mittlerweile sind die Angehörigen der zweiten Generation klar in der Überzahl, also in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ob auch damit zu erklären ist, dass sich die Leistungen verbessert haben, können die Bildungsforscher nicht eindeutig beantworten.

Weitgehend einig sind sich die Politiker und Wissenschaftler, dass der Pisa-Schock positiv gewirkt hat. Das gilt für Eltern, für die Schüler - und auch für jene, die jeden Tag mit Problemschülern arbeiten und sich um deren Förderung kümmern sollen. "Man findet heute keinen Lehrer mehr, der das nicht als Aufgabe für sich ansieht", sagt Klieme. Zudem ist die Leistungsbereitschaft der Jugendlichen insgesamt gestiegen, wie die jüngste Shell-Studie zeigt.

Die Aufholjagd, die im Jahr 2000 begonnen hat, dürfte noch einige Jahre weitergehen. Zumal Pisa offenbart: Es kommt nicht nur auf die Herkunft an, sondern auch auf die Gegend, in der man zur Schule geht. "Nirgendwo sonst hat das Schulumfeld so viel Einfluss auf den Schulerfolg wie in Deutschland", sagt Heino von Meyer, der das OECD-Zentrum in Berlin leitet. Die Leistungen zweier Schüler, die aus ähnlichen sozialen Verhältnissen kommen, unterscheiden sich um bis zu 100 Pisa-Punkte, wenn der eine auf eine Schule in einem günstigen Umfeld geht, der andere aber eine Problemschule besucht. Das entspricht einem Vorsprung von mehr als zwei Schuljahren.

Diese Unwucht kritisiert auch Bildungsökonom Wößmann: "Unser Bildungssystem scheint es nicht zu schaffen, dass die Mittel dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt würden."

Dass es in Sachen Schule hierzulande alles andere als gerecht zugeht, räumt Pisa-Mann Klieme ein. "Die Kompetenznachteile sind immer noch groß", sagt er, "aber das deutsche Schulsystem ist der Chancengleichheit ein Stück näher gekommen."

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