Migrantenkinder Kaum gefordert, schlecht gefördert

In der Schule werden Kinder aus Einwandererfamilien abgehängt. Das liegt nicht allein an Sprachproblemen. Eine neue Studie weist einen Teufelskreis nach: Die Lehrer trauen Ausländerkindern nichts zu - und Schüler, von denen niemand etwas erwartet, scheitern tatsächlich.


Berlin - 20 Prozent aller Kinder aus Einwandererfamilien verlassen in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Dieser schulische Misserfolg vieler Migrantenkinder ist nicht nur eine Folge mangelnder Sprachkenntnisse, so das Ergebnis einer Studie, die das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) heute veröffentlichte. Entscheidend für schlechte schulische Leistungen sei vielmehr die negative Erwartungshaltung, mit der viele Lehrer den Kindern begegnen würden: "Migrantenkinder lernen schlechter, weil weniger von ihnen erwartet wird", resümiert das Papier.

Schülerin aus Einwandererfamilie: "Je niedriger die Messlatte, desto schlechter die Leistungen"
DPA

Schülerin aus Einwandererfamilie: "Je niedriger die Messlatte, desto schlechter die Leistungen"

Die Ergebnisse der Studie basieren zum großen Teil auf psychologischen Forschungen aus den USA, die in Deutschland bislang kaum bekannt sind. Danach lassen sich Kinder aus Migrantenfamilien und unteren sozialen Schichten besonders stark von den geringen Erwartungen ihrer Lehrer beeinflussen. Die häufige Folge: Eine grundsätzlich negative Haltung zu Lehrern und Schule. Je niedriger die Messlatte, umso wahrscheinlicher sei es, dass Schüler tatsächlich schlechtere Lernergebnisse erzielten, heißt es in der Studie des WZB.

Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler haben laut WZB auch negative Stereotype, die bestimmte Bevölkerungsgruppen mit geringen intellektuellen Fähigkeiten in Verbindung bringen. Solche Vorurteile könnten die schulischen Leistungen erheblich beeinträchtigen. "Die Angst, für unzulänglich befunden zu werden, beeinflusst kurzfristig die Leistungsfähigkeit, könne aber auch langfristige Auswirkungen haben." Viele Schüler reagieren nach den Ergebnissen der Studie, indem sie ihre Ansprüche an sich selbst herabschrauben und Herausforderungen ausweichen. Am Ende würden "Schulleistungen ihre Bedeutung für das Selbstwertgefühl" der Jugendlichen verlieren, so das WZB.

Die Sozialforscher gehen außerdem davon aus, dass die Einteilung in leistungsstarke und leistungsschwache Schüler und Schultypen die Entwicklung leistungsschwächerer Kinder hemmt. Migrantenkinder seien davon besonders betroffen. In gemischten Gruppen, in denen höhere Leistung gefordert wird, würden schwächere Schüler hingegen profitieren und besser lernen. Um die Bildungsungleichheit in Deutschland zu verringern, fordern die Sozialforscher eine entsprechende Lehreraus- und weiterbildung. Lehrer sollten durch die Präsentation anspruchsvoller Lerninhalte benachteiligte Schüler optimal fördern können.

anr/dpa

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