Milliardengeschäft Deutsche investieren massiv in Schülernachhilfe

Das Geschäft mit Nachhilfe für Schüler boomt: Bis zu 1,5 Milliarden Euro geben deutsche Eltern laut einer neuen Studie pro Jahr für den zusätzlichen Unterricht aus. Dabei profitieren die Anbieter nicht nur von schlechten Schülern - vielen Eltern ist gut nicht gut genug.

Bertelsmann Stiftung

In Deutschland nehmen rund 1,1 Millionen Schüler regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bildungsforscher Klaus und Annemarie Klemm für die Bertelsmann Stiftung. Das ist etwa jeder achte (gut zwölf Prozent) der insgesamt neun Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen.

Insgesamt geben Eltern nach der Studie jährlich zwischen 942 Millionen und knapp 1,5 Milliarden Euro dafür aus. Da die Datenlage zur Nachhilfe in Deutschland insgesamt noch dünn ist, haben die Forscher eine Ober- und Untergrenze berechnet.

Für die Studie werteten die Bildungsforscher Daten aus, die bei der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) im Jahr 2006 erhoben wurden. Zudem bedienten sie sich an den Ergebnissen der Pisa-Studie von 2003 und einer repräsentativen Befragung der Marktforscher von Synovate Kids+Teens, die Ende 2007 6- bis 18-Jährige interviewt hatten.

Dabei ermittelten sie ein starkes Gefälle zwischen Ost und West: Während etwa in Baden-Württemberg 18,5 Prozent der Viertklässler Nachhilfe in Deutsch bekommen, sind es in Mecklenburg-Vorpommern nur 8,8 Prozent. Die Unterschiede werden auch bei den Ausgaben deutlich: In Hamburg und Baden-Württemberg werden - nach den Berechnungen der Obergrenze - pro Schüler jährlich durchschnittlich 131 Euro ausgegeben, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern dagegen nur 74 Euro. Der Bundesdurchschnitt beträgt 108 Euro.

Vor allem im Westen ist Nachhilfe etabliert

Der Studie zufolge ist Nachhilfe bereits in der Grundschule an der Tagesordnung. Besonders häufig werden Kinder zur Nachhilfe geschickt, wenn es am Ende der Grundschulzeit um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht: Im Schnitt aller Bundesländer hat etwa jeder siebte Viertklässler Nachhilfe im Fach Deutsch erhalten. In Baden-Württemberg ist es fast jeder Fünfte, in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt nicht einmal jeder Zehnte.

Der Pisa-Studie aus dem Jahr 2003 zufolge nehmen Schüler im Alter von 15 Jahren im Bundesländerdurchschnitt 19,1 Prozent der Jugendlichen Nachhilfe in Mathematik in Anspruch. Im vergangenen Jahr hatte zudem eine anonyme Umfrage unter 55.000 Gymnasiasten ergeben, dass bei den Sechstklässlern fast jeder fünfte, bei Siebt- bis Neuntklässlern schon fast jeder vierte Schüler Nachhilfestunden nimmt.

Nachhilfe sei längst nicht mehr eine zeitlich begrenzte Ausnahmeerscheinung für leistungsschwächere Schüler, heißt es in der neuen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. "Sie hat sich vielmehr zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt".

"Die Chancenungerechtigkeit nimmt zu"

Dass nicht nur schwache Schüler Nachhilfe nehmen, zeigten die Forscher bei ihrer Auswertung der Iglu-Daten: Von den Viertklässlern, die im Fach Deutsch Nachhilfe nahmen, lagen 26 Prozent mit ihren Leistungen in den unteren beiden Kompetenzstufen, 51 Prozent in der mittleren Stufe und 23 in den beiden oberen Kompetenzstufen. Kurz: Die Anbieter von Nachhilfe profitieren nicht nur von schlechten Noten, sondern auch von Eltern, die ihre Kinder von guten zu sehr guten Schülern machen wollen.

Da sich vor allem Kinder aus wohlhabenden und höher gebildeten Familien diese Möglichkeit der außerschulischen Förderung leisten könnten, nehme die Chancenungerechtigkeit des Bildungssystems tendenziell zu, so die Autoren.

Die starke Nachfrage nach privatem Ergänzungsunterricht sei ein deutlicher Ausdruck dafür, dass Eltern mit dem Schulsystem unzufrieden seien, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. "Sie haben den Eindruck, dass ihre Kinder im Schulunterricht nicht bestmöglich gefördert werden, und Nachhilfe soll diese fehlende individuelle Förderung ausgleichen." Ziel eines chancengerechten und qualitativ guten Schulsystems müsse es daher sein, Nachhilfe weitestgehend überflüssig zu machen, forderte Dräger.

"Gute Bildung ist ein Privileg geworden"

"Wenn Eltern so tief in die Tasche greifen müssen, um ihren Kindern gute Bildung zu ermöglichen, muss das deutsche Bildungssystem in hohem Maß defizitär sein", polterte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel. Gute Bildung sei längst zum Privileg von Familien geworden, die sie sich leisten können.

Dass es durchaus möglich sei, Angebote für Nachhilfe durch bessere Schulen verzichtbar zu machen, zeigten die Beispiele Finnland, Kanada oder die Niederlande, schrieben Klaus und Annemarie Klemm. Dort kämen die Schüler weitgehend ohne Nachhilfe aus. "Gute Konzepte zur individuellen Förderung der Kinder und Jugendlichen in den Schulen bilden hierfür die Grundlage."

Unklar ist, wie erfolgreich private Nachhilfe überhaupt ist. Es gebe keine belastbaren Untersuchungen, "ob sich das Lernen der Kinder durch diese Nachhilfe nachhaltig verbessert", sagte Marianne Demmer, stellvertretetende Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW. Auch die Autoren der aktuellen Studie betonen, dass für eine Einschätzung die entsprechenden Untersuchungen fehlen. Es sei zwar davon auszugehen, dass Nachhilfe nicht wirkungslos ist, aber eine weitere Forschung sei unabdingbar.

Nach einer Schätzung des Bundesverbands der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen gibt es in Deutschland rund 4000 kommerzielle Anbieter von Nachhilfe.

bim/dpa/ddp/APN



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Seite 1
hjm, 10.05.2008
1.
Zitat von sysopÜber eine Milliarde Euro jährlich geben Deutschlands Eltern für Nachhilfe aus - vor allem ein Mittelschichts-Phänomen. Denn eine neue Studie zeigt, dass eher gute Schüler für eine Eins als schlechte Schüler gegen die Fünf pauken. Dafür öffnen die Eltern ihr Portemonnaie. Was denken Sie, wie sinnvoll Nachhilfe ist?
Sehr sinnvoll. Dann habe ich nämlich in der Schule weniger Sorgen und kann meine Nachmittage und die zwölf Wochen Ferien im Jahr voll auskosten, statt mich um die Probleme der Schüler kümmern zu müssen.
MC-NY 10.05.2008
2.
Zitat von sysopÜber eine Milliarde Euro jährlich geben Deutschlands Eltern für Nachhilfe aus - vor allem ein Mittelschichts-Phänomen. Denn eine neue Studie zeigt, dass eher gute Schüler für eine Eins als schlechte Schüler gegen die Fünf pauken. Dafür öffnen die Eltern ihr Portemonnaie. Was denken Sie, wie sinnvoll Nachhilfe ist?
Also ich habe 2 Jahre lang Nachhilfeunterricht genommen, da ich ein paar Probleme hatte. Mir hat das damals sehr viel gebracht, was vielleicht auf an meiner guten Nachhilfe Lehrerin gelegen hat. Ich habe einfach ein besseres Verständnis für das fach entwickeln können, da ich auch jede noch so dumme Frage stellen konnte, für die im Unterricht einfach nie Zeit war. Seit 3 Jahren komme ich jetzt auch bestens ohne Nachhilfe aus.
tl-hd 10.05.2008
3.
Zitat von sysopÜber eine Milliarde Euro jährlich geben Deutschlands Eltern für Nachhilfe aus - vor allem ein Mittelschichts-Phänomen. Denn eine neue Studie zeigt, dass eher gute Schüler für eine Eins als schlechte Schüler gegen die Fünf pauken. Dafür öffnen die Eltern ihr Portemonnaie. Was denken Sie, wie sinnvoll Nachhilfe ist?
Ich denke, das lässt sich nicht so pauschalisiert beantworten. In den Fällen, in den ein Schüler zwischenzeitliche Probleme hat, weil er z.B. einige Zeit gefehlt hat oder mit der Art, wie der neue Mathelehrer den Stoff erklärt, nicht zurechtkommt, kann Nachhilfe durchaus sinnvoll sein. Wenn aber ein Schüler ständig nur mit Nachhilfe die Versetzung schafft, sollte man wohl eher überlegen, ob er nicht auf der falschen Schule ist. Und wenn es allein darum geht, durch Nachhilfe auf Spitzennoten zu kommen, müssen sowohl der Schüler als auch die Eltern abwägen, ob ihnen das die Zeit bzw. das Geld wert ist - wobei ich denke, dass da wohl die Eltern oft eher bereit sind, das zu zahlen, als die Schüler, die Zeit dafür zu opfern.
Pablo alto, 10.05.2008
4. Weiter so
Zitat von MC-NYAlso ich habe 2 Jahre lang Nachhilfeunterricht genommen, da ich ein paar Probleme hatte. Mir hat das damals sehr viel gebracht, was vielleicht auf an meiner guten Nachhilfe Lehrerin gelegen hat. Ich habe einfach ein besseres Verständnis für das fach entwickeln können, da ich auch jede noch so dumme Frage stellen konnte, für die im Unterricht einfach nie Zeit war. Seit 3 Jahren komme ich jetzt auch bestens ohne Nachhilfe aus.
Vielleicht sollten Sie noch eine Stunde dranhängen - dann passiert Ihnen das mit der "Nachhilfe Lehrerin" auch nicht mehr.
Senfkorn, 10.05.2008
5.
Meine Kinder geben Nachhilfe und soweit ich das mitbekomme, haben sie keine Kunden die unbedingt um eine 1 kämpfen, sondern Schüler die nach einem Lehrerwechsel nichts mehr kapieren. Und wenn dann statt der gewohnten 2 oder 3 plötzlich die 5 unter der Arbeit steht, wird Hilfe gesucht. Es gibt 2 oder 3 Mathelehrer in der Stadt, die zaubern bei jedem pfiffigen Oberstufenschüler ein Lächeln ins Gesicht. Das Einkommen ist gesichert. MfG Senfkorn
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