Millionenspenden für Schulen Ein Reeder auf Kurs für Afrika

Die Schifffahrt ist eine konservative Branche, Reeder mit linken Ambitionen sind rar. Peter Krämer schlägt aus der Art: Der Hamburger Unternehmer tauft seine Schiffe auf den Namen von Freiheitskämpfern und pumpt Millionen in das Projekt "Schulen für Afrika" - weil Eigentum verpflichtet.
Von Martin Dommer

In einem schlichten Kontorhaus in der Mattentwiete unweit des Hamburger Hafens sitzt Peter Krämer an seinem Schreibtisch vor einem Stapel Unterlagen. Er ist Unternehmer, genauer gesagt Reeder in der zweiten Generation - man könnte ihn einen Bilderbuch-Hanseaten nennen. 1958 gründete sein Vater "Marine Service", ein Unternehmen, das sich auf den Transport von Öl, Chemikalien und Flüssiggas spezialisiert hat. Nach dem Tod seines älteren Bruders übernahm Krämer 1982 die Reederei, die damals ernsthafte wirtschaftliche Probleme hatte. "Ich musste gegen den Willen meines Vaters und der Mitarbeiter sogar Schiffe verkaufen", erinnert sich der 54-Jährige.

Dank des florierenden Welthandels und dem stetig steigenden Energiebedarf in China blüht das Geschäft heute wieder. 33 Schiffe, die von der Hansestadt aus über alle Weltmeere fahren, nennt der Reeder sein eigen. Das Jahr 2004 war eines der besten der Firmengeschichte. Statt jedoch weiter auf Expansion zu drängen, besann sich Krämer auf seine früheren politischen Träume: "Ich habe beruflich alles erreicht. Jetzt kann ich der Gesellschaft etwas zurückgeben", sagt er und nennt das "return of investment".

Ein Foto an der Wand hinter seinem Schreibtisch zeigt Krämer beim Händedruck mit Nelson Mandela. Krämer, der einen Teil seiner Flotte auf Namen von Freiheitskämpfern wie Sophie Scholl, Hans Scholl oder Simon Bolivar taufen ließ, wollte ursprünglich ein neues Schiff nach dem Anti-Apartheitskämpfer benennen und dessen Stiftung dafür eine Million Dollar spenden.

Krämer sieht Unternehmen in der moralischen Pflicht

Doch es kam anders. Die Stiftung lenkte Krämers Interesse auf die Bildungspolitik. Besagtes Schiff fährt heute unter dem Namen "African Future", und mit der Dollarmillion brachte Krämer schließlich die Kampagne "Schulen für Afrika" auf den Weg, organisiert von Unicef und unterstützt von der Nelson Mandela Foundation. Bis 2009 sollen in Angola, Mosambik, Ruanda, Simbabwe, Südafrika und Malawi Landschulen für mehr als 40 Millionen Kinder entstehen, die bislang keine Chance hatten, Lesen und Schreiben zu lernen. "Bis dato konnten wir rund 18.000 Lehrer in Angola durch die Gelder ausbilden und 300 Schulen einrichten", bilanziert Krämer nicht ohne Stolz.

Gern zitiert er aus Artikel 14 des Grundgesetzes: "Eigentum verpflichtet". Und macht keinen Hehl daraus, dass er die "Charity-Moral" in Deutschland für unterentwickelt hält: "Die Wohlhabenden hierzulande tun noch viel zu wenig." Die Debatte über Auswüchse der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verfolgt er mit großer Spannung. "Als Unternehmer sind wir privilegiert, haben andere Möglichkeiten, und was wir tun, hat eine Vorbildfunktion auch für andere", sagt Krämer.

Vergleichsweise hohen Steuersätzen stünden erschreckend niedrige reale Abgaben gegenüber, bilanziert der Reeder. "Wie kann man dem kleinen Mann klar machen, dass er den Gürtel enger schnallen soll, wenn sich auf der anderen Seite viele Unternehmen ihrer moralischen Pflicht nicht stellen?"

Gegen die "reine Ich-Gesellschaft"

Schon zu Zeiten der Studentenrevolte 1968 habe ihm als Student das "Zufallsprinzip, nach dem Wohlstand und Reichtum in der Welt verteilt sind", nie eingeleuchtet. Er selbst sei von Geburt an privilegiert gewesen und fühle sich dadurch erst recht verpflichtet: "Ich hatte ein gutes Elternhaus, ging auf eine gute Schule und konnte Jura studieren." Bei 45 Millionen Kindern in Afrika sei das anders, und dagegen müsse etwas getan werden, fordert er.

"Viele Kinder dort müssen Schulwege von mehreren Kilometern in Kauf nehmen, nur um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen und sind trotzdem mit großer Begeisterung dabei", erzählt der Unternehmer, der sich selbst ein Bild vor Ort gemacht hat. "Diese Kinder müssen Schulen besuchen können, das haben sie verdient."

Krämer rechnet vor, wie viel man schon mit ein "paar Euro" erreichen könne: "Eine ganze Schule kostet gerade mal 10.000 Euro. Davon können Sie in Hamburg nicht einmal die Fenster instand setzen lassen."

Bislang investierte der Chef von Marine Service rund drei Millionen Euro in das Schulprojekt. Immer wieder sammelt er auf Gala-Diners und anderen Fundraising-Veranstaltungen fleißig Spenden. Es ist nicht das erste Mal, dass er sein soziales Engagement unter Beweis stellt. Vor dem Irak-Krieg organisierte Krämer Protest-Demonstrationen, gründete zusammen mit Ex-Bürgermeister Henning Voscherau und den Journalisten Manfred Bissinger und Luc Jochimsen die "Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts". Deren Ziel ist die Stärkung des internationalen Friedensgedankens.

Der Mann, der sagt, dass es wichtigeres im Leben gebe als Luxus-Yachten, teure Villen und Nobelkarossen, will zurück zu mehr globaler Solidarität. "Im Moment haben wir hierzulande eine reine 'Ich-Gesellschaft'", sagt er. Davon lässt er sich freilich nicht aufhalten, sondern nur anspornen. Denn Krämer will etwas verändern.

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