Mini-Flammenwerfer 15-Jährige zündeten schlafenden Mitschüler an

Bei einer Klassenfahrt haben zwei sächsische Gymnasiasten nachts die Beine eines Mitschülers verbrannt. Der eine machte aus einer Spraydose einen Flammenwerfer, der andere nahm die Feuer-Attacke per Video auf. Jetzt kommen beide vor Gericht.


Der Fall klingt schier unglaublich: Im April war eine neunte Klasse des Ehrenberg-Gymnasiums im sächsischen Delitzsch unterwegs auf Klassenreise. Nachts in einer Nürnberger Jugendherberge, so schildert es die Leipziger Staatsanwaltschaft, schlichen zwei 15-Jährige sich ans Bett eines schlafenden Mitschülers. Der eine hob die Decke hoch, entzündete den Strahl einer Deospraydose per Feuerzeug und verbrannte dem Opfer die Schienbeine. Der andere Jugendliche drehte davon ein Video.

Anti-Gewalt-Training: Ein Berliner Polizist bei einem Kurs mit Jugendlichen
DPA

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Wie die "Dresdner Morgenpost" berichtete, erlitt das Opfer großflächige Brandwunden ersten und zweiten Grades. Aus Angst vor weiterer Gewalt habe der Schüler aber tagelang geschwiegen, seine Verletzungen verborgen und sich erst seiner Mutter anvertraut, als die Schmerzen unerträglich wurden. Die Mutter erstattete sofort Anzeige.

Für die Misshandlung flogen die beiden Folter-Schüler, die sich damit vor Freunden gebrüstet haben sollen, bereits von der Schule. Nun stehen sie bald vor dem Jugendrichter. "Unsere Ermittlungen haben die Tatvorwürfe bestätigt. Wir haben beide Schüler wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung angeklagt", bestätigte Staatsanwalt Guido Lunkeit. Der Prozesstermin ist noch offen. Im Falle der Verurteilung müssen die jugendlichen Täter mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr rechnen.

Der Schüler wurde monatelang gequält

Der Fall hat nicht nur ein juristisches Nachspiel, sondern auch eine längere schulische Vorgeschichte. Der Schüler mit den Brandwunden war offenbar ein Opfer extremen Mobbings über viele Monate. Nach Angaben des Regionalschulamtes hatte der Mitschüler, der ihm die Verletzungen zufügte, bereits im vergangenen September einen Verweis erhalten. Von Oktober 2004 bis Januar 2005 kam eine Schulpsychologin als Beraterin an das Gymnasium. Der Versuch der Deeskalation fruchtete nicht: Über einen längeren Zeitraum habe eine "scheinbare Ruhe" geherrscht, "ehe es dann zu der durch nichts zu rechtfertigenden Körperverletzung gekommen ist", sagte die Psychologin der "Leipziger Volkszeitung".

Der Zeitung zufolge wechselten in den vergangenen Jahren schon zwei andere Schüler der gleichen Klasse die Schule, weil sie offenbar ebenfalls Beleidigungen und Misshandlungen ausgesetzt waren. Auch nachdem die beiden Täter wegen des Feuer-Angriffs von der Schule verwiesen worden seien, habe es kein Ende der Hänseleien gegeben. Darum hätten die Eltern das Mobbing-Opfer schließlich von der Schule genommen. Nach Angaben der "Dresdner Morgenpost" überlegt das Gymnasium jetzt, die Mobbing-Klasse aufzulösen.

Hildesheimer Prügelvideo: Besonders schlimmer Fall
SPIEGEL TV

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Neben der Marter in Delitzsch gab es in den vergangenen zwei Jahren eine Reihe weiterer brutaler Misshandlungen an deutschen Schulen. So soll ein 13-jähriger Schüler aus dem oberfränkischen Städtchen Creußen bei Bayreuth von vier Jugendlichen über einen längeren Zeitraum immer wieder gefesselt und geschlagen worden sein, ebenfalls vor laufender Videokamera der Täter.

Der spektakulärste Fall von Schülermisshandlung sorgte für bundesweites Aufsehen: An einer Hildesheim Berufsschule wurde ein 17-Jähriger drei Monate lang mit Tritten, Faustschlägen sowie Schlägen mit Stöcken oder Kabelbindern gequält, musste Zigarettenkippen kauen und wurde sexuell gedemütigt - jeden Mittwoch und Donnerstag. Zwei der Haupttäter wurden im Juni 2004 zu 18 Monaten Jugendhaft verurteilt, ein weiterer zu einem Jahr und drei Monaten. Sechs weitere Angeklagte kamen für die langwierigen Quälereien mit milderen Strafen davon. Auch sie hatten ihr Opfer bei den Quälereien gefilmt.

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