Miserables Zeugnis Schülerin mit sechs Sechsen und vier Fünfen versetzt

76 Fehltage in einem halben Jahr und ein Zeugnis, das allenfalls beim Würfelspiel Kniffel richtig Punkte bringt - eine Hauptschülerin aus Hessen erreichte trotzdem die nächste Klasse. Doch jetzt hat das Kultusministerium in Hessen die Versetzungsbremse gezogen.


Schule: Auch schwache Schüler versetzen?
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Schule: Auch schwache Schüler versetzen?

Mit einem atemberaubend schlechten Zeugnis ist eine Schülerin aus einem kleinen Ort im hessischen Main-Kinzig-Kreis von der achten in die neunte Klasse versetzt worden. Das hessische Kultusministerium bestätigte am Dienstag einen entsprechenden Bericht der "Bild"-Zeitung. Demnach sammelte die Hauptschülerin allein im ersten Halbjahr 2002 volle 76 Fehltage, davon lediglich zwei entschuldigt.

Im Halbjahreszeugnis hatte sie in allen Fächern ein "ungenügend" oder "nicht feststellbar" sowie die Warnung "Die Versetzung ist gefährdet" - und schaffte den Sprung in die nächste Klasse dennoch. Ihre Eltern bezeichneten sich laut "Bild" selbst als überfordert: "Wir wissen nicht weiter."

Auch eine "pädagogische Versetzung" ist möglich

Das hessische Kultusministerium, das die Aufsicht über insgesamt 2000 Schulen führt, erfuhr erst durch den Zeitungsbeitrag von diesem Fall. Ministerin Karin Wolff (CDU) hat die Schule inzwischen angewiesen, die Versetzung zum Herbst rückgängig zu machen. Eingeschaltet wurde außerdem das zuständige staatliche Schulamt, das nun neue Gespräche mit der Schülerin und den Eltern, dem Jugendamt und einem Schulpsychologen führen soll.

Die 14-Jährige ist schulpflichtig und offenbar schon seit geraumer Zeit auffällig. Die Schule, die "sonst einen guten Ruf" genieße, und das Jugendamt hätten sich bereits um sie gekümmert, allerdings nicht das Schulamt eingeschaltet, sagte Alexander Jehn, Sprecher des Kultusministeriums, gegenüber UniSPIEGEL ONLINE. Bei der Versetzung habe sich die Schule auf "pädagogische Gründe" berufen. Das habe das Kultusministerium jedoch nicht mittragen können: "Bei so vielen Sechsen und Fehltagen ist eine Versetzung ausgeschlossen", so Jehn.

Die Schulgesetze sehen tatsächlich eine "pädagogische Versetzung" vor - wenngleich nur in echten Ausnahmefällen. "Das ist möglich, wenn ein Fundament vorhanden ist und der schulische Erfolg für das nächste Jahr gesichert scheint", sagt Jehn und nennt ein Beispiel: "Bricht ein Schüler sich das Bein und kann für einige Wochen nicht am Unterricht teilnehmen, dann kann die Schule ihn natürlich trotzdem versetzen." Auch bei außergewöhnlichen familiären Umständen oder psychischen Problemen komme das in Betracht - aber in diesem Fall sei die Klausel eindeutig "zu weit gedehnt" worden.

Wann ist Sitzenbleiben sinnvoll?

Über den Umgang mit hartnäckigen Schulboykotteuren ist in den letzten Monaten in mehreren Bundesländern eine heftige Debatte entbrannt. So lässt Bayern mitunter Polizisten vormittags in Kaufhäusern patrouillieren oder Schulschwänzer sogar mit dem Streifenwagen zum Unterricht fahren; andere Länder wollen nachziehen. Viele Lehrer indes halten derart hartes Vorgehen für überzogen und pädagogisch sinnlos. Bremen plant unterdessen, den Eltern von Blaumachern das Kindergeld zu kürzen.

Ähnlich umstritten ist auch das Sitzenbleiben. Die Bildungsgewerkschaft GEW zum Beispiel plädierte nach den blamablen Ergebnissen der Pisa-Studie für eine Abschaffung von "Ehrenrunden" und für "eine vorbeugende Förderung". "In den meisten Fällen tritt ein Lernstillstand ein, weil lediglich Stoff wiederholt wird", begründete die GEW-Vorsitzende Marianne Demmer den Vorstoß, der von der Bundesschülerinitiative unterstützt wurde.

Die meisten der 16 Kultusminister halten allerdings nicht davon, auch schwache Schüler in die nächste Klasse zu versetzen. Und auch die Mehrheit der Bundesbürger sprach sich bei einer Umfrage im Auftrag des SPIEGEL dafür aus, das Sitzenbleiben beizubehalten - je höher der Bildungsabschluss, desto klarer die Mehrheit für die Ehrenrunden.

Jochen Leffers



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