Missbrauch an der Odenwaldschule Wenn Opfer sich als Feinde fühlen

Tief verstrickt in ihre pädosexuelle Vergangenheit ringt die Odenwaldschule um ihre Zukunft. Die einstige Vorzeigeanstalt muss sich neu erfinden, aber das fällt schwer. Opfer fordern weiterhin Entschädigungszahlungen - und die Schule drücken noch ganz andere Sorgen.

Vergiftetes Sommeridyll: Kindergesichter, die an den Missbrauch im Odenwald erinnern
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Vergiftetes Sommeridyll: Kindergesichter, die an den Missbrauch im Odenwald erinnern

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Der Weg in die Zukunft führte vorbei an der Vergangenheit, große Bilder erinnerten an schreckliche Taten. "Gegen Vergessen und Verdrängen", so stand es kürzlich auf den Plakaten am Rand der kleinen Straße, die sich vom hessischen Heppenheim die Hügel des Odenwalds hinaufschlängelt.

Die Mitglieder des Trägervereins passierten diese Mahnungen, bevor sie in der Odenwaldschule über deren künftige Organisation und Ausrichtung beratschlagten: Wie soll es weitergehen, wofür soll die Odenwaldschule künftig stehen? Die rund 60 Plakate des Vereins "Glasbrechen", der Opfer des Missbrauchs vertritt, aber machten deutlich, dass die Vergangenheit noch immer schwer auf der berühmten und nun auch berüchtigten Einrichtung lastet. So schwer, dass eine Zukunft nicht leicht zu finden sein wird.

Die Schule muss derzeit versuchen, Aufarbeitung, Alltag und Aufbruch auf die Reihe zu bekommen, alles gleichzeitig. Als jetzt zum Schuljahresbeginn die neuen Schüler begrüßt wurden, sah im Odenwald alles nach Normalität aus. Ein Grillfest und eine Rallye wurden organisiert; was eine Schule halt so macht, um Neue willkommen zu heißen.

Zu wenig aus der Vergangenheit gelernt?

Zugleich erschien ein Buch, in dem ein ehemaliger Schüler seine schrecklichen Erlebnisse auf eben diesem Schulgelände schildert. "Ich war 13, als es anfing, und 16, als es endete, weil ich endlich alt und kräftig genug war", um den Täter anzuschreien und zurückzustoßen - so drückt es der Ex-Schüler in einem SPIEGEL-Interview aus.

Rund anderthalb Jahre ist es her, dass die breite Öffentlichkeit vom Missbrauch an der einstigen Vorzeigeschule erfuhr. Ein Untersuchungsbericht, der in der Zwischenzeit erstellt worden ist, spricht von mindestens 132 Opfern. In diesen anderthalb Jahren ging es an der Schule und unter den ehemaligen Schülern oftmals hoch her, immer neuer Streit offenbarte tiefe Verwundungen und auch Verstrickungen mancher Verantwortlicher.

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Odenwaldschule: Die Wurzeln des Missbrauchs
Die Schulleiterin Margarita Kaufmann, als kompromisslose Aufklärerin aufgetreten, war an der Schule hoch umstritten, dann viele Monate lang erkrankt. Bis zum Auslaufen ihres Vertrags 2012 soll sie sich nur noch um die Aufarbeitung kümmern, nicht aber die Schule leiten.

Der alte Vorstand des Trägervereins wurde nach heftigen Konflikten abgewählt, der neue erlebte dann mehrere Zerwürfnisse. Vorsitzender und Sprecher traten im Herbst zurück, zuvor war bereits ein weiteres Mitglied ausgeschieden, Adrian Koerfer. Er initiierte den Verein "Glasbrechen" und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schule. Sie habe "noch viel zu wenig aus ihrer sehr eigenen Vergangenheit gelernt"; die Opfer würden "als äußere Feinde" betrachtet, die Schule drücke sich um schmerzhafte Entschädigungszahlungen.

"Ist es so wichtig, dass es diese Schule gibt?"

Der Wissenschaftliche Beirat, der sich im November 2010 konstituierte, gab schon drei Monate später sein Mandat zurück, weil er keine Reaktion auf seine Vorschläge erkennen konnte. Seine abschließenden Empfehlungen kann man, wie schon einen vorherigen Bericht des Beirats, wie eine lange Mängelliste lesen. In dem geheimen Abschlusspapier werden - dringend - eine vernünftige Organisationsstruktur und klare Ziele angemahnt.

Große Fortschritte sollen jetzt unter neuer Führung erreicht werden. Doch manche im Umfeld sind unverändert skeptisch - wie der Landrat des Kreises Bergstraße, in dem die Odenwaldschule liegt. Matthias Wilkes hatte 2010 verkündet, keine Kinder an die Odenwaldschule mehr zu schicken, solange nicht neue Strukturen geschaffen und ein angemessener Umgang mit den Opfern gefunden sei. "Diese Forderungen sind noch nicht erfüllt", sagt Wilkes. Die Schule aber lebt unter anderem von Jugendämtern. Rund ein Drittel der Schülerschaft kam in den letzten Jahren im Rahmen der Jugendhilfe an die Odenwaldschule, meist von weiter her.

Die Zahl der Schüler ist nun mindestens leicht gesunken, insgesamt sind es nach Vorstandsangaben derzeit rund 200 Schüler. Ein Trägervereinsmitglied fürchtet in einer internen E-Mail schon den Tag, an dem es zu einer "1:1-Betreuung" der Schüler durch Lehrer kommt. Der jetzige Vorstand beteuert hingegen, dass die Finanzlage gesichert sei. Wie auch immer: Neben der Aufarbeitung des Skandals, der nach Vorstandsangaben bereits mehr als eine halbe Million Euro gekostet hat - inklusive einer Zahlung an "Glasbrechen"- , hat die Schule noch ganz andere kostspielige Probleme. Die Häuschen an den bewaldeten Hängen, die von weitem wie die Kulisse einer Modelleisenbahn wirken, müssten dringend für Millionen Euro saniert werden.

Noch aber ist auch kein Ausgleich mit den Opfern gefunden, viele üben heftige Kritik an der Schule. Im SPIEGEL-Interview forderte der Ex-Schüler "100.000 Euro - das wäre ein Betrag, mit dem man etwas machen kann". Dass die Schule möglicherweise pleite wäre, wenn sie mehr als 130 Menschen jeweils 100.000 Euro zahlte, interessierte ihn nicht: "Na und? Ist es so wichtig, dass es diese Schule gibt? Wichtiger als denen, die für immer geschädigt sein werden, Entlastung zu schaffen?"

insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
sailmaster, 02.09.2011
1. Wozu noch?
Zitat von sysopTief verstrickt in ihre pädosexuelle Vergangenheit ringt die Odenwaldschule um ihre Zukunft. Die einstige Vorzeigeanstalt muss sich neu erfinden, aber das fällt schwer. Opfer fordern weiterhin Entschädigungszahlungen - und die Schule drücken noch ganz andere Sorgen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,783904,00.html
Da diese Schule es offenbar nicht fertigbringt mit ihrer Vergangenheit umzugehen, sollte sie geschlossen und aus dem Erlös des Verkauf der Gebäude und des Geländes die Opfer entschädigt werden. Diese Schule braucht kein Mensch. Nebenbei sollte noch peinlich darauf geachtet werden, dass die jetzt Verantwortlichen, die sich ja offensichtlich sogar in der derzeitigen Situation als pädagogisch unfähig zeigen, nie wieder in einem Beruf, der mit Minderjährigen zu tun hat, arbeiten dürfen. Die Verschleppung und Vertuschung ist fast genauso schlimm, wie der Missbrauch selbst. Die Opfer haben nicht nur ein Recht auf Entschädigung, sondern es würde wahrscheinlich auch helfen, wenn dieses Kapitel für sie abgeschlossen wäre. Das scheint aber mit meisten der Verantwortlichen der Schule nicht zu machen sein.
Grosskotz 02.09.2011
2. die Odenwaldschule ist nur eine Internats-Lehranstalt
grundsätzich stellt sich die Frage aber nach dem Sinn und der Berechtigung einer jeglichen Internatserziehung. Und nachdem es - unabhängig von der jeweiligen Trägerschaft und seiner religiösen oder weltanschaulichen Ausrichtung - offensichtlich nicht so ohne weiteres möglich ist, die heranwachsenden Jugendlichen und Schutzbefohlenen ohne sexuelle Einwirkung durch Lehrkräfte zu erziehen, bedarf es offensichtlich instiutionalisierter Kontrollen, um eben dies zu vermeiden. Getreu dem Grundsatz, daß Vertrauen gut, Kontrolle aber besser sei.
CitizenTM 02.09.2011
3. Auflösen
Auflösen ist die einzige Lösung für diese verlogenen 'Anstalt'.
wibo2 02.09.2011
4. Anything goes
Es geht darum, für Recht und Ordnung zu sein. Wir leben nach Dahrendorf in einer "Welt ohne Halt" und zwar in einem doppelten Sinn;" Keiner kann sie halten und wir finden in ihr keinen Halt". Wenn Reformpädagogik heissen soll, dass es keine Regeln und Prinzipien mehr geben soll, die unserem Handeln überhaupt noch Orientierung und Halt geben können, dann sollte man mit mit der Reformpädagogik Schluss machen. Das katastrophale Versagen deutscher Bildungspolitik, das insbesondere Frau Schavan verantwortet, wird auch am Beispiel der Odenwaldschule deutlich. Lügen und Unzucht treiben standen auf dem Stundenplan. Wenn es nur Spaß macht und der Selbstverwirklichung dient, dann ist es erlaubt. "Anything goes" ist die einzige moralische Norm, die anerkannt wird, die jede Perversität hoffähig macht. Es ist seltsam, dass es keine Stiftung gibt, die Geld für die Opfer des Missbrauchs an der Odenwaldschule zur Verfügung stellt. Die Opfer sollen selbst sehen, wie sie mit ihrer Not zurechtkommen. Von Hentig und Becker wurden als angesehene Mitglieder der besseren Gesellschaft behandelt. Die Haltung, der Charakter und die Persönlichkeit unserer besseren Gesellschaft zeigt sich hier, in diesem Verhalten ohne Mitgefühl, sehr deutlich. Die Glaubwürdigkeit der Elite hat sehr gelitten. Auch der Staat hilft hier nicht schnell und unbürokratisch. Frau Schavans Handeln ist wie stets von Herzlosigkeit und menschlicher Kälte gekennzeichnet.
Sara100, 02.09.2011
5. Kein Titel
Zitat aus dem Spiegel Artikel : - Die Schule aber lebt unter anderem von Jugendämtern. Rund ein Drittel der Schülerschaft kam in den letzten Jahren im Rahmen der Jugendhilfe an die Odenwaldschule, meist von weiter her.- Zitat Ende Da stellt sich mir aber auch die Frage warum die Jugendämter hier noch Schüler hinschicken. Wenn die Odenwaldschule so eine verwerfliche Geschichte hat, kann doch kein Jugendanmt der Welt diese Verantwortung übernehmen weiterhin Schüler an die Odenwaldschule zu schicken. Wenn sie das aber weiterhin macht, so ist auch das Jugendamt an den Pranger zu stellen. Auch als Eltern sollte man es sich doch sehr gut überlegen was man seinem Kind damit antut. Diese Schule sollte endlich anfangen ein Teil seiner Schuld zu begleichen. Den anderen, viel schlimmeren Teil nämlich den seelischen kann es eh nicht mehr gut machen. Und danach sollte sie schließen !!.
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