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30. September 2010, 12:11 Uhr

Mit der Seilbahn zum Unterricht

Die verrücktesten Schulwege Deutschlands

Von Annick Eimer

Sie fahren mit dem Motorschlitten, einer Fähre oder einer Seilbahn, um zum Unterricht zu kommen: Acht Schüler berichten dem SchulSPIEGEL von ihren skurrilen Schulwegen. Dabei sind nicht nur die Verkehrsmittel ausgefallen - für manche Schüler ist die morgendliche Fahrt zugleich ein Trip ins Ausland.

"Ich werde morgens mit dem Boot abgeholt. Mein Vater ist Fischer, und wir wohnen auf einer kleinen Halbinsel im Königssee. Sie heißt Sankt Bartholomä und ist nur mit dem Boot zu erreichen. Da ich das einzige Schulkind auf der Insel bin, kommt der Kapitän nur für mich.

Meistens erscheint er ein bisschen früher. Dann geht er noch spazieren, weil es bei uns so schön ist. Entweder kommt er mit einem kleinen Boot mit Außenbordmotor oder mit einem größeren Elektroboot. Das hängt vom Wetter ab. Das große Boot hat nämlich eine beheizte Kabine und ein Radargerät. Das braucht man, um den Weg zu finden, wenn es neblig ist.

Wenn wir nach einer halben Stunde Fahrt am Ufer angekommen sind, muss ich noch zehn Minuten mit dem Bus fahren. Auf dem Rückweg ist es am Bootsanleger oft sehr voll, weil viele Touristen nach Sankt Bartholomä wollen. Die müssen dann lange warten. Ich darf aber immer an der Schlange vorbeigehen."

"Mein Vater ist Franzose, meine Mutter ist Deutsche. Wir leben in Frankreich, in Mulhouse, das ist eine Stadt sehr nah an der Grenze. Zur Schule gehe ich in Deutschland, in Freiburg. Dort gibt es nämlich ein Gymnasium für Kinder, die zweisprachig aufwachsen.

Ich habe viele Klassenkameraden, die wie ich in Frankreich wohnen. Wir sind rund hundert Kinder, die jeden Tag über die Grenze fahren. Mit zwei Doppeldeckerbussen werden wir abgeholt, die Fahrt dauert über eine Stunde. In der Zeit mache ich meistens Hausaufgaben.

Von der Grenze sieht man gar nichts mehr, kontrolliert wird man auch nicht. Manchmal weiß ich gar nicht, in welchem Land ich gerade bin. Das ist ganz schön verwirrend. Mir ist es zum Beispiel schon einmal passiert, dass ich in Deutschland jemanden auf Französisch nach der Uhrzeit gefragt habe."

"Meine Mutter fährt mich jeden Morgen mit einem Quad zur Schule, das ist ein kleines Motorrad mit vier Rädern. Wir wohnen in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, ganz weit oben in den Bergen. Fahrrad fahren wäre da viel zu anstrengend. Außerdem gibt es nicht einmal eine Straße. Zu unserem Haus führt nur eine Schotterpiste.

Im Sommer fahren wir mit dem Quad immer bis ganz runter ins Tal. Dort wartet dann ein Taxi auf mich, das mich zur Schule bringt. Im Winter düsen wir mit dem Quad zur Seilbahn, und dann fahre ich damit runter. Eigentlich könnte ich den Quad auch schon selbst fahren. Auch unser Auto und sogar den Bagger meines Vaters bin ich schon gefahren, und gerade hat mir mein Bruder das Motorradfahren beigebracht. Das darf ich aber nur auf unserem Privatweg."

"Wir wohnen auf einer Berghütte in den Alpen. Im Sommer fährt uns unsere Mutter morgens runter ins Dorf. Dort nehmen wir den Schulbus. Mittags kann sie uns aber nicht abholen, weil dann in unserem Gasthof Wanderer sind, die alle essen wollen. Deswegen fahren wir erst mit dem Schulbus zum Bahnhof, steigen um und fahren zu einer Seilbahn, die uns den Berg hochbringt.

Oben müssen wir wieder in einen Bus steigen und dann noch ein paar Kilometer laufen. Bis wir zu Hause sind, brauchen wir rund eineinhalb Stunden. Im Winter ist es noch schwieriger. Dann bringt unsere Mutter uns morgens mit dem Motorschlitten zur Bushaltestelle. Wenn es viel geschneit hat, muss unser Vater erst einmal mit der Pistenraupe einen Weg frei machen.

Trotzdem bleiben wir manchmal stecken. Wir haben immer Schaufeln dabei, mit denen schippen wir den Schnee weg, um den Schlitten wieder frei zu kriegen. Wenn uns das nicht gelingt, wird es kompliziert. Weil es keinen Handy-Empfang gibt, müssen wir dann durch den Schnee zur nächsten Hütte stapfen, um Hilfe zu holen. Das Schlittenfahren macht richtig Spaß. Doof ist nur, dass wir mit dem vollgeschneiten Schneeanzug in den warmen Bus steigen müssen. Wir haben daher Anziehsachen zum Wechseln dabei."

"Ich muss morgens um halb sieben aus dem Haus. Dann fahre ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Neben dem Bahnhof hat mein Vater eine Arztpraxis. Dort auf dem Hof stelle ich das Fahrrad ab. Mit dem Zug geht es dann zum Rhein runter. Im Zug treffe ich Freundinnen, die auch auf meine Schule gehen.

Am Rheinufer wartet meistens schon die Fähre auf uns. Meine Schule liegt nämlich auf der Insel Nonnenwerth und hat eine eigene Fähre. Außer der Schule gibt es auf der Insel nur noch ein Kloster. Wir Unterstufenschüler müssen uns unters Deck setzen. Nur die Oberstufenschüler dürfen aufs Achterdeck. Der alte Fährmann hat mich auch schon einmal ans Steuer gelassen. Leider ist er aber in Rente gegangen, und jetzt dürfen wir das nicht mehr.

Manchmal hat die Bahn Verspätung. Dann müssen wir bis zur zweiten Stunde warten, erst dann kommt die Fähre wieder rüber, um uns abzuholen. Wenn es starkes Hochwasser gibt oder im Winter der Rhein zugefroren ist, dann fährt die Fähre gar nicht. Leider passiert das nur selten. Ich habe es noch nie erlebt."

"Ich wohne in einer ganz kleinen Siedlung in Brandenburg. Um in den nächsten Ort zu kommen, muss man über eine kleine Straße durch den Wald fahren. Ich werde jeden Morgen um zwanzig nach sechs von einem Taxi abgeholt, das mich zur Bushaltestelle bringt, die ungefähr sieben Kilometer entfernt ist.

Mit dem Bus muss ich dann noch eine gute halbe Stunde bis zu meiner Schule fahren. Mittags holt mich das Taxi wieder an der Bushaltestelle ab. Wenn ich früher Schule aus habe, dann schicke ich der Taxifahrerin eine SMS. Dann kommt sie mich früher abholen. Morgens bin ich meist noch müde, dann sitze ich einfach nur im Auto. Mittags unterhalte ich mich dann mit der Fahrerin und erzähle ihr, wie der Tag war. Die weiß also meistens vor meiner Mutter, wie es in der Schule gelaufen ist."

"Ich wohne in Polen, in Slubice, einer Stadt an der Oder. Zur Schule gehe ich aber in Deutschland, in Frankfurt an der Oder. Meine Schule hat eine zweisprachigen Zweig und es gibt viele Schüler, die aus Polen kommen. Ich muss jeden Tag über die Brücke, die zugleich Grenze zwischen Deutschland und Polen ist.

Früher war das ein großer Grenzübergang. Jetzt muss man zwar immer noch durch die Abfertigungshalle, aber Grenzbeamte gibt es dort nicht mehr. Morgens fährt mich meine Mutter, weil sie auch nach Frankfurt zur Arbeit muss. Wir nehmen dann immer noch zwei Freundinnen im Auto mit.

Mittags gehe ich zu Fuß nach Hause. Meistens treffe ich in Slubice dann noch Freundinnen, mit denen ich früher die Grundschule in Polen besucht habe. Wir schlendern dann durch die Straßen, gehen shoppen und Eis essen."

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