Mit Nachhilfe zum Abi "Je besser die Noten, desto höher der Status"

Früher schickten Eltern ihre Kinder wegen schlechter Noten zur Nachhilfe - als Rettungsanker. Heute pauken auch Einser- und Zweierschüler zusätzlich: aus Angst vor dem Abstieg. Soziologen nennen das "Statuspanik". Von der Überhöhung des Gymnasiums profitiert eine ganze Industrie.

Nachhilfeprofi Mauve: Schüler unter Druck in den besseren Vierteln
Hartmut Schwarzbach / argus

Nachhilfeprofi Mauve: Schüler unter Druck in den besseren Vierteln

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Was das Abitur zählt und wie groß der Leidensdruck deutscher Gymnasiasten ist, davon kann Charlotte Mauve erzählen, von Beruf Lerntherapeutin und Nachhilfelehrerin. Sie hat 40 Schüler pro Woche, sie kann von der Nachhilfe leben. Mauve arbeitete als Bauingenieurin, dann merkte sie, dass sie sehr gut darin war, ein Problem zu zerlegen und so wieder zusammenzusetzen, dass jeder es verstand. Auch ihre Tochter, mit der sie zu Hause für die Schule lernte.

Mauve gehört zur wachsenden Zahl der Nachhilfeprofis in der Republik. Sie ist ein Reparaturbetrieb, vor allem für das Gymnasium, das unter steigenden Schülerzahlen stöhnt, unter den hochgeschraubten Anforderungen nach dem Pisaschock und unter einer G-8-Reform, die dem Gymnasium ein Jahr genommen hat, ohne dass die Lehrpläne entsprechend abgespeckt worden wären.

Bei einer anonymen Umfrage unter rund 55.000 Gymnasialeltern kam heraus, dass bei den Sechstklässlern fast jeder fünfte, bei Siebt- bis Neuntklässlern schon fast jeder vierte Schüler Nachhilfestunden nimmt. Und das ist nur das Ende der Kette: Häufig haben sich vorher schon die Eltern mit ihren Kindern abgemüht, sich an ihnen abgekämpft, bis sie für diese Ersatzschule am Küchentisch keine Zeit oder keine Nerven mehr hatten. Meist beides nicht.

"Die Grundhaltung ist Sorge"

Ihre Tochter ist inzwischen längst aus der Schule, nun schafft Charlotte Mauve, 52, Ordnung im Kopf fremder Kinder. Macht ihn erst frei, füllt ihn dann auf mit dem Stoff, den die Gymnasiasten brauchen, um von ihren Fünfen oder Sechsen wegzukommen. Manchmal schicken Eltern ihr sogar Kinder, die nur Einser oder Zweier im Zeugnis haben - aus Angst, sie könnten ohne Nachhilfe doch mal abrutschen.

"Die Grundhaltung ist Sorge", sagt die Nachhilfelehrerin. "Die Sorge, dass es die Kinder einmal schlechter haben werden." Und die Kinder denken genauso: "Früher galten schlechte Schüler als cool, heute sind sie die Außenseiter der Klasse. Je besser die Noten, desto höher der Status."

Mauve, 52, gibt ihre Stunden in Ahrensburg, im Speckgürtel von Hamburg, in einer Seitenstraße der Parkallee, die im Großen und Ganzen hält, was der Name verspricht. Hier sieht man weiße Villen zwischen alten Bäumen und hier und da Grundstücke, auf denen die "Schöner Wohnen"-Hefte der Jahrgänge 1970 bis 2009 nachgebaut wurden.

Was man nicht sieht: den enormen Druck, der in der ganzen Republik auf solchen Vierteln lastet. Die Angst, die Panik. Die Sorge, dass die Erfolgsstory nach Generationen abreißen könnte ausgerechnet. Mit dem eigenen Spross, der die Leistungsnorm für solch ein Leben an der Parkallee nicht schafft: das Abitur.

Das Abi, eine Frage der Existenz und der Ehre

Mauve kennt das, ihre Großmutter war nach dem Krieg in Ahrensburg Lehrerin an der altehrwürdigen Stormarnschule, der Vater Bauunternehmer mit Abitur. Und sie, die Tochter, war eine Schulversagerin. Sie blieb sitzen in der Achten, wechselte die Schule, schaffte gerade so ihr Abi, mit einem Schnitt von 3,4.

Schon ihre Schulzeit war ein harter Weg, doch heute, sagt Mauve, heute ist es noch härter. Heute ist es eine Frage der Existenz, der Ehre, sie kann über Glück und Unglück ganzer Familien entscheiden. Sie lautet: Besteht mein Kind dort, wo die Weichen gestellt werden für fast alles Erstrebenswerte im Leben, Geld, Titel, gesellschaftliche Anerkennung?

Soziologen sprechen von Statuspanik, sie grassiert vor allem unter Eltern aus der Mittelschicht, die wissen, dass ihre Kinder nicht kraft angeborener Herkunft oder geerbten Reichtums vor einem Abstieg sicher sein werden. Für diese Eltern ist das Abitur ein Gütesiegel fürs Leben und ein Leben ohne Abitur ein Leben für Verlierer.

Haben oder nicht haben, sein oder nicht sein: Das Abitur wird zur Vorentscheidung über die Zukunft, so unantastbar wie die Schule, an der sie fällt - das Gymnasium.

insgesamt 354 Beiträge
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Seite 1
hjm, 10.05.2008
1.
Zitat von sysopÜber eine Milliarde Euro jährlich geben Deutschlands Eltern für Nachhilfe aus - vor allem ein Mittelschichts-Phänomen. Denn eine neue Studie zeigt, dass eher gute Schüler für eine Eins als schlechte Schüler gegen die Fünf pauken. Dafür öffnen die Eltern ihr Portemonnaie. Was denken Sie, wie sinnvoll Nachhilfe ist?
Sehr sinnvoll. Dann habe ich nämlich in der Schule weniger Sorgen und kann meine Nachmittage und die zwölf Wochen Ferien im Jahr voll auskosten, statt mich um die Probleme der Schüler kümmern zu müssen.
MC-NY 10.05.2008
2.
Zitat von sysopÜber eine Milliarde Euro jährlich geben Deutschlands Eltern für Nachhilfe aus - vor allem ein Mittelschichts-Phänomen. Denn eine neue Studie zeigt, dass eher gute Schüler für eine Eins als schlechte Schüler gegen die Fünf pauken. Dafür öffnen die Eltern ihr Portemonnaie. Was denken Sie, wie sinnvoll Nachhilfe ist?
Also ich habe 2 Jahre lang Nachhilfeunterricht genommen, da ich ein paar Probleme hatte. Mir hat das damals sehr viel gebracht, was vielleicht auf an meiner guten Nachhilfe Lehrerin gelegen hat. Ich habe einfach ein besseres Verständnis für das fach entwickeln können, da ich auch jede noch so dumme Frage stellen konnte, für die im Unterricht einfach nie Zeit war. Seit 3 Jahren komme ich jetzt auch bestens ohne Nachhilfe aus.
tl-hd 10.05.2008
3.
Zitat von sysopÜber eine Milliarde Euro jährlich geben Deutschlands Eltern für Nachhilfe aus - vor allem ein Mittelschichts-Phänomen. Denn eine neue Studie zeigt, dass eher gute Schüler für eine Eins als schlechte Schüler gegen die Fünf pauken. Dafür öffnen die Eltern ihr Portemonnaie. Was denken Sie, wie sinnvoll Nachhilfe ist?
Ich denke, das lässt sich nicht so pauschalisiert beantworten. In den Fällen, in den ein Schüler zwischenzeitliche Probleme hat, weil er z.B. einige Zeit gefehlt hat oder mit der Art, wie der neue Mathelehrer den Stoff erklärt, nicht zurechtkommt, kann Nachhilfe durchaus sinnvoll sein. Wenn aber ein Schüler ständig nur mit Nachhilfe die Versetzung schafft, sollte man wohl eher überlegen, ob er nicht auf der falschen Schule ist. Und wenn es allein darum geht, durch Nachhilfe auf Spitzennoten zu kommen, müssen sowohl der Schüler als auch die Eltern abwägen, ob ihnen das die Zeit bzw. das Geld wert ist - wobei ich denke, dass da wohl die Eltern oft eher bereit sind, das zu zahlen, als die Schüler, die Zeit dafür zu opfern.
Pablo alto, 10.05.2008
4. Weiter so
Zitat von MC-NYAlso ich habe 2 Jahre lang Nachhilfeunterricht genommen, da ich ein paar Probleme hatte. Mir hat das damals sehr viel gebracht, was vielleicht auf an meiner guten Nachhilfe Lehrerin gelegen hat. Ich habe einfach ein besseres Verständnis für das fach entwickeln können, da ich auch jede noch so dumme Frage stellen konnte, für die im Unterricht einfach nie Zeit war. Seit 3 Jahren komme ich jetzt auch bestens ohne Nachhilfe aus.
Vielleicht sollten Sie noch eine Stunde dranhängen - dann passiert Ihnen das mit der "Nachhilfe Lehrerin" auch nicht mehr.
Senfkorn, 10.05.2008
5.
Meine Kinder geben Nachhilfe und soweit ich das mitbekomme, haben sie keine Kunden die unbedingt um eine 1 kämpfen, sondern Schüler die nach einem Lehrerwechsel nichts mehr kapieren. Und wenn dann statt der gewohnten 2 oder 3 plötzlich die 5 unter der Arbeit steht, wird Hilfe gesucht. Es gibt 2 oder 3 Mathelehrer in der Stadt, die zaubern bei jedem pfiffigen Oberstufenschüler ein Lächeln ins Gesicht. Das Einkommen ist gesichert. MfG Senfkorn
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