Mobbing an der Schule Hauen, schubsen, tratschen

Für viele Kinder ist es die Hölle, jeden Tag haben sie Angst vor Prügel und Spott. Mobbing in der Schulzeit kann die Außenseiter einer Klasse lebenslang verfolgen. Die Münchner Forscherin Mechthild Schäfer kennt die Mechanismen von Schul-Mobbing und einen Ausweg für die Opfer.


Statusgewinn durch Schikane: Prügelei auf dem Schulhof
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Statusgewinn durch Schikane: Prügelei auf dem Schulhof

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Frau Schäfer, den Begriff Mobbing kennt man aus der Erwachsenenwelt, etwa wenn am Arbeitsplatz bestimmte Kollegen gezielt psychisch fertig gemacht werden. Wie sieht denn Mobbing unter Kindern aus?

Mechthild Schäfer: Unter Jungs kommen ganz normale Formen von Aggression vor: Schlagen, Hauen, Schubsen, Sachen wegnehmen. Bei Mädchen sind es eher subtilere Formen: Tratsch und Gerüchte, die richtig fies und gemein sind. Auf dem Schulhof wird gelästert: "Hast du schon mal die Bluse von der gesehen, die sieht ja völlig uncool aus." Oft sehen einzelne Fälle von Mobbing relativ harmlos aus. Jemand, der nicht richtig hinsieht, könnte sagen: Das ist doch Pipifax, was soll's. Wenn es aber immer den Gleichen trifft, dann ist das übel. Wenn der Mobbing-Prozess unkontrolliert weiterläuft, machen in der Klasse immer mehr mit.

SPIEGEL ONLINE: Mobbing ist also nicht nur die Angelegenheit zwischen einem Täter und seinem Opfer, sondern ein Gruppenphänomen. Wie entstehen solche Prozesse in der Schulklasse?

Schäfer: Durch das Schikanieren anderer will der Täter an Status gewinnen, es ist ein Missbrauch von sozialer Macht. Aggression kann eine sehr erfolgreiche Strategie sein, wenn viele mitmachen und dem Täter Bestätigung geben. Ungefähr 30 Prozent in einer Klasse assoziieren sich gerne mit einem Täter, weil sie denken, so könnten sie etwas von dessen "Glorienschein" abhaben. Es gibt auch den Typ Maulheld, der die Täter beim Mobbing verbal unterstützt. Erfährt der Täter diesen Zuspruch, wird er immer weiter und immer etwas Schlimmeres machen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn das typische Opfer?

Schäfer: Jeder kann Opfer sein, etwa jedes siebte Kind macht die Erfahrung, Opfer zu sein. Meist geraten Kinder in diese Rolle, die in der Klasse sozial schwach gestellt sind. Zum Beispiel ein Kind, das ganz neu in der Klasse ist, oder eines, das besonders begabt ist und nicht so gut zum Rest der Klasse passt. Es kann aber auch daran liegen, dass das Kind wegen Problemen in der Familie, einer kranken Großmutter etwa, einfach ein bisschen verletzlich ist. Die gängigen Erklärungen, dass Kinder gemobbt werden, nur weil sie rote Haare und eine Brille haben, hauen jedenfalls nicht hin. Wenn ein Kind in der Grundschule Opfer war, heißt das auch nicht, dass es in der weiterführenden Schule Opfer bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit den Opfern von Hänseleien?

Schäfer: Unsere Schulpflicht garantiert, dass die Opfer jeden Tag von morgens bis mittags mit den Tätern konfrontiert sind. Die Opfer gehen mit Angst in die Schule und ziehen sich immer weiter zurück. Wenn dann soziale Beziehungen abbröckeln, auf die man sich verlassen hat, ist das ein Gefühl als verliere man total die Kontrolle. Das wirkt bis ins Erwachsenenalter, die Leute werden dadurch im Leben misstrauischer. Viele haben später Schwierigkeiten in Beziehungen oder können Freundschaften nicht aufrechterhalten.

Lehrer müssen mit den Mechanismen des Mobbings vertraut sein
GMS

Lehrer müssen mit den Mechanismen des Mobbings vertraut sein

SPIEGEL ONLINE: In der Praxis kommt es oft so weit, dass die Opfer die Schule wechseln, wenn sie das Mobbing nicht mehr aushalten. Kann das die Lösung sein?

Schäfer: Im neuen Umfeld sind die Kinder oft noch ängstlicher. Die Gefahr, dass sie wieder zum Opfer werden, ist groß. Einer von zwei Klassenwechslern wird wieder zum Opfer. Verheerend daran ist auch die Botschaft an die Kinder: Jemand der schwach ist und ausgegrenzt wird, erfährt keinen Schutz. Eigentlich müsste man die Täter aus der Klasse nehmen, das ist aber schulrechtlich schwierig. Und welcher Lehrer will schon einen solchen Störenfried in der Klasse haben?

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um einen solchen Mobbing-Prozess zu unterbinden?

Schäfer: Alleine kommen die Kinder aus dem Prozess nicht heraus. Daher sind die Lehrer die Einzigen, die etwas tun können, viel hängt von ihrer Aufmerksamkeit ab. Wenn der Schulranzen eines Kindes immer irgendwo in der Klasse rum fliegt, wenn blöde Sprüche immer auf ein Kind zielen, Papierkügelchen immer in eine Richtung fliegen, dann muss der Lehrer eingreifen, klare Normen setzen und sagen: Das läuft bei uns nicht. Es darf nicht sein, dass Aggression in der Klasse toleriert wird.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Lehrer damit nicht überfordert, müssten sie nicht besser für solche Situationen geschult werden?

Jedes Siebte Kind ist Opfer
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Jedes Siebte Kind ist Opfer

Schäfer: Die Unis müssen die angehenden Lehrer entsprechend schulen. Wenn die Lehrer Mobbing-Situationen früh erkennen, hilft ganz einfache Pädagogik. Einmal meinte ein Lehrer zu mir: Sie sagen uns nach welchen Mechanismen Mobbing funktioniert und wir haben die pädagogischen Mittel etwas gegen Mobbing zu unternehmen. Als Lehrer muss man nur sensibel sein für das soziale Gefüge einer Klasse. Und für die Opfer gilt: Wenn man nichts sagt und alles für sich behält, wird es sicher nicht besser - aber garantiert schlimmer.

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff Mobbing hört sich so modern an. Ist das Phänomen neu oder hat es Schikane, Ausgrenzung und Hänselei nicht schon früher gegeben?

Schäfer: So etwas hat es immer schon gegeben. Und es ist auch nicht schlimmer geworden, wie aktuelle Untersuchungen zeigen. Letztlich muss man sich entscheiden, ob man in Kauf nehmen will, dass einige Kinder leiden, weil sie zur Schule gehen müssen.

Das Interview führte Jörg Hackhausen

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