Mobbing im Internet Share dich fort!

Sie beleidigen, sie drohen, sie treiben Mitschüler und Lehrer in die Verzweiflung: Jugendliche pöbeln auf der anonymen Lästerseite iShareGossip in bisher ungekanntem Ausmaß. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Cybermobbing den Schulalltag verändert - und wie die Gegenwehr aussieht.
Mobbing-Plattform iShareGossip: Es fallen sämtliche Schamgrenzen

Mobbing-Plattform iShareGossip: Es fallen sämtliche Schamgrenzen

Sie geben sich abgeklärt, die drei Mädchen aus der siebten Klasse, trotz der Beleidigungen. Vor knapp drei Wochen haben sie entdeckt, was ihre Mitschüler über sie geschrieben haben, anonym, im Internet. "Schlampe" steht da über eine von ihnen, über die andere heißt es: "Jeder hasst sie."

Bis dahin kannten sie die Internetseite nicht, von der in der Schule gesprochen wurde. Gemeinsam gingen sie nach Hause, setzten sich an den Laptop und steuerten www.isharegossip.com an. Wie haben sie sich gefühlt, als sie die Einträge entdeckten? Kaputtgelacht habe sie sich, sagt eine, "weil ich wusste, dass es nicht stimmt, was da steht".

Aber es hat ihnen auch keine Ruhe gelassen. "Ein komisches Gefühl", sei es gewesen, den eigenen Namen und all die Ausdrücke im Netz zu lesen, sagt eine.

Kaum eine Internetseite hat Schüler, Eltern und Lehrer so verunsichert wie iShareGossip; eine Seite, die offensiv damit wirbt, dass Einträge angeblich nicht zurückverfolgt werden können. Zwar lästern Schüler schon seit Jahren online. Sie laden Videos hoch, auf denen zu sehen ist, wie sie laut rülpsend die Biolehrerin zur Verzweiflung treiben und wie sie in der BWL-Stunde durch die Klasse tanzen. Sie posten Fotos, die den Trunkenheitspegel auf der letzten Party dokumentieren. Und auch der Ton in manchen Foren und sozialen Netzwerken ist manchmal ziemlich rau. Das alles ist nicht neu.

Wie Online-Pöbeleien im echten Leben eskalierten

Doch bei iShareGossip fallen sämtliche Schamgrenzen. In Einträgen werden Jungen bloßgestellt, die angeblich in der Umkleidekabine onanieren. Mädchen lesen über sich, mit wie vielen Jungen sie angeblich schon Sex hatten und in welcher Variante sie ihn am liebsten praktizieren. Und vor den Namen von Lehrern finden sich häufig Wörter wie "Schwuchtel" und "Schlampe". Bis vor wenigen Jahren stand so etwas nur auf den Kacheln des Schulklos, und der Hausmeister wischte es irgendwann mit Chemiereiniger weg.

Jetzt steht es im Netz und verschwindet nicht mehr. Auf der Plattform lassen sich die Schulen direkt ansteuern, so dass die Nachrichten ihre Adressaten auch erreichen. Die Verfasser müssen sich nicht registrieren, sie vertrauen darauf, unerkannt zu bleiben - so wie es die Betreiber der Seite versprechen.

Besonders aktiv beteiligen sich Gymnasiasten an den Pöbeleien, vor allem in Berlin - und hier eskalierten sie bereits mehrfach: An zwei Gymnasien blieben die Klassenräume für einen Tag leer, nachdem jemand auf der Plattform Amoklaufdrohungen gepostet hatte. Am vergangenen Wochenende wurde ein 17-Jähriger von 20 Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er die Online-Peiniger seiner Freundin zur Rede gestellt hatte.

Solche Fälle schaffen es in die Schlagzeilen. Doch unbeachtet bleiben all die Demütigungen, die im Verborgenen stattfinden, die langsam den Alltag an den Schulen verändern. Was macht es mit einer Schule, wenn es dazugehört, auf dem Mobiltelefon in der Pause zu checken, ob sich wieder jemand etwas Gemeines hat einfallen lassen? Wenn sich Schüler und Lehrer Fragen stellen wie: Wer hat das über mich geschrieben? Wem kann ich trauen? Was kommt da noch? Und was kann ich dagegen tun?

An einem Berliner Innenstadt-Gymnasium lässt sich zeigen, wie Lehrer ihre Schüler schützen wollen und manchmal selbst zu Opfern werden, wie Schüler Widerstand gegen Mobber mobilisieren und wie weh es tut, wenn Unbekannte über einen lästern.

Lehrer, Schüler und Schulleitung wollen anonym bleiben; nur so sprechen sie offen über ihre Ängste, Wünsche und Gedanken. Es ist eine ziemlich normale Schule in einer ziemlich normalen Gegend. Es gibt in etwa so viele Bioläden wie Handyshops in der Nähe, etwas mehr Billigfriseure als Buchläden. Etwas mehr als die Hälfte der Schüler hat Eltern, die aus der Türkei stammen, aus dem Libanon, aus Polen, Russland oder Vietnam. Auch die drei Mädchen, die sich so gelassen geben über die Online-Lästereien, gehen auf diese Schule.

Ein Besuch.

Lesen Sie hier weiter, begleiten Sie Schüler, Lehrer und Schulleitung:

"Am schlimmsten ist, dass man nicht weiß, wer geschrieben hat" - Schüler als Opfer

Gemobbte Schüler: Wer steckt dahinter?

Gemobbte Schüler: Wer steckt dahinter?

Foto: Corbis

Schüler als Opfer

"Ich geh' nicht auf die Seite", sagt eine Elftklässlerin, die Selbstgedrehte in der Hand, über iShareGossip. Als ein Mitschüler sagt, er habe nur mal geguckt, herrscht ihn das Mädchen an: "Damit hast du sie unterstützt." Denn sie weiß, dass für das Geschäftsmodell der Seite jeder Klick zählt.

Es scheint, als nehme mit zunehmendem Alter die Macht ab, die Schüler der Pöbelplattform geben. Es sind vor allem jüngere Schüler, die Schauergeschichten erzählen, über die sie im Netz gelesen oder von denen sie auf dem Schulhof gehört haben."Ein Junge hat sich umgebracht, weil dort was über ihn stand", sagt ein Siebtklässler. Manche glauben auch, dass aus ihrem Gymnasium eine Realschule gemacht werden soll, weil sich zu viele Beleidigungen im Netz finden, die ihrer Schule zugeordnet werden können.

Unter den älteren Schülern dominiert die Haltung: Ist mir egal. Doch einige leiden still. Auch ältere Mädchen verletzt es, wenn sie im Netz lesen, dass sie mit ihrem Freund angeblich alle Stellungen im Bett durch haben. Das Perfide: Die Opfer solcher Einträge schauen immer wieder auf die Seite; in der Freistunde laden sie sich neue Beleidigungen auf ihr Handy; es fällt ihnen schwer, abzuschalten.

Oft jedoch schmerzt nicht so sehr die Beleidigung selbst. "Am schlimmsten ist, dass man nicht weiß, wer geschrieben hat", sagt ein Mädchen. Ist es die beste Freundin, die im Verborgenen ihren Frust rauslässt? Ist es der sportliche Junge, der in Physik hinter mir sitzt?

Selbst nach einem Schulwechsel hört es nicht auf. Drei Siebtklässlerinnen, über die online gelästert wurde, fanden schließlich heraus, dass eine ehemalige Mitschülerin dahintersteckte, die das Probehalbjahr nicht geschafft hatte. Sie erkannten sie daran, dass sie Groß- und Kleinbuchstaben wild mixte, das kannten sie aus Chats mit ihr. Bei iShareGossip wollten die drei jedoch nichts erwidern: "Das macht es nur schlimmer", sagt eine.

Viele Schüler wehren sich mittlerweile anders. Sie fluten die Pöbelplattform mit Quatscheinträgen, kopieren etwa Wikipedia-Artikel und posten sie bei iShareGossip. Zwischen 300 Kommentaren mit Auszügen aus der Bandbiografie von Thin Lizzy fallen die "Schwuchtel"- und "Schlampen"-Einträge weniger auf, das ist die Idee. An einigen Berliner Schulen rufen die Schülervertreter zu solchen Aktionen auf, sammeln Unterschriften gegen Cybermobbing. Ein Schüler erzählt, es gebe gezielte Versuche, die Seite zu überlasten.

Noch ist sie online.

"Mit gemischten Gefühlen zur Arbeit" - Lehrer als Opfer

Niedergeschlagen: Manche Lehrer leiden unter den Beleidigungen im Netz

Niedergeschlagen: Manche Lehrer leiden unter den Beleidigungen im Netz

Foto: Corbis

Lehrer als Opfer

Ihr Image schätzt sie ziemlich realistisch ein: "Wir meckern am Tag so viele Leute an", sagt die Ethiklehrerin, "da ist es klar, dass die Schüler uns nicht lieben." Die Niedertracht und Gemeinheit der Worte, die sie über sich bei iShareGossip las, überraschte sie dann aber doch. Dass sie einen dicken Hintern habe, wisse sie ja selbst; sie wolle das jedoch nicht im Internet verewigt wissen - schon gar nicht so derb, wie es dort formuliert war.

Von dem Eintrag erfuhr sie an einem Mittwoch im Februar, der stellvertretende Schulleiter rief sie ins Büro und zeigte ihn ihr. "Da geht man am nächsten Tag mit gemischten Gefühlen zur Arbeit", sagt sie. Der "Tagesspiegel" berichtete sogar von Lehrern anderer Schulen, die die Klasse gewechselt hätten oder sich krankschreiben ließen, weil ihnen die Beleidigungen so nahe gehen.

Die Lehrerin hatte jetzt zwei Aufgaben zu lösen: einerseits die eigene Souveränität bewahren, sich nicht verunsichern lassen, andererseits das Problem angehen - als Ethiklehrerin gehört das Thema Cybermobbing zu ihrem Job.

Sie entschied sich gemeinsam mit der Schulleitung für die Offensive: Sie erstattete Anzeige und sprach das Thema im Unterricht an, immer mit dem Hinweis, dass auch die Polizei ermittelt. Einigen Schülern sei erst dann klargeworden, dass auch die Lehrer alle Einträge lesen könnten, sagt sie.

Eine Schülerin kam nach der Stunde zu ihr, entschuldigte sich für den beleidigenden Eintrag über die Lehrerin. Ein stilles Mädchen, es trägt Kopftuch, ist selbst etwas pummelig. "Da war ich perplex", sagt die Lehrerin. Es deckt sich mit Beobachtungen von Soziologen, die zum Thema Mobbing forschen: Opfer aus der Schule werden manchmal zu Tätern im Netz. Die Anzeige gegen das Mädchen zog die Lehrerin nicht zurück: "Wir wollen ein Signal setzen." Mehr hat das Mädchen allerdings nicht zu fürchten, es ist noch keine 14 Jahre alt und damit nicht strafmündig.

Die Lehrerin kontrolliert jetzt alle zwei Tage, ob sie bei iShareGossip neue Einträge findet. Es gehe ihr nicht um sich, sondern darum, die Schüler zu schützen. Gerade ist ihr ein Achtklässler aufgefallen, der im Unterricht immer stiller wurde. Im Netz steht, er sei dumm.

"Ich war schockiert" - Schulleiter als Aufklärer

Konfrontation: Schulleiter und Lehrer thematisieren Cybermobbing im Unterricht

Konfrontation: Schulleiter und Lehrer thematisieren Cybermobbing im Unterricht

Foto: Corbis

Schulleiter als Aufklärer

Eine Stellwand sollte helfen, das war die Idee. Möglichst viele Schüler sollten darauf unterschreiben, "Aktion: Zeig dein Gesicht, nenn deinen Namen", stand oben drüber. Der Schulleiter hatte sie im Foyer aufstellen lassen, die Schüler sollten öffentlich bekunden: Wir halten nichts von anonymer Lästerei.

Die Polizei hatte die Schulleitung über iShareGossip informiert. Der Schuldirektor und sein Stellvertreter entdeckten prompt Einträge über Schüler und Kollegen. "Ich war schockiert", sagt der Stellvertreter. Erst wollten sie abwarten, um nicht noch Werbung für die Pöbelplattform zu machen. Doch schon am nächsten Tag war ihnen klar: Wir müssen das angehen. Es wurden immer mehr Beleidigungen; im Sekretariat meldete sich ein verzweifeltes Mädchen, im Netz las sie über sich, sie sei eine "Schlampe". Weinend saß sie beim stellvertretenden Schulleiter.

Ein Dilemma, was also tun?

Sie informierten die Lehrer, erstatteten Anzeige, sprachen mit den Schülervertretern. Der Hausmeister baute die Stellwand im Foyer auf. Beim Projekttag gab es einen Workshop "Cybermobbing" für die Klassen sieben bis zehn, 30 Plätze. Aber es kam wie befürchtet: Manche Schüler erfuhren erst durch die Maßnahmen von der Internetseite. Dennoch: "Totschweigen bringt nichts", sagt der Schulleiter.

Es ist in etwa das, was Schulpsychologen und Mobbingexperten raten. Schulen müssten signalisieren: Das dulden wir nicht. Denn technisch ist dem Problem nur schwer beizukommen, zumal viele Schüler ihren Lehrern am Computer oft überlegen sind. Mehr als die Internetseite auf den Schulrechnern sperren, bleibt meist nicht. Immerhin: Die deutschen Versionen der bekanntesten Suchmaschinen sollen die Seite jetzt nicht mehr auflisten, weil sie indiziert wurde.

Die Stellwand allerdings baute der Hausmeister nach einer Woche wieder ab. Es hatten zwar Hunderte Schüler unterschrieben, doch schnell fanden sich neben den Namen auch explizite anatomische Zeichnungen.