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02. Dezember 2016, 11:14 Uhr

Mobbing in der Schule

"Und die ganze Klasse lachte mit"

Sie warfen ihr Bälle an den Kopf, hänselten sie, lachten sie aus - bis sie sich kaum noch in die Schule traute. Anna Belitz über das Gefühl, von allen im Stich gelassen zu werden - und was man dagegen tun kann.

Bis heute betrete ich lieber ein Krankenhaus als meine alte Schule. Aber für die Abi-Feier meiner Schwester bin ich doch dorthin zurück.

Jede Ecke ist mit einer Erinnerung verknüpft. Hier, vor den Biologieräumen, habe ich morgens manchmal gesessen und mich vor meiner Klasse versteckt. Hier habe ich einen Basketball an den Kopf bekommen, dort wurde ich Streberin genannt, da "echt hässlich". Einen Flur weiter bin ich einmal gegen die Tür geprallt, als ich die Beleidigungen nicht mehr hören konnte und einfach losrannte.

Von Mobbing wird viel gesprochen, verhindern kann man es nicht. Nicht in einer Zeit, in der Shows, in denen Menschen bloßgestellt werden, hohe Einschaltquoten garantieren. Eigentlich ist "Mobbingopfer" eine völlig korrekte Bezeichnung, aber verwendet wird das Wort vor allem als Beleidigung auf dem Schulhof.

Los ging es für mich in der neu gemischten neunten Klasse. Drei Jungen beleidigten mich, machten sich lustig über mein Aussehen und meine Brille - und die ganze Klasse lachte mit. Manchmal warfen sie mir Bälle an den Kopf oder schrien meine guten Noten durch den Raum, was wieder zu Gelächter führte. Sie hörten nicht mehr auf, und die Klasse machte mit. Selbst meine Freundinnen sagten bald nichts mehr oder stimmten sogar ein, aus Angst, selbst zum Ziel zu werden.

Ich traute mich kaum noch zum Unterricht, hatte nachts Albträume. Wenn ich Hilfe suchte, sagte man mir: "Ist doch nur Spaß." Jungs in der Pubertät müssten sich eben "ausprobieren", ich solle das nicht so ernst nehmen.

Aber mit Jugendstreichen hatte das nichts mehr zu tun.

Als ich mit Tanzstunden anfing, erfanden meine Freundinnen eine Beziehung zu meinem Tanzpartner, und die drei Mitschüler kritzelten meinen Tisch mit Hochzeitswünschen voll. Die Gerüchte verbreiteten sich im ganzen Jahrgang. Ein riesiges Transparent mit unseren Namen und Dutzenden Herzen wurde aufgehängt, so hoch, dass ich nicht herankam.

Das Hilfsnetzwerk der Schule brachte mir nichts. Die Vertrauenslehrer hatte ich selbst im Unterricht, sie konnten nichts ausrichten. Die Jungen nickten - und machten einfach weiter. Ihre Beleidigungen brachten sie immer so vor, dass man sich einreden konnte, sie wären gar nicht so gemeint - wenn sie sich nicht jeden Tag wiederholt hätten.

In den "Mobbing-Kasten" der Klasse wurden nur Zettel eingeworfen, damit der Unterricht zugunsten eines Klassengesprächs ausfiel. Einmal sollten wir eines ohne unsere Lehrerin führen. Die Wortführerin stand auf: "Jetzt mal im Ernst - fühlt sich hier irgendjemand gemobbt?" Ich schwieg. In der nächsten Stunde war das Getuschel aus den Reihen hinter mir lauter als sonst.

In Ratgebern heißt es immer, man solle sich an Freunde und Familie wenden. Aber für die Familie ist das Problem unvorstellbar. Ich habe Monate gebraucht, um meinen Eltern zu erklären, dass ich nicht einfach mit den Jungen reden kann, um es zu beenden. Und meine Freundinnen hatten Angst um sich selbst, und ich kann es ihnen nicht verdenken.

Mir wurde immer wieder gesagt, ich solle aufstehen und mich den Jungen stellen. Nach einer Weile in einer Selbstbehauptungsgruppe, in die mich meine Klassenlehrerin geschickt hatte, klappte es auch. Ich lernte, dass mir manche Menschen einfach egal sein können und müssen. Und dass ich es nicht verdiene, ausgelacht zu werden.

Die gemeinen Witze wurden weniger, nachdem ich mich nicht mehr getroffen fühlte oder versuchte, mich zu rächen. Das vergiftete Gefühl und die Angst blieben. Aber ich wusste jetzt, dass ich eine Lösung verdiene. Und dass ich dafür kämpfen muss.

Ich nutzte die guten Noten, für die ich gehänselt wurde, und übersprang eine Klasse. Meine Lehrer und Eltern fürchteten, das würde sich auf mein Abitur auswirken. Tatsächlich wurde es nicht überragend. Aber dafür war ich in einer Klasse, in der mich morgens alle begrüßten und in der ich nicht bloßgestellt wurde. Fürs Studium zog ich weit weg - und konnte endlich wieder frei atmen.

Meine Tipps für Mobbingopfer

1. Sprecht immer wieder mit euren Eltern und Freunden und macht ihnen klar, dass es schlimm ist.

2. Sucht euch Hilfe von außen. In vielen Städten gibt es psychologische Beratungsstellen. Auch Telefonhotlines können hilfreich sein. Die Berater dort sind professionell und werden euer Problem nicht kleinreden. Hotline-Übersichten findet ihr schnell im Internet, zum Beispiel hier.

3. Zieht es in Erwägung, nach einem Selbstbehauptungstraining in eurer Gegend zu suchen. Dort könnt ihr andere Betroffene finden und trainieren, selbstbewusster aufzutreten und auf fiese Kommentare zu antworten - ohne Druck und so lange, bis ihr es irgendwann auch außerhalb der Gruppe könnt.

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