Vertretungsstunde über Mobbing "Wissen, was über mich auf Facebook steht"

Die Bühne kennen sie, aber das Lehrerpult? Die Band Glasperlenspiel übernimmt für das Jugendmagazin "Spiesser" eine Vertretungsstunde und ist ein bisschen nervös. Überflüssig: Von Künstler-Mobbing keine Spur.

Michael Kuchinke-Hofer

Carolin: Hallo, guten Morgen. Begrüßt ihr eure Lehrer immer so?

Alles kichert.

Daniel: Ich wollte eigentlich erst einen Mathe-Test mit euch schreiben...

Carolin: UNANGEKÜNDIGTER MATHE-TEST!

Daniel: ...aber das durften wir nicht. Deshalb haben wir uns gedacht, wir quatschen mit euch ein bisschen über das Thema Respekt, weil wir uns dafür sehr einsetzen. Habt ihr Bock?

Klasse: Jooa.

Daniel: Dann mal die erste Frage: Wer von euch möchte mit Respekt behandelt werden?

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Glasperlenspiel als Lehrer: ""Es war ganz schön aufregend"

Alle Hände gehen hoch.

Daniel: Und behandelt ihr auch immer alle mit Respekt?

Keine Handzeichen.

Carolin: Okay, die Lehrer dahinten melden sich, das ist sehr gut.

Daniel: Das sind auf jeden Fall deutlich weniger Hände. Was glaubt ihr denn, woran das liegt?

Schüler: Vielleicht daran, dass mein Gegenüber keine Respektperson ist.

Carolin: Siehst du nicht jede Person als Respektperson an? Also als eine Person, die du respektieren musst?

Schüler: Nein, nicht jeden.

Carolin: In was für einer Situation hat es jemand nicht verdient, von dir respektvoll behandelt zu werden?

Schüler: Na ja, die, die einfach rumnerven und nicht ernst zu nehmen sind.

Daniel: Ich denke, es gibt Menschen, mit denen man besser auskommt, und es gibt Menschen, mit denen kommt man nicht so gut aus. Dennoch hat es jeder Mensch verdient, respektvoll behandelt zu werden. Und wenn man mit jemandem nicht auskommt, dann meidet man den einfach und sagt sich: Hey, der macht sein Ding, ich mach mein Ding, und wir sind alle cool damit.

Vincent: Ob man Respekt vor Menschen hat, entscheidet man daran, wie sie aussehen und was für Klamotten sie tragen.

Daniel: Klar, der erste Eindruck zählt. Aber trotzdem sollte man alle Menschen mit Respekt behandeln.

Carolin: Wir wollen heute auch über Mobbing reden. Kommt doch mal nach vorne und schreibt auf, was euch dazu einfällt.

Nach und nach werden immer mehr Begriffe zusammengetragen. Unter anderem "Opfer", "Angst", "Intoleranz", "Beleidigung", "Demütigung", "Vorurteile" und "Eifersucht". Nun soll die Klasse über das Thema diskutieren.

Carolin: Was sind das für Menschen, die mobben?

Daniel: Menschen, die neidisch auf andere sind. Oder keine Freunde haben.

Sophia: Leute, die keinen Respekt vor sich selbst haben.

Josa: Typen, die sich stärker fühlen als andere.

Carolin: Habt ihr selbst schon Mobbing erlebt?

Vincent: Es werden immer Menschen mit Schwachstellen diskriminiert. Zum Beispiel, wenn sie Segelohren haben.

Sophia: Auch Klassenlehrer mobben. Ich selbst wurde von einer Klassenlehrerin gemobbt und habe deshalb sogar die Schule geschwänzt.

Carlo: In der Grundschule wurde ein Junge ständig geschubst. Er war kleiner als die anderen. Die Größeren haben das Mobbingkreis genannt.

Hannah: Weggucken ist halt einfacher. Hier hat sich die Hofaufsicht auch schon weggestellt.

Naomi: Leute aus der Parallelklasse haben mich mit Schnee eingerieben. Sie meinten, ich sei kein richtiges Mädchen. Ich stand da drüber und fand die Beleidigungen eher peinlich. Aber mein Freund wurde sogar verprügelt.

Carolin: Wie sollte man darauf reagieren?

Paul: Sich Eltern oder Lehrern anvertrauen. Die können was tun.

Sasha: Die Mobber ignorieren.

Daniel: Das ist in Extremfällen schwierig. Aber drüberstehen ist gut, wenn's geht.

Adam: Man sollte sich Freunde suchen - eine Gruppe sein.

Daniel: Genau richtig, haltet da zusammen! Sucht euch Verbündete oder sprecht mit Eltern und Lehrern darüber. Mobbing gibt es heute auch im Social Web. Da muss man aufpassen. Denn was dort geschrieben wird, können plötzlich Zigtausende lesen. Das ist nicht mehr so wie früher, wenn jemand einen gemeinen Spruch an die Schultoilette geschrieben hat. Und alles, was dort geschrieben wird, kriegt man aus dem Netz nicht mehr raus. Es gibt sogar Jugendliche, die sich deswegen das Leben genommen haben.

Laura: Da kommt es auf die Eltern an. Sie sollten ihre Kinder stärker kontrollieren. Heutzutage wird den Kindern da zu sehr freie Hand gelassen.

Nomi: Ich will eben wissen, was auf Facebook über mich geschrieben wird. Deshalb bin ich dort auch angemeldet. Das Problem ist halt, dass die meisten User sich bei Facebook stärker fühlen als außerhalb des Internets.

Sophie: Man sollte da aber auch keinen riesigen Hype draus machen, was über einen geschrieben wird.

Hannah: Unsere Eltern sind ja teilweise noch ohne Computer aufgewachsen. Meine Mutter zum Beispiel. Man ist selber schuld, wenn man Warnungen nicht ernst nimmt. Und sollte da nicht den Eltern die Schuld geben.

Carolin: Gerade die Schule hat die Verantwortung, über Mobbing und Cyber-Mobbing aufzuklären. Vor allem dort, wo Eltern überfordert sind. Das Beste wäre wohl, wenn Experten von außerhalb an die Schulen kommen und über das Social Web aufklären würden.

Keine schlechte Idee! Während Daniel darüber sinniert, dass mit den Daten im Internet auch Handel getrieben wird, unterbricht ihn Carolin. Das Ende der Stunde ist schon erreicht. Zum Abschluss geben Glasperlenspiel ihrer Klasse noch ein Zitat mit auf den Weg.

Carolin: Freundschaft fließt aus vielen Quellen, am reinsten aus Respekt.

Hach, schön gesagt. Doch als wäre das nicht schon eine gelungene Verabschiedung gewesen, entdeckt Daniel plötzlich das Schulklavier. Er und Carolin lassen sich nicht lumpen und spielen für die Klasse sogar noch einen Song: "Freundschaft". Die Jugendlichen sind begeistert und applaudieren ihren Vertretungslehrern jetzt noch lauter als zur Begrüßung.

Von Thomas Kasperski (Text) und Michael Kuchinke-Hofer (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"



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rebian 07.07.2014
1. aushilfen
Nichts gegen die Band Glasperlenspiel, aber da kommen ein paar Möchtegernpädagogen daher und diskutieren über ein so sensibles Thema wie Mobbing. Wodurch fühlen sich die Bandmitglieder denn berufen, dass sie denken sie konnten einfach mal so unterrichten. Musik ja, Showgeschäft ja, Vor- und Nachteile des Bekannt seins ja, aber damit hört es auch schon auf. Hier wird wieder mit einem Modewort (heute Mobbing, vor 10 Jahren war es ADHS) ein bisschen Werbung gemacht und sonst gar nichts.
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