Mobbing unter Jugendlichen Hassobjekt Mitschüler

"Es tut mir leid, ich kann nicht mehr." Das war die letzte Botschaft, die Patrick von seinem Chatfreund bekam. Beide wurden von ihren Klassenkameraden gequält, gedemütigt - ebenso wie Alex. Heute helfen Patrick und Alex jugendlichen Mobbing-Opfern.

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"Wenn man gemobbt wird, kommt einem ein Tag wie ein Jahr vor", sagt Patrick und schaltet seinen Blick auf unendlich. Die Zeit verschwimmt in seiner Erinnerung. Damals hat er viel gechattet, jeden Tag mehrere Stunden. So lange, dass sein Vater schon wütend war, weil der damals 14-Jährige den Computer dauerhaft blockierte. Auch Martin, sein Chat-Partner, hatte Probleme in der Schule, wie Patrick wurde er von seinen Mitschülern gedemütigt und beleidigt. Jeden Tag.

Die beiden Jungen verstanden sich blendend. Bis Patrick eine Nachricht bekam, als er selbst offline war: "Danke für deine Hilfe. Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Tschüss." Patrick wusste: Es war ein Abschiedsbrief. Was er tun sollte, wusste er nicht. Er kannte weder den Nachnamen noch die Adresse des Jungen. Von Martin hörte er nie wieder.

Das sei der "Wendepunkt" gewesen, sagt Patrick. Er gründete den Verein "Rolltreppe aufwärts", bastelte eine Homepage, auf der sich jugendliche Mobbing-Opfer über ihre Erfahrungen austauschen können und Hilfe und Tipps bekommen. Im Großraum Frankfurt treffen sich Patrick und die anderen vom Verein auch persönlich mit Mobbing-Opfern.

"Vielleicht wollten die Lehrer blind sein"

"Wenn man jeden Tag schikaniert wird, bildet man sich irgendwann ein, dass man selber schuld ist", sagt der 16-Jährige. Er macht zwischen den Sätzen lange Pausen, als wolle er sichergehen, dass jedes Wort sitzt: Die Mitschüler haben seine Stifte zerbrochen, bald wurde es zum Ritual, ihn in der Nähe des Schulhofs zu verprügeln: "Nach der siebten oder achten Stunde, da ist das Schulgelände wie tot." Keiner hat bemerkt, wenn er geschlagen, getreten, erniedrigt wurde. Irgendwann kam der Zusammenbruch, da war er fast 15.

Patricks Homepage: In Foren können die Jugendlichen diskutieren und finden auch persönliche Hilfe

Patricks Homepage: In Foren können die Jugendlichen diskutieren und finden auch persönliche Hilfe

"Ich war zu nett", sagt Patrick, wenn man ihn fragt, warum es alle auf ihn abgesehen hatten. Er habe immer allen vertraut, nie etwas Böses gedacht. Patrick schaut auf den Main und versucht, begreifbar zu machen, was man sich als Erwachsener kaum vorstellen kann: "Für die anderen war das der Spaß nach der Schule. Das war deren Belustigung. Die haben sich das angeschaut wie andere Leute einen Boxkampf im Fernsehen."

Patrick hat nie in den Kampf eingewilligt, er war nie der Herausforderer, aber immer der Verlierer. Manchmal mussten seine Verletzungen sogar vom Arzt behandelt werden. Die Lehrer waren "blind", sagt er. Und schiebt hinterher: "Vielleicht wollten sie auch blind sein." Inzwischen ist Patrick umgezogen, geht auf eine andere Schule - es geht ihm besser.

Die Hölle, das sind die anderen

Mehr als 500 Kilometer entfernt litt Alex am täglichen Terror, der Gang zur Schule wurde zum Horror. Es waren Leute aus seiner Klasse, Freunde und Geschwister von Leuten aus seiner Klasse und Freunde von Freunden und Geschwistern von Leuten aus seiner Klasse.

Wenn Alex erzählt, wie er über den Schulhof ging und all die abschätzigen Blicke sah und die boshaften Kommentare hörte, wird deutlich, wie er die Situation erlebt hat: Die, die ihn mit "Alex H. - Missgeburt" vor dem Physikraum begrüßten, kannten ihn meist gar nicht persönlich. Aber sie kannten ihn gut genug, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. "Ich bin Alex H. und ich bin sooo hässlich", riefen sie. Ob "Hurensohn", "Penner" oder "Spasti": Diese Schimpfwörter habe er von "denen" gelernt, sagt Alex.

Als Unschuldsengel sieht er sich nicht. Er habe auch zurückgeschlagen, sich mit den anderen geprügelt. "Eigentlich bin ich nicht so der Schlägertyp", sagt der schmale Junge mit Zahnspange und Brille und schaut zu Boden. "Aber irgendwann war ich so wütend."

Alex' Eltern sagten immer wieder: "Sei einfach nett, dann sind sie auch nett zu dir." Versucht hat es der heute 15-Jährige. Immer wieder. Vier lange Schuljahre. Wenn neue Schüler in die Klasse kamen, gab Alex alles, um sie als Freunde zu gewinnen. Da hatten die anderen die Fronten schon geklärt: "Mit dem solltest du dich nicht anfreunden", haben sie gesagt. Und damit geprahlt, dass sie Alex zusammengeschlagen, ihn mit Bällen beworfen und sein Gesicht in den Dreck gedrückt haben.



insgesamt 591 Beiträge
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Seite 1
Reziprozität 24.07.2007
1.
Es gab mal eine Zeit, da wurde ich jeden Tag auf dem Weg zur Schule verwamst, ein 4 Jahre aelterer Schueler. Nur nannte man das damals noch nicht Mobbing....
DJ Doena 24.07.2007
2.
Klar. Gibts eigentlich Schüler die das nicht haben? Außer eben die, die am oberen Ende der Nahrungskette waren?
annew, 24.07.2007
3.
Zitat von DJ DoenaKlar. Gibts eigentlich Schüler die das nicht haben? Außer eben die, die am oberen Ende der Nahrungskette waren?
Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass nicht irgendwann mal jeder ein bißchen weiter unten in der Hackordnung stand. Mir ging es auch so, weil ich so zwischen 12-17 Jahre etwas molliger war. Tja, was nicht der "Norm" entspricht ...
meister1993 24.07.2007
4.
mittlere Kleinstadt, nöö, weder in der Grundschule noch in Realschule oder Gymnasium ---schon vor 35 Jahren als ich noch zur Schule ging, gabs bösere und brävere, es gab auch Opfer, die wurden dann öfters mal in die Mülltonne gesteckt das gibts jetzt auch noch, nur jetzt wirds Mobbing genannt in Großstädten dürfts völlig anders aussehen, aber da dürfte es schon wieder eher "Verbrechen" genannt werden
Peter Sonntag 24.07.2007
5. 5 %
Gegen Mobbing gibt es ein Rezept: 5% besser sein als die anderen. Dann wird es niemand wagen, sich selbst durch Mobberei lächerlich zu machen.
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