Modernste Grundschule der Welt "Kinder lieben Technik"

Pädagogen bestaunen in der Nähe von Washington eine Hightech-Grundschule mit allen Schikanen: Voll verkabelt und vernetzt, werden die Schüler dort zu Multimedia-Profis geschult ­ altertümlich ist nur der Sexualkunde-Unterricht.

Warum das Lernen für die Kinder viel aufregender wurde und selbst Kritiker die Computer nicht wieder hergeben wollen

Die Tage in der Vorzeige-Grundschule "Mantua Elementary" in Fairfax nahe der US-Hauptstadt Washington beginnen so, wie anderswo die Abende enden: vor der Glotze. Zur ersten Stunde hocken Tag für Tag über 800 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren in ihren Klassenzimmern und starren auf die Fernseher an den Decken ihrer Klassenzimmer. Allmorgendlich rufen ihnen von dort um genau 9.10 Uhr zwei zwischen Stofftieren sitzende Mitschüler zu: "Good Morning Mantua." Victoria und Max, die beiden Moderatoren dieser Woche, plaudern süßlich lächelnd wie Fernseh-Profis über Schultermine, Besucher und Geburtstage. Beide sind zwölf Jahre alt ­ genau wie der Kameramann, die Bildregisseurin, die Kabelträger und die Assistentin am Teleprompter. Nach acht Minuten fehlerloser Infoshow ist der Spaß vorbei, und auf den an US-Schulen üblichen Fahneneid folgt für die Fernseh-Kinder der ganz normale Unterricht. Aber was für einer. Mantua besitzt nicht nur ein semiprofessionelles Fernsehstudio. Wie kaum eine andere ist diese Grundschule verkabelt, vernetzt und voll gestopft mit Medien- und Computertechnik. Fast jede Woche zieht die Modellschule Besucher aus aller Welt an. Neugierige Japaner waren hier, Neuseeländer, Briten, Luxemburger. Vor wenigen Wochen schaute Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) vorbei. Keine Genie-Plantage für Wunderkinder Sie alle kommen, um über Kinder vor Rechnern zu staunen. Sechs- und Siebenjährige, oft des Lesens noch nicht mächtig, laden in Mantua aus dem Internet Bilder herunter und fügen sie am Computer zu Multimedia-Diashows zusammen. Neunjährige halten bühnenreife "Power-Point"-Präsentationen, unterlegt mit Klängen und Fotos. Zehnjährige schneiden am Rechner Videoclips und Kurzfilme. Elfjährige veranstalten Videokonferenzen mit befreundeten Schulklassen in Irland. Zwölfjährige betreuen Homepages im Internet. Niemand (außer einigen Lehrern) hat Angst vor Technik. Und dabei ist Mantua keine Genie-Plantage für Computer-Wunderkinder, sondern eine ganz normale Grundschule für ganz normale Nachbarschaftsschüler ­ die allerdings sehr weit vorangeschritten ist im Einsatz von Rechnern im Unterricht. Jeder der 48 Lehrer hat einen Computer und eine E-Mail-Adresse für den Kontakt mit den Eltern. In jedem Klassenzimmer stehen mindestens vier Internet-fähige Computer mit superschneller Netzanbindung. Jeder der Elf- und Zwölfjährigen verfügt über einen schuleigenen Laptop, den er mit nach Hause nehmen darf. Und ob Mathe oder Musik: In jedem Schulfach setzen die Lehrer Computer und das Internet ein ­ nicht immer, aber sehr oft. Das Fach Computerkunde wird nicht gelehrt, denn an dieser Schule sind Rechner ohnehin natürlicher Bestandteil eines jeden Curriculums. Kurzum: In Mantua lässt sich studieren, was Computer aus Leuten machen können. Unstillbarer Hunger nach immer mehr Hightech Der Aufstieg zur Vorzeigeschule begann mit einer Katastrophe. Anfang der neunziger Jahre wurde in der Nachbarschaft in einem Öllager von Texaco ein unterirdisches Leck entdeckt. Rund 750.000 Liter Öl waren hier über Jahrzehnte versickert. Giftiger Schlick drang an die Oberfläche und machte einige Häuser nahe Mantua unbewohnbar. Der Wert der Eigenheime brach ein. Als Teil der Wiedergutmachung erhielt die Mantua Elementary School von Texaco einen Scheck über 600.000 Dollar. Von diesem Geld hat die damalige Schulleiterin 1997 eine Videoapparatur und die ersten Computer angeschafft ­ und seither hat Mantua einen schier unstillbaren Hunger nach immer mehr Hightech entwickelt. Lange hatte die Schule eigens eine Teilzeitkraft beschäftigt, die nichts weiter tat, als Fördermittel und Sponsorengelder einzuwerben. Über drei Millionen Dollar hat Mantua mittlerweile in die Aufrüstung der Ausrüstung gesteckt, und die Einkäufe gehen weiter. Pat Small, 51, ist seit fast 30 Jahren Grundschullehrerin. Als sie anfing, hat sie nahezu jede ihrer Schulstunden mit einem Satz begonnen wie "Schlagt bitte Seite 32 in euren Schulbüchern auf". Damals schleppten die Kinder Hefte, Ordner und Bücher mit sich herum. Zur Vorbereitung ihres Unterrichtes ging Small in die Bibliothek, suchte Material aus Büchern heraus und vervielfältigte dies. All das ist vorbei. Material verteilt Small nur noch selten. Die 31 Kinder in ihrer Klasse recherchieren den Schulstoff selbst im Internet. Drahtlos schicken sie einander ihre Fundstücke auf ihre Minicomputer. Bücher lagern in elektronischer Form auf ihren Festplatten. Papierbücher haben sie auch noch, aber nicht mehr so viele. Lesen Sie im zweiten Teil: Früher bereitete Small ihren Unterricht mit einem Lehrbuch vor. Jetzt zieht sie viele verschiedene Quellen im Internet zu Rate. Früher war sie die allwissende Lehrerin und die allmächtige Gebieterin über die Informationsflüsse im Klassenraum. Jetzt finden die Kinder selbständig Informationen im Netz und konfrontieren sie mit Fakten, die sie nicht kannte. "Ich muss härter arbeiten als früher", sagt Small. "Aber dafür ist das Lernen für die Kinder viel aufregender geworden." Früher langweilten sich viele Kinder angesichts einschläfernden Frontal-Unterrichts; jetzt registrieren Besucher verblüfft, wie engagiert und konzentriert die Kinder in Mantua bei der Sache sind. Small: "Kinder lieben Technik." "In der Technologie liegt Befreiung" In ihrer Klasse ist jeder Schüler zudem mit einem Minicomputer vom Typ "HP Jornada" ausgerüstet. Die Geräte sind winzig klein und leicht, die Tastaturen faltbar. Auf ihnen tippen manche blind und mit einer Geschwindigkeit, die einer Chefsekretärin angemessen wäre. Jackie, 12, fürchtet, wegen der vielen Tipperei ihre Handschrift zu verlernen ­ "aber wahrscheinlich", sagt sie, "brauche ich die später sowieso nicht mehr". Das sieht ihre Lehrerin ebenso. Für Schönschrift vergibt Small keine Noten mehr. Auch Rechtschreibung hat in Mantua nur noch den Rang einer Sekundärtugend: Die Kinder geben Aufsätze ab als Computerausdrucke; dann korrigieren Textverarbeitungsprogramme wie Word Orthografie-Fehler fast automatisch. Small sieht darin kein Übel ­ im Gegenteil: Jetzt trauten sich auch die Kinder, die normalerweise viele Fehler machten, lange Aufsätze zu verfassen und schwierige Wörter zu verwenden. "In der Technologie", sagt sie, "liegt Befreiung." Dumm nur, wenn die Schüler doch mal etwas mit der Hand schreiben wollen. "Die Arbeiten sind fast fehlerlos", lobt auch die Schulleiterin Jan-Marie Fernandez, "aber Sie sollten mal die Postkarten sehen, die sie zu Weihnachten verschicken." Eine andere Lehrerin bemängelt, dass die Kinder zwar erfahren, Informations-Häppchen zu beschaffen, aber nicht lernen, diese kritisch mit eigenem Kopf zu bewerten. "Die Tiefe fehlt", moniert sie. Eine weitere Kollegin fürchtet, dass immer mehr Computerpower, immer buntere Grafiken und Hokuspokus nötig seien, um die Aufmerksamkeit der TV-, Video- und Computerspiel-Generation zu fesseln. Ein Werkzeug wie ein Bleistift Dennoch: Keine dieser Kritikerinnen möchte die Computer wieder hergeben. "Mit dem Internet", sagt eine Lehrerin, "haben wir erstmals ein Klassenzimmer mit fast unendlichen, globalen Ressourcen." Die meisten Mantua-Kids entstammen einem konservativbürgerlichen Milieu, viele Eltern sind Regierungsangestellte. Anfangs waren viele nicht angetan von der Idee, Mantua zur vordersten Bastion der Kinder-Computerei zu machen. Die Zweifel legten sich jedoch schnell, als die Eltern Zeugen wurden von der Leichtigkeit, mit der ihr Nachwuchs daheim die Probleme am Rechner und Videorecorder aus der Welt schafft. Margareta Foster, Mutter eines Erstklässlers, findet: "Ein Computer ist ein Werkzeug wie ein Bleistift." Und Schulleiterin Fernandez sagt: "In dieser Generation wird jeder mit Computern umgehen müssen, ganz gleich, ob jemand im Schönheitssalon arbeiten wird oder in der Wissenschaft." "Wir wollen", sagt Liz Lertora, die Technologie-Spezialistin der Schule, "die Kinder zu Problemlösern erziehen." Und Lehrerin Small fügt hinzu: "Diesen Kindern wird später niemand Informationen geben ­ es wird erwartet, dass sie sich selbständig zurechtfinden." Religiöse Tabus in Biologie und Sexualkunde Als Kevin, 9, den Auftrag bekommt, das Leben von Thomas Jefferson zu recherchieren, surft er lässig auf www.whitehouse.gov und lädt von dort nach ein paar Klicks Bilder und Texte in seinen Ordner. Eigeninitiative in der Informationsbeschaffung haben die Hightech-Kids von Mantua auch dringend nötig. Denn auf dieser Pionier-Schule der Informationsgesellschaft, in der jeder lernen soll, wie er alles erfahren kann, lasten bizarrerweise zwei Tabus. Schuld daran sind nicht die Lehrer, sondern der regionale Schulrat, der von christlichen Gruppen beherrscht wird. In Mantua soll im Biologie-Unterricht Darwins Evolutionslehre nicht verbreitet werden ­ mit Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten mancher Eltern. Ebenso seltsam geht die Sexualkunde vor sich. Elfjährige Mädchen und Jungs werden eine Woche lang je eine Stunde am Tag getrennt. Speziell ermächtigte Lehrer lesen ihnen dann einen Aufklärungstext vor, von dem diese mit keiner Silbe abweichen dürfen. Die Kinder dürfen Fragen stellen, aber die Lehrer dürfen nicht alle beantworten; meist werden sie an ihre Eltern verwiesen. Worte wie "Ejakulation", "Orgasmus", sogar "Schwangerschaftsverhütung" sind verboten ­ und auch jeder Hinweis darauf, dass Sex Spaß machen könnte. In diesem Fall hilft auch die Online-Recherche den Kindern nicht gleich weiter: Mantua hat einen Vertrag mit einer Internet-Filter-Firma. Alles was irgendwie mit Sexualität zu tun hat, ist für die Rechner dieser Grundschule nicht zugänglich ­ ebenso wenig Gewaltseiten, herunterladbare Musik oder Spielfilme. MARCO EVERS

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