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Modistin in echt: Meine Güte, so viele Hüte

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Modistin in echt Putzmacherins Erbin

Ihre Kundinnen haben Geld und wollen was besonderes: Julia Bauer macht in ihrer Ausbildung Damenhüte, Mützen und ausgefallenen Kopfschmuck. Das Handwerk braucht heute kaum noch jemand - nicht mal Julia selbst trägt Hüte. Trotzdem haben Auszubildende gute Chancen auf einen festen Job.
Von Veronika Widmann

Julia Bauer, 19, drückt ein altes, eisernes Bügeleisen auf ein nasses Stück Stoff. Es zischt und riecht wie in einem Waschsalon. Das Wasser aus dem Stoff und die Hitze des Bügeleisens machen den schwarzen Filz geschmeidig, den Julia gerade bearbeitet. Sie kann ihn jetzt zurecht ziehen und mit Nadeln auf einem ovalen Holzring feststecken. Später irgendwann wird sich eine Dame damit schmücken und viel Geld dafür ausgeben. Denn in ein paar Stunden hat Julia das Filzstück in einen Trachtenhut verwandelt.

Julia arbeitet als Modistin. Noch vor drei Jahren hätte sie nicht erklären können, was das ist. Damals ging sie zum Arbeitsamt und wusste nur, dass sie nach der Schule was Handwerkliches machen will. Sie dachte an Schreinerin und Bäckereifachverkäuferin. Aber der Berufsberater erzählte ihr von Modisten, schließlich wurde in ihrer Heimatstadt Neuötting in Oberbayern gerade eine Ausbildungsplatz angeboten. Modisten stellen Damenhüte und -mützen in Handarbeit her - ohne allerdings Hutmacher zu sein. Denn Hutmacher produzieren Männerhüte. Die werden maschinell gepresst, deswegen sind es zwei verschiedene Berufe. Nach dem Gespräch bewarb Julia sich nicht nur in der Schreinerei und Bäckerei, sondern auch als Modistin. Mittlerweile ist sie im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung.

Auf den Spuren Coco Chanels

Auch Coco Chanel begann ihre Karriere damit, Hüte zu verzieren - "Putzmacherin" hieß der Beruf damals. Hüte waren ein wichtiger Teil des Outfits und noch in den fünfziger Jahren ging, wer etwas auf sich hielt, nur mit Kopfbedeckung aus dem Haus. Heute werden Modisten kaum noch gebraucht: Für das Jahr 2010 tauchen in den Statistiken des Zentralverbands des Deutschen Handwerks gerade einmal 46 Auszubildende auf - in ganz Deutschland.

Angst vor Arbeitslosigkeit hat Julia aber nicht: "Ich habe viele Optionen und kann zum Beispiel im Modeverkauf arbeiten", sagt sie. Denn natürlich berät sie als Modistin ihre Kunden auch. "Ich taste mich langsam heran", sagt sie. Welche Farbe hat die Jacke, welche Form haben Sie sich vorgestellt, auffällig oder dezent?

Es ist sogar ihr Glück, dass nur so wenige sich zum Modisten ausbilden lassen. "Wenn 100 Leute die Ausbildung machen würden, hätten wir ein Problem", sagt Jutta Steinmetz, Fachbetreuerin der Berufsschule für Bekleidung in München. "So gibt es aber genug Stellen." Manchmal machen sich junge Modistenmeisterinnen selbstständig - auch das funktioniert noch.

Denn heute würden sogar wieder mehr Hüte getragen. "Junge Leute laden auf Hochzeiten zum Beispiel explizit mit Hut ein", sagt Steinmetz. Auch bei Julia im Laden waren schon solche Gäste: "Die kommen mit einem Stück Stoff von ihrem Kleid und suchen einen farblich passenden Hut."

Julia trägt selbst keine Hüte

Modisten arbeiten mit verschiedenen Stoffen, mit Filz und Stroh. Aus zwei Teilen basteln sie einen Hut: dem Kopf und der Krempe. Für beides gibt es verschiedene Holzformen. Julia holt den sogenannten "Kantenkopf" aus dem Regal und stülpt ihm etwas über, das aussieht wie ein unförmiger, schwarzer Schlapphut. Diese "Stumpen" aus Filz werden aus Kaninchenhaaren hergestellt, Julia bekommt sie fertig angeliefert. Sie passt ihn mit dem Bügeleisen und Stecknadeln genau an die Form an und schneidet den überschüssigen Stoff ab - den wird sie später für die Krempe benutzen.

Sind Kopfteil und Krempe getrocknet, werden sie zusammengenäht und garniert. "Da muss man kreativ sein", sagt Irmgard Lammer, die seit 47 Jahren als Modistin arbeitet und Julia ausbildet. Insgesamt steckt etwa ein halber Tag Arbeit in einem Hut - deshalb kostet er auch rund 100 Euro.

Aber Julia kreiert auch Haarspangen oder -reifen beispielsweise, und in der Berufsschule stellten sie mal einen Turban her. "Wir machen alles, was mit dem Kopf zu tun hat", sagt Julia. Im Moment liegt im Atelier ein Haargesteck aus dunkelbraunem Pelz, verziert mit zwei Bommeln. Eine Kundin hat ihn in Auftrag gegeben und auch gleich das Material geliefert - schließlich soll es perfekt zum Pelzmantel passen, zu dem sie es tragen will.

"Man muss schon ein bisschen Geld haben", sagt Julia über die Kundschaft, die sich so etwas leisten kann. Sie selbst gehört momentan eher nicht dazu: Im dritten Lehrjahr verdient sie 327 Euro netto. Meist sind es ältere Damen, die nach den klassischen Hüten greifen. "Jüngere Frauen kaufen eher Mützen oder auch mal die 'kleinere Herrenform', weil die gerade modern ist", sagt Julia.

Julia selbst trägt keine Hüte, nur Mützen hat sie eine Menge - selbst gestrickt und verziert, versteht sich. "Zu Beginn der Ausbildung habe ich mir eingebildet, dass ich einen Hut haben will", sagt sie. Sie kaufte sich die kleinere Herrenform, die an Roger Ciceros Hut erinnert. "Jetzt liegt er sinnlos bei mir im Zimmer herum."

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