Morbider Schülerjob "Tote sind so unkompliziert"

Es ist ein echter Knochenjob: Grabungshelferin Hannah Lupper, 19, bringt mittelalterliche Gebeine ans Tageslicht. Sie legt Schädel frei und sortiert Knochen. Für viele Mitschüler ist die Arbeit mit Toten makaber und eklig, für Hannah der Einstieg in die Archäologie.

Von Felix Scheidl


Schülerin Hannah kniet in einem großen staubigen Erdloch neben der evangelischen St. Mang Kirche der Stadt Kempten im Allgäu. Unter Hannah liegen vier knochige Skelette. Hannah trägt ein modisches Top und Jeans, ihre Hände wirken zart und gepflegt, obwohl die 19-Jährige täglich in Schmutz und Gebeinen wühlt.

Hannah streicht über die halb verrotteten Schädelknochen des Skelettes vor ihr, säubert mit einem Spatel, einem löffelartigen Instrument, die Mundhöhle des Toten und legt penibel jeden Zahn frei. Mit einem Pinsel putzt sie anschließend die Knochen des Kinderskelettes.

Hinter dem Gitter am Rande der Grabungsstätte stehen einige Familien mit einem teils interessierten, teils befremdeten Blick. Hannah schert sich nicht darum. "Viele Gleichaltrige und Erwachsene finden Skelette einfach nur eklig", sagt sie. Hannah hingegen kann sich für Totes begeistern: "Als ich klein war, suchte mein Großvater mit mir Fossilien. Schon damals interessierte ich mich für Geschichte und Archäologie", erzählt Hannah, während sie den Kopf des Skelettes neben ihr immer weiter freigräbt.

Mit 15 Jahren beteiligte sich Hannah an einer Arbeitsgruppe ihres Geschichtslehrers im Beginenhaus in Kempten, einem mehr als 650 Jahre altem Haus einer religiösen Frauengemeinschaft. Gemeinsam mit Archäologen suchte sie in den Fehlböden, den Hohlräumen zwischen Decken und Fußböden der Geschosse, nach Geschichtsträchtigem. "Die Leute haben ihr ganzes Hab und Gut zwischen Decken und Böden gestopft, um ihre Häuser besser zu dämmen", erklärt Hannah.

Die Spitzhacke brach durch einen Schädel

Hannah war fasziniert, was dort alles zu finden war: Sie stieß unter anderem auf eine Pistole, Katzenskelette und die Strafarbeit eines Schülers, vermutlich aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. "In der Geografiestunde muss ich den Atlas mitnehmen", musste der Schüler mit Füller unzählige Male auf einen Zettel schreiben. "Mit der Zeit lernt man, solche Schriften zu entziffern und sie zeitlich einzuordnen", sagt Hannah.

Bald arbeitete sie auch auf Ausgrabungsstätten wie dem Mittelalter-Friedhof. Dort fand Hannah ihr erstes menschliches Skelett: "Ich hackte tief in den Boden, plötzlich knirschte es, und die Spitzhacke brach durch einen Gegenstand. Es war ein Schädel."

Anschließend putzt Hannah mit Pinsel und Spatel die Skelette. Diese Arbeit ist für Hannah nichts Außergewöhnliches. Gleichaltrige sehen das anders: "Die meisten halten meine Arbeit für einen makabren Job und finden es langweilig oder sogar eklig, dass ich meine Freizeit mit Skeletten verbringe. Dabei ist der Umgang mit Toten wesentlich unkomplizierter als der mit Lebenden", sagt Hannah lachend.

Vom Geschichtsunterricht in der Schule fühlt sich Hannah unterfordert, der Stoff ist ihr zu trocken. "Auf den Grabungen erlebe ich hautnah, wie das Mittelalter funktionierte, und lerne immer dazu. Hier kann ich Geschichte selbst dokumentieren." Nach dem Abitur möchte Hannah an der Universität ihr archäologisches Wissen erweitern. "Ich will das mein ganzes Leben machen. Auch wenn ich weiß, dass man in diesem Bereich nicht leicht einen Job findet."

"Gold ist uninteressant"

Hannah pinselt immer noch an ihrem Skelett. Je weiter sie in den Boden gräbt, desto mehr Knochen spitzen aus der braunen, staubigen Erde hervor. Ihr Kollege Gabriel hat einen kleinen grünen und unscheinbaren Knopf bei einem der Toten gefunden. Es ist eine Münze. Die beiden Grabungshelfer packen sie in einen Plastikbeutel, schreiben einen Fundzettel und übergeben den Fund an die Historikerin Birgit Kata, die das Geldstück zur genaueren münzkundlichen Untersuchung bringt.

"Das Schreiben der Fundzettel und Aufzeichnen von Bodenprofilen ist viel Arbeit. Im Winter sitze ich dann oft Stunden im Archiv, katalogisiere meine Funde, klebe Scherben zusammen oder restauriere", sagt Hannah. Bei ihren Ausgrabungen fand sie schon Münzen, mittelalterliche Keramik und eine Kinderkette mit Glasperlen.

Wertvolle Schätze auszubuddeln, versprechen sich die Grabungshelfer nicht: "Pures Gold und Schmuck zu finden, ist uninteressant, weil wir wissen, wie Schmuck zu fast allen Zeiten ausgesehen hat", erklärt Hannah. "Viel lieber würde ich bürgerliche Alltagsgegenstände wie Geschirr oder Werkzeug aus vergangenen Zeiten entdecken." So will Hannah mit ihren Funden den Lebensstil unserer Vorfahren genauer skizzieren - und damit die Geschichtsbücher bereichern.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.