Müde im Unterricht Berliner Schüler wollen länger schlafen

Ein schulischer Kickstart um acht Uhr früh - für Morgenmuffel ist das bitter. Die John-Lennon-Gymnasiasten in Berlin stimmen gerade über einen späteren Unterrichtsbeginn ab. Und wissen Schlafforscher auf ihrer Seite: Jugendliche sind nur selten Frühaufsteher.

Ein bisschen genervt ist Simon Baucks, 18, mittlerweile. Knapp ein Dutzend Mal musste er seine Geschichte schon erzählen - denn damit fing an, was Reporter und Kamerateams an diesem Dienstag ans John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte lockte: Die Schüler stimmen darüber ab, ob sie künftig eine Stunde später aufstehen dürfen.

Legendäres "Bed-In" mit John Lennon und Yoko Ono: "All we are saying is give sleep a chance"

Legendäres "Bed-In" mit John Lennon und Yoko Ono: "All we are saying is give sleep a chance"

Foto: AP

Seine Geschichte geht so: Der müde Simon kommt morgens schwer aus dem Bett, nicht untypisch in dem Alter. Um acht in der Schule sein, das ist einfach zu früh, findet er. Nach der Lektüre einiger Texte und ein wenig Internetrecherche weiß er, dass Schlafforscher das ganz ähnlich sehen und viele Schüler auch.

Und weil Simon Schulsprecher ist, macht er den frühen Unterrichtsstart zum Thema beim Treffen aller Klassensprecher seiner Schule. Mit einer Mehrheit von 26 zu 12 stimmen sie seinem Vorschlag zu, künftig den Unterricht erst um neun Uhr beginnen zu lassen, zumindest im Winter. Das war Anfang des Jahres.

Elternvertreter und Direktor zeigten sich offen. Alle 800 Schüler sollen abstimmen, die Eltern kündigten an, sich dem Votum anzuschließen. Schulleiter Jochen Pfeifer sagt verständnisvoll: "Der Lebensrhythmus in Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg ist ein anderer als in Anklam oder Schwetzingen."

Der typische Jugendliche ist eine Eule

Deshalb geht jetzt der Hausmeister als Abstimmungsleiter von Klasse zu Klasse, fragt, wer für den Schulstart um neun Uhr ist, und notiert die Ergebnisse. Am Dienstag war die Oberstufe dran, am Mittwoch folgen die jüngeren Jahrgänge. Verbindlich entscheidet dann die Schulkonferenz, in der Lehrer, Eltern und Schüler sitzen. So sieht es das Berliner Schulgesetz vor.

Die Lennon-Schüler sind Vorkämpfer für zehntausende müde Jugendliche, die gerne länger schlafen würden - und die Wissenschaft auf ihrer Seite haben. Schlafforscher kritisierten schon häufiger, dass vor allem Jugendliche im Morgengrauen noch nicht sonderlich leistungsfähig sind. Der Stundenplan diskriminiere eine Mehrheit der Schüler, sagte ein Leipziger Biologe Christoph Randler im SPIEGEL-ONLINE-Interview: "Frühaufsteher erhalten die besseren Noten."

Das hat nichts mit Faulheit oder Schluffitum zu tun, sondern mit genetischer Anlage und Lebensalter. Wissenschaftler unterscheiden verschiedene Schlaftypen: Die frühen Schläfer ("Lerchen") liegen gern deutlich vor Mitternacht im Bett und stehen früh auf. Die späten ("Eulen") würden am liebsten erst deutlich nach Mitternacht einschlafen und nach acht Uhr aufstehen. Kleine Kinder sind häufig früher wach, Jugendliche dagegen können vielfach erst spät einschlafen und sind morgens entsprechend müde - der typische Oberschüler ist eine Eule.

Hilfe, die Zeitumstellung naht

Solche jugendlichen Eulen sind laut einer aktuellen Studie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg besonders sensibel, wenn's ums Schlafen geht. Demnach brauchen 12- bis 18-Jährige bis zu drei Wochen Zeit, um sich etwa auf die Sommerzeit einzustellen - Müdigkeit und Leistungsabfall in der Schule sind mögliche Folgen. In dieser Zeit sollten keine Klassenarbeiten geschrieben werden, fordern die Heidelberger Pädagogen. Das würde bedeuten: Keine Prüfungen ab kommender Woche, denn in der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren wieder um eine Stunde vorgestellt.

Auch Simons Schulsprecher-Kollegin Hanna Harnisch, 17, kennt die Zusammenhänge zwischen Hormonhaushalt, Lebensalter und Leistungsfähigkeit. Sie spricht über die biologische Uhr und das Stimmungsbild an ihrer Schule. Das Ergebnis der ersten Abstimmungen ist zwar nicht so eindeutig wie erwartet, aber sie ist vorsichtig zuversichtlich.

"Wir wissen noch nicht, ob unser Vorschlag wirklich mehrheitsfähig ist", sagt Hanna. Einigen Schülern sei es wichtiger, früh Schluss zu haben, um pünktlich zum Sport zu kommen oder zur Klavierstunde. "Gute Argumente", sagt sie und schätzt, dass trotzdem knapp 60 Prozent der Schüler für den späteren Schulstart stimmen werden - so sah ihr auch das Ergebnis in der Oberstufe aus.

Anderswo Frühstart sogar schon um sieben Uhr

Eine Kampagne habe es vor der Abstimmung nicht gegeben, sagt Hanna. Es sei auch purer Zufall, dass die Abstimmung auf den gleichen Tag fiel, an dem 40 Jahre zuvor der Namenspatron der Schule aus politischen Gründen ziemlich lange im Bett blieb: John Lennon und Yoko Ono veranstalteten damals in Amsterdam ihr "Bed-In for Peace".

Es ist die erste derartige Abstimmung an einer öffentlichen Schule in Berlin, getrieben von 18- und 19-Jährigen, die wegen ihrer Hobbys und dem Hauptstadt-Nachtleben morgens schwer aus dem Bett kommen. Schulleiter Pfeifer nennt als weiteren Grund den Trend zur Ganztagsschule. In Ländern, wo ganztägiger Unterricht normal sei, gehe es üblicherweise erst um neun Uhr los.

Eine bundesweite Statistik zum Unterrichtsbeginn gibt es nicht; acht Uhr ist die Regel, manchen Bundesländerntreiben ihre Schüler noch früher aus den Federn. In Sachsen-Anhalt - dem selbst ernannten "Land der Frühaufsteher" - startet der Schulbetrieb schon zwischen 7 und 8.15 Uhr, so das Kultusministerium in Magdeburg.

Auch viele sächsische Jungen und Mädchen müssen schon um halb acht oder früher anrücken. In Baden-Württemberg dürfen die Schulen selbst entscheiden, wann sie beginnen. Vor drei Jahren hatte Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) einen späteren Schulbeginn empfohlen. In Bayern entscheiden die Schulleiter laut Kultusministerium oft nach Absprache mit den Schulbusunternehmern.

Jürgen Zulley, Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf, begrüßt die Aktion der Lennon-Schüler. Studien aus den USA, Finnland und Israel hätten übereinstimmend und eindeutig belegt, dass für ältere Schüler ein späterer Schulbeginn von Vorteil wäre, so der Regensburger Schlafforscher.

An Ganztagsschulen kein Problem

Ab dem zwölften Lebensjahr ändere sich die innere Uhr der Kinder so, dass sie erst später am Vormittag ihre volle Konzentrationsfähigkeit erreichten, sagte Zulley. Allerdings sei ein späterer Schulbeginn nur an Ganztagsschulen mit einer Mittagspause sinnvoll. An Halbtagsschulen rutsche der Unterricht bei einer Verschiebung nach hinten ins Konzentrationsloch der Kinder.

Marianne Demmer von der Bildungsgewerkschaft GEW hält einen späteren Unterrichtsbeginn ebenfalls nur an Ganztagsschulen für praktikabel. Sie habe persönlich auch "einiges Verständnis" für das Ziel der Berliner Gymnasiasten.

Im Bewusstsein in Deutschland sei aber immer noch vor allem die Mentalität verankert, ganz früh mit der Schule zu beginnen, um dann spätestens um halb zwei Uhr am Mittagstisch zu sitzen - auch wenn diese gemeinsamen Mittagessen gar nicht mehr die Regel seien.

Demmer bestätigte, dass auch der GEW von Experten ein späterer Schulstart empfohlen werde. Die Entscheidung über den Unterrichtsbeginn falle aber meist aus organisatorischen Gründen und sei etwa davon abhängig, wann die Schulbusse fahren.

Mit Material von dpa, AP und AFP