Bayern Schüler muss Bahn fahren - auch wenn es fast zwei Stunden länger dauert

Ein Berufsschüler braucht mit öffentlichen Verkehrsmitteln rund zwei Stunden zu seiner Schule, mit dem Auto wäre es nur eine. Die Behörden wollten die Fahrtkosten nicht erstatten - nun hat ein Gericht entschieden.

Schüler in Berlin. Für seinen Weg zur Schule und zurück in Bayern brauchte der Kläger täglich vier Stunden mit Bus und Bahn, mit dem Auto wären es nur zwei gewesen.
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Schüler in Berlin. Für seinen Weg zur Schule und zurück in Bayern brauchte der Kläger täglich vier Stunden mit Bus und Bahn, mit dem Auto wären es nur zwei gewesen.


Muss ein Berufsschüler öffentliche Verkehrsmittel nutzen, auch wenn er bei einer Fahrt mit seinem Auto eine Stunde später aufstehen müsste? Ja, hat das Verwaltungsgericht in München entschieden.

Im konkreten Fall hatte der Kläger im bayerischen Kösching gewohnt, die Fachoberschule, die er in den letztens sechs Monaten vor dem Abitur besucht hat, war in Fürstenfeldbruck - Distanz: ungefähr 105 Kilometer. Um eine duale Ausbildung zum Mechatroniker zu absolvieren, war das die nächstgelegene Schule.

Für die Strecke nutze der Schüler das Auto. Der Kläger sagt: Wäre er mit dem Zug gefahren, hätte er jeden Tag mehr als zwei Stunden länger gebraucht.

Eigentlich regelt das Schulwegskostenfreiheitsgesetz (SchKfG), dass jeder Schüler ab einer Entfernung von drei Kilometern einen Anspruch auf Beförderung hat - egal ob mit dem Nahverkehr oder mit Autos. Das Landratsamt geht allerdings grundsätzlich davon aus, dass der öffentliche Nahverkehr kostengünstiger ist. Deshalb, so das Urteil, hätte auch der Betroffene mit dem Zug fahren müssen - wenigstens vom nahegelegenen Ingolstadt aus.

Bei dem Urteil ging es am Ende um wenige Minuten: Das Gericht hat ermittelt, dass der Schüler mit dem Auto pro Tag insgesamt eine Stunde und 52 Minuten schneller war. Ab zwei Stunden wäre ein Auto zulässig gewesen, erst dann hätte der Schüler seine Fahrtkosten erstattet bekommen.

"Bei dem Prozess ging es vor allem um zwei Leitfragen: "Was ist für einen Abiturienten zumutbar? Und: Wer hat richtig gerechnet?", sagt Traute Ehlerding, Anwältin des Klägers. "Wir verwenden zum Beispiel einen anderen Routenplaner als das Landratsamt, deshalb gehen die Berechnungen teilweise auseinander. Wartezeiten am Bahnhof spielen ebenfalls eine wichtige Rolle." Die Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichts in München steht noch aus.

faq/dpa



insgesamt 102 Beiträge
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kayakclc 30.04.2019
1. Paragraphenreiterei
Sinnvoller wäre hier ein Kompromis: der der öffentliche Nahverkehr wird als wünschenswert und naturlich kostengünstiger angesehen - es fallen die Anschaffungskosten des Autos nicht an. Gleichzeit wird der Person die fiktiven Ticketkosten die bei Verwendung des öffentliche Nahverkehr anfallen würden, als Geldbetrag dem Schüler überwiesen. Dann entscheidet der Schüler ob er ein teueres Auto mit kleinem Zuschuss verwenden will oder eben den öffentliche Nahverkehr.
Bastian__ 30.04.2019
2. Theorie und Praxis
Wird der Zeitaufwand mit der Bahn nach Fahrplan oder anhand den wirklich gefahrenen Zügen berechnet? Das ist ein sehr großer Unterschied. Bei Verbindungen mit Umsteigen können schon 10 Minuten Verspätung zu mehr als 1 Stunde Verspätung führen. Da sollte auch vor Gericht mal ein Monat Realdaten der Bahn für die Verbindung genommen werden, das unterscheidet sich schnell um 1 bis 2 Stunden gegenüber dem Fahrplan und das pro einzelner Fahrt.
deufin 30.04.2019
3. Wundert es einen?
Da braucht man sich doch nicht mehr wundern, wenn Leute lieber Auto fahren anstatt den ÖPNV zu nutzen. Über zwei Stunden für eine Strecke von 100km mit dem ÖPNV ist doch einfach nur lächerlich. Und dann auch noch diese Korinthen-Kackerei mit den paar Minuten um die Fahrtkosten zu erstatten...
heissSPOrN 30.04.2019
4.
Und wenn der Schüler dann die Prüfung vergeigt, weil ihm die Zeit zum Lernen fehlte? Wer zahlt dann ein Leben lang für ihn Hartz IV? Diese Bürokratie hierzulande ist einfach manchmal derart lebensfern, da nutzt der funktionalste Rechtstaat nichts!
pepe-b 30.04.2019
5. So ist das eben
Irgendwo muss man eine Grenze ziehen. Und selbst wenn man eine Kulanzzone von sagen wir mal 30 Minuten baut, dann kommt der nächste, der diese Kulanzzone um zwei Minuten unterschreitet. Ist nicht schön, aber eben Pech gehabt. Das ist in vielen anderen Themen auch so. Ja, Recht ist Paragraphenreiterei, besonders vor Gericht. Und das ist gut, richtig und wichtig so.
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