Nach dem Pisa-Schock Privatschulen in Deutschland boomen

In den letzten Jahren ist die Schülerzahl an deutschen Privatschulen rasant gestiegen. Dort erhoffen Eltern bessere Lernbedingungen für ihre Kinder. Ein Frankfurter Bildungsexperte bezweifelt allerdings, dass private Schulen den öffentlichen wirklich klar überlegen sind.

Der Zustrom an den Privatschulen ist immens: Um 120.000 auf rund 600.000 sei die Schülerzahl an Schulen in freier Trägerschaft in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, sagte Peter Susat, Präsident des Verbandes Deutscher Privatschulen (VDP), der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Zahl der Privatschulen nahm von 1992 bis 2003 um rund 600 auf knapp 2600 zu. Bildungsexperten führen den Boom auch auf ein negatives Image der öffentlichen Schulen zurück, das nicht zuletzt von der Pisa-Studie verstärkt wurde.

Susat erklärte, dass trotz allgemein sinkender Schülerzahlen auch künftig mit jährlich mindestens 50 Neugründungen von Privatschulen zu rechnen sei. Meinungsumfragen zufolge würden 16 bis 20 Prozent der Eltern ihre Kinder am liebsten auf eine Privatschule schicken. Die Nachfrage könne jedoch nicht annähernd gedeckt werden, die tatsächlichen Kapazitäten lägen bei nur etwa sechs Prozent. Nachholbedarf gebe es besonders in Ostdeutschland, wo nach dem Ende des staatlichen Schulmonopols private Schulen gänzlich neu aufgebaut werden mussten.

"Ein wesentlicher Grund für die gestiegene Nachfrage nach Privatschulen ist das verschlechterte Image der öffentlichen Schulen", sagte der Frankfurter Bildungsforscher Manfred Weiß der Nachrichtenagentur AP. Hier habe die Pisa-Studie einen maßgeblichen Anteil, in der die Privatschulen - zumindest dem Anschein nach - wesentlich besser abgeschnitten hätten. Allerdings habe eine wissenschaftliche Auswertung der Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 nicht bestätigen können, dass private Schulen den öffentlichen wirklich überlegen seien. "Wenn man die individuelle Leistungsfähigkeit der jeweiligen Schüler zum Maßstab nimmt, gibt es kaum Unterschiede", betont der Frankfurter Professor.

Begüterte Eltern + mehr Mädchen = bessere Leistungen

Beim guten Abschneiden bei der Pisa-Studie habe im Wesentlichen die Zusammensetzung der Schülerschaft den Ausschlag gegeben. Dabei seien auf den Privatschulen weniger problematische Fälle unter den Schülern, sagte Weiß. Die Schüler stammten oft aus Familien gehobener sozialer Schichten; zudem sei der Anteil der Mädchen traditionell höher, was sich in besseren Leistungen niederschlage. Bei den Gymnasien indes ließen sich keine Leistungsunterschiede feststellen, in mathematischen Fächern hätten die Privatschüler sogar minimal schlechter abgeschnitten.

Positiv sei allerdings eine stärkere Kultur des Förderns schwächerer Schüler bei den Privaten, was sich an einer geringeren Wiederholerquote ablesen lasse, erklärte Weiß. Auch das Schulklima sei an Privatschulen besser, der Kontakt der Eltern zur Schule in der Regel enger.

Als weitere Gründe für den Boom der Privatschulen nennt Weiß die angebotene Ganztagesbetreuung, aber auch die Diskussion um Gewalt an Schulen sowie einen Trend zu einer konservativeren Erziehung. Die überwiegende Mehrzahl der Privatschulen werde von kirchlichen Trägern geführt.

Verbandspräsident Peter Susat forderte die Politik auf, die Gründung von Privatschulen zu erleichtern. Bislang gebe es hier hohe Hürden: Beispielsweise müsse ein neuer Schulträger drei Jahre lang nachweisen, dass er die Bedingungen für die Genehmigung erfülle, bevor er überhaupt staatliche Mittel in Anspruch nehmen könne.

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