Nach dem Pisa-Schock Zehn Jahre Wirrwarr

Grundschüler (Archiv): Das deutsche Bildungssystem produziert zu viele Risikoschüler
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Grundschüler (Archiv): Das deutsche Bildungssystem produziert zu viele Risikoschüler

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2. Teil: Nachhilfe-Milliarden, Kontroll-Hysterie, Privatschul-Boom - Wie Eltern auf Pisa reagieren


Schleicher ist inzwischen rehabilitiert. Alle seine Vorhersagen trafen ein: Die Lehrerbildung ist zehn Jahre nach Pisa so wirr, dass auch Unionsbildungsexperten sie auf Podien als chaotisch bezeichnen und bereit sind, den Föderalismus in Frage zu stellen.

Die Pisa-Ergebnisse haben sich zwar verbessert - aber nur in einzelnen Ländern und meist an den Gymnasien. Da, wo das Problem für eine demokratische Gesellschaft im 21. Jahrhundert sitzt, in den Haupt- und Ghettoschulen mit bis zu 90 Prozent Risikoschülern, geht es nur sehr zäh voran.

Das Bürgertum hingegen hat seine Lektion aus Pisa gelernt: Es investiert Milliarden in Nachhilfe, es überwacht mehr oder weniger hysterisch den Unterrichtsbetrieb an Regelschulen - und notfalls flieht es aus dem staatlichen Schulchaos. Die Bereitschaft, Kinder auf freie, konfessionelle, demokratische, also auf private Schulen zu schicken, ist dramatisch gestiegen. Sogar Eltern mit Hauptschulaschluss denken heute über Prvatschulen nach - vor dem Pisa-Schock undenkbar.

Jeder fünfte Schüler ist ein Risikoschüler - noch immer

Im Land hat derweil fröhlicher Fatalismus Einzug gehalten. Jede Pisa-Folgestudie bringt stets die gleichen Ergebnisse: Prägendes Merkmal der deutschen Schule ist erstens, dass sie wenig leistungsfähig ist - also zu viele Risikoschüler produziert, deutschlandweit immer noch 20,9 Prozent. Und dass sie zweitens ungerecht ist: Weil sie - bei gleicher Intelligenz - den Kindern gebildeter und reicher Eltern bessere Chancen einräumt.

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Schülerlotsen: Die deutschen Pisa-Experten
Ist das zersplitterte Schulsystem seit Pisa einfacher geworden? Nein. Zwar haben die Länder - außer Hessen und Bayern - begonnen, die komplizierte Schulstruktur auf zwei Formen zu reduzieren. Doch freilich hat der systemimmanente Chaosfaktor der KMK nichts vereinfacht. Es regiert die neue Unübersichtlichkeit. Inzwischen gibt es ein Dutzend weiterführender Schulen: Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, (integrierte) Sekundarschule, Stadtteilschule, Oberschule, Mittelschule, Regelschule, Realschule, Realschule-plus, Werkrealschule, Hauptschule und Gymnasium.

Das deutsche Bildungsschiff ist steuerungslos. Auf der Brücke der Titanic stehen 16 Kapitäne und wollen alle in eine andere Richtung. Derweil spitzt sich demografisch wie ökonomisch die Lage zu. Deutschlands Schulen sterben, in den großen Flächenländern stehen Tausende Hauptschulen vor dem Aus - weil es nicht mehr genug Schüler für drei Schularten gibt.

Am meisten leidet die Wirtschaft. Sie, die jahrelang die Kultusminister vor sich hinwursteln ließ, steht vor einem nie gekannten Fachkräftemangel. Nicht mehr nur Ingenieure oder Ärzte fehlen, inzwischen gehen sogar die Auszubildenden aus. Selbst der Pisa-Dauersieger Bayern produziert zu viele Risikoschüler.

Reformen von unten - Bürgermeister, Lehrer, Eltern basteln eigene Schulen

Offenbarungseid der Kultusminister: Weil sie es nicht schaffen, Bildungsarmut zu bekämpfen, basteln sich nun überall im Land Bürgermeister, Landräte und Schulleiter eigene Lösungen. Die Prinzipien der neuen Schulen sind fast immer die gleichen - es sind Pisa-Lektionen: Die Schule braucht eine andere Lernkultur. Und: Kein Kind soll zurückbleiben.

In Jesteburg, Niedersachsen, zum Beispiel fordern Bürgermeister, Schulleiterin und ein Trio aus Grünen, SPD, CDU eine Schule, die auch das Abitur anbietet, eine Art Gesamtschule also. Der Kultusminister Niedersachsens tritt dort nur in einer Rolle auf: als Verhinderer. Bernd Althusmann (CDU) hat die Schule erst nicht genehmigt, weil sie zu modern ist und den falschen Namen trägt. Als Oberschule mit Haupt- und Realschulzweig hat er sie nun zugelassen.

Das Abitur ist die treibende Kraft für Schulreformen von unten. Genauer: Schulen, die auch das Abitur anbieten. So gibt es selbst in Bayern Rebellengemeinden wie Denkendorf und Kipfenberg, die eine "Schule für alle" fordern - weil sonst die Schule aus ihrem Ort verschwindet.

Das ist das neue Selbstbewusstsein nach Pisa. Wenn die oben nicht mehr können, dann machen die da unten ihre Schule eben selber. Steuerungswissen aus Pisa brauchen sie dazu nicht.

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hdudeck 02.12.2011
1. Komisch
Am meisten leidet die Wirtschaft. Sie, die jahrelang die Kultusminister vor sich hinwursteln ließ, steht vor einem nie gekannten Fachkräftemangel. Nicht mehr nur Ingenieure oder Ärzte fehlen, inzwischen gehen sogar die Auszubildenden aus. Selbst der Pisa-Dauersieger Bayern produziert zu viele Risikoschüler. Das mit dem Fachkraeftemangel konnte man vor ein paar Tagen im Spiegel noch anders lesen. Den soll es doch danach gar nicht geben.
Despair 02.12.2011
2. Titel sind toll: Föderalismus ade
So lange wir die für Deutschland so wichtigen Felder Bildung und Erziehung den Ländern überlassen, werden wir keine zufriedenstellende Lösung für die Probleme finden. Dieses Thema ist viel zu wichtig, um es im Föderalismussumpf der kleinstaatlichen Interessenpolitik zu opfern. Bildung und Erziehung sollten staatliche Aufgaben sein und die Länder rein ausführende Organe. Hinzu kommt der falsche Stellenwert den Lehrer und Erzieherinnen in unserer Gesellschaft haben - inklusive Gehalt, Status und adequate Ausbildungsmöglichkeiten (inklusive entsprechender Zugangsvoraussetzungen). Dass z.B. Lehrer heute nachwievor kaum pädagogische Bildung erhalten und häufig einfach die Leute sind, die keine Lust auf Magister/Diplom hatten oder sonst nicht wissen, was sie werden wollen, ist ein Unding (ja, es gibt auch andere - aber das scheinen Ausnahmen zu sein). Ähnliches gilt für Erzieherinnen - auch hier sollten gezielt entsprechend Fachkräfte ausgebildet werden, die eben nicht nur "gut mit Kindern können". Dazu muss sich die Gehaltstruktur massiv verändern. Wer mittlerweile einen Großteil der Erziehungsverantwortung trägt (und das ist ja nun mal aufgrund der Beschäftigungsstrukturen und dem mangelnden Interesse vieler Eltern der Fall), sollte auch entsprechend entlohnt werden. Hinzu kommen Weiterbildungen und entsprechende Arbeitsstrukturen. Darüber hinaus sollte natürlich mehr Geld für die Bildungsanstalten insgesamt zur Verfügung gestellt werden und die möglichen Eltenr so weit es geht von Bildungskosten entlasstet werden (vielleicht bekommen dann auch unsere Eliten und Akademiker wieder mehr Kinder, und nicht nur die unteren Bildungsschichten).
Reqonquista 02.12.2011
3. Die Lehrer sind wichtig
Zitat von sysopSchul-Chaos, Zuständigkeits-Durcheinander, zerplitterte Lehrerbildung: Zehn Jahre nach dem Pisa-Schock*geht es*im deutschen Bildungssystem drunter und drüber. Eltern fürchten um die Zukunft ihrer Kinder - und weichen zunehmend auf Privatschulen aus. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,801187,00.html
Weniger Strukturdebatten und mehr auf Inhalte und Qualität achten. Die Lehrmethoden sind tw. aus dem vorletzen Jahrhundert. Man muß die Schüler nur schön zwiebeln und hart rannehmen, dann führt diese Auslese schon zu einer guten Schülerschaft. Die Eltern müssen nachmittags die Defizite des Unterrichts ausgleichen und der Lehrer hat dann das Gefühl, dass er einen Super Unterricht macht, weil er sich die Lernerfolge zuschreibt. Lehrer sind überbezahlte Dienstleister und sollten diese Rolle endlich mal annehmen. Die Privilegien gehörten abgeschafft. Man strebt sich auch immer gegen Vergleichsarbeiten, weil die den Lehrer vor den Kollegen bloßstellen könnte. Und wenn die Arbeit mal schlecht ausfällt, wird einfach das gesammte Notenspektrum hochgezogen. Sonst würde der Schulleiter vielleicht stutzig werden. Alter Trick! Kein Wunder, dass wer kann auf eine Privatschule ausweicht. Die anderen müssen dann in die staatliche Schulkonserve.
henryb_de 02.12.2011
4. Was soll an einer Privatschule gut sein ?
Zitat von ReqonquistaWeniger Strukturdebatten und mehr auf Inhalte und Qualität achten. Die Lehrmethoden sind tw. aus dem vorletzen Jahrhundert. Man muß die Schüler nur schön zwiebeln und hart rannehmen, dann führt diese Auslese schon zu einer guten Schülerschaft. Die Eltern müssen nachmittags die Defizite des Unterrichts ausgleichen und der Lehrer hat dann das Gefühl, dass er einen Super Unterricht macht, weil er sich die Lernerfolge zuschreibt. Lehrer sind überbezahlte Dienstleister und sollten diese Rolle endlich mal annehmen. Die Privilegien gehörten abgeschafft. Man strebt sich auch immer gegen Vergleichsarbeiten, weil die den Lehrer vor den Kollegen bloßstellen könnte. Und wenn die Arbeit mal schlecht ausfällt, wird einfach das gesammte Notenspektrum hochgezogen. Sonst würde der Schulleiter vielleicht stutzig werden. Alter Trick! Kein Wunder, dass wer kann auf eine Privatschule ausweicht. Die anderen müssen dann in die staatliche Schulkonserve.
Ich weiss nicht, wass Sie mit "Privatschule" meinen, ich kenne die ganz tollen für die "zukünftigen Eliten" (z.B. Odenwald) nicht. Aber die "normalen" Privatschulen kennen ich etwas, und dort sieht man nichts Gutes. Der einzige Unterschied ist evtl. eine "Sozialauswahl" über den Geldbeutel der Eltern ... ob das immer ein Vorteil ist weiss ich nicht, kann aber sicher so gesehen werden. Ansonsten sind die Schulen meist etwas "schicker" und besser ausgestattet. Z.B. mit Sauna ... ganz wichtig für den Lernerfolg. Lehrer gehen dort nur hin, wenn sie in keine passende Anstellung in einer staatlichen Schule finden, sind entsprechend meist unerfahren, und immer auf dem Sprung bei einem besseren Job, vor allem bei den staatlichen Schulen. Die zahlenden Eltern können den/die Lehrer beeinflussen nach Gusto. Und bei den vielen verschieden Meinungen, kann ein Lehrer mit wenig Erfahrung und durch die Verunsicherung durch die Eltern aus dem Bildungsbürgertum selten eine Linie entwickeln. Oft werden Lehrer, etwa wenn die Leistungen schlecht sind, einfach "entfernt". Wenn das Bildungsbürgertum und die "Oberklasse" unter sich ist, kann auch solzial nicht viel gutes dabei rauskommen. Was sind Ihre positiven Punkte ?
Hanseat 02.12.2011
5. Schule, das ewige Thema
Es wird sich wohl nie etwas grundlegend ändern, wenn die Bildungshoheit weiter bei den Ländern verbleibt. Man kann vielleicht noch die Hoffnung haben, dass 2020, wenn die Länder keine Nettokreditaufnahme mehr tätigen dürfen, die Bildungs-Rahmenkomptenz inkl. Finanzierung auf den Bund übergeht, weil dieser föderale Sumpf schlicht so nicht mehr zu finanzieren ist. In den Bundesländern sind die sog. Bildungspolitiker überwiegend Wichtigtuer, die bisher jeden Ansatz abgewürgt haben, sie entbehrlich zu machen. Vielleicht helfen uns da wenigstens einmal die "Märkte".
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