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27. Januar 2016, 10:46 Uhr

Leistungswahn

Jeder siebte Schüler bekommt Nachhilfe - trotz guter Noten

Eltern schicken ihre Kinder wegen schlechter Noten zur Nachhilfe? Nicht nur. Heute pauken auch Einser- und Zweierschüler, zeigt eine Studie. Fast 900 Millionen Euro geben deutsche Familien für den Zusatzunterricht aus.

Rund 1,2 Millionen Schüler im Alter zwischen sechs und 16 Jahren bekommen Nachhilfeunterricht - obwohl ein Drittel von ihnen befriedigende bis sehr gute Noten hat. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Elternbefragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

"Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden", sagt Bildungsforscher und Studienautor Klaus Klemm. Gute Noten seien den Eltern wichtig, damit ihre Kinder den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leicht schaffen und später gute Chancen auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz haben.

Besonders gefragt ist Nachhilfe in Mathematik, gefolgt von Fremdsprachen und Deutsch. Im Schnitt lassen sich die Familien den Zusatzunterricht monatlich 87 Euro kosten. Damit geben die Deutschen pro Jahr fast 879 Millionen Euro für Nachhilfe aus.

Wie die Studie weiter zeigt, haben Einkommensunterschiede nur einen leichten Effekt auf die Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken: Schüler aus Familien mit einem Haushaltseinkommen über 3000 Euro nutzen die Angebote fast genau so häufig wie Kinder aus Elternhäusern mit weniger Geld (15 Prozent zu rund 12 Prozent).

Vor einem Jahr war eine Forsa-Studie zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Jeder vierte Elternteil glaubt, dass Schulen ihre Schüler generell zu wenig fördern.

Die Bertelsmann Stiftung sieht den Befund kritisch: Nachhilfe dürfe kein Ersatz für individuelle Förderung im Schulunterricht sein. "Bildungschancen dürfen nicht von privat finanzierter Nachhilfe abhängen", mahnte Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

vet/dpa

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