SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. Januar 2015, 17:49 Uhr

Alltagswissen von Schülern

"Ich will lernen, was eine Kreditkarte ist"

Von und

Eine Schülerin aus Köln fordert auf Twitter, dass die Schule mehr Alltagskompetenzen vermitteln soll - und bekommt viel Zuspruch. Doch wissen Jugendliche wirklich nicht, was IBAN und BIC sind? Wir haben Schüler gefragt, was ihnen im Unterricht fehlt.

Als sich die 17-jährige Schülern Naina aus Köln vor einigen Tagen auf Twitter beschwerte, dass sie in der Schule Sprachen und Gedichte lerne, aber keine Ahnung von Steuern und Versicherungen habe, bekam sie unerwartet viel Zuspruch. Ihr Twitter-Beitrag wurde mehr als 25.000 Mal favorisiert, mittlerweile hat sie mehr als 14.000 Follower.

SPIEGEL ONLINE hat Jugendliche gefragt, welchen Stoff sie in der Schule vermissen. Die meisten fühlen sich unsicher in Finanzfragen - aber auch, wenn es um Berufsfindung oder Zwischenmenschliches geht.

Nicolas, 18, aus Coburg: "Wie viel Geld braucht man?"

"Viele Schüler wissen nicht, wie man richtig mit Geld umgeht. Ich würde mir ein Fach wünschen, in dem man diesen praktischen Umgang lernt. Wie viel kostet eine Wohnung? Wie viel Geld braucht man, um sich einen Monat lang zu ernähren? Was bleibt bei einem Bruttoeinkommen nach Abzug aller nötigen Steuern und sonstiger Ausgaben wirklich zur freien Verfügung übrig? Das alles sind Fragen, die man in verschiedenen Fächern zwar anschneidet, aber nie wirklich tiefgehend behandelt. Das alles in einem Fach komprimiert zu behandeln, wäre ein sinnvoller und nachhaltiger Unterricht."

Merle, 18, aus Hamburg: "Wofür lerne ich das alles?"

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in meinem Leben nie in eine Situation geraten werde, in der ich den epistemischen Indeterminismus erklären muss. Klar, ein gewisses Maß an abstraktem Wissen gehört zur Allgemeinbildung. Was mir jedoch fehlt, ist das Auseinandersetzen mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten, aus denen sich ein Berufswunsch für die Zukunft entwickeln kann. Denn was nützt mir die bergmannsche Regel, wenn ich nicht weiß, wofür ich das alles lerne? Kurz vor dem Abitur sind viele Schüler ratlos, was danach kommen soll. Ist der Beruf als Journalist wirklich so abwechslungsreich? Würde nicht ein BWL-Studium besser zu mir passen und mehr Möglichkeiten bieten? Und wie bekomme ich überhaupt einen Studienplatz? Es gibt so viele Möglichkeiten, aber wer sich seiner Talente und Interessen nicht bewusst ist, wird nur schwer eine Entscheidung treffen können. Die Schule versäumt es leider, uns bei den wichtigen Entscheidungen zur beruflichen Laufbahn zu unterstützen."

Michel, 18, aus Hamburg: "Die Verantwortung tragen Eltern und Lehrer"

"Darstellendes Spiel, Biologie und Mathe sind drei Fächer, die mich über große Teile meiner gesamten Schullaufbahn begleitet haben, und doch frage ich mich oft, welchen Zweck es erfüllt, wenn ich die Wahrscheinlichkeit, mit der die rote Kugel aus der Urne gezogen wird, genau bestimmen kann.

Worauf muss ich zum Beispiel bei Verträgen achten? Was mache ich, wenn ich einen Wasserrohrbruch habe? Natürlich müssen wir Schüler guten Willen zeigen, diese Dinge zu erlernen, doch die Verantwortung tragen Lehrer und Eltern. Denn Letztere sind unsere Erziehungsbeauftragten, und Lehrer preisen sich sowieso damit, uns Schüler auf das spätere Leben 'vorzubereiten'."

Peter, 17, aus Daun: "Die Schule muss mich nicht auf eine Steuererklärung vorbereiten"

"Es ist klar, dass die wenigsten von uns Schülern später Gedichte auf Französisch analysieren werden. Aber ich finde nicht, dass mich Schule darauf vorbereiten muss, wie ich eine Steuererklärung anfertige oder eine Versicherungspolice abschließe. Das Reflektieren einer Sprache sensibilisiert den Geist für Feinheiten, und auch das strukturierte Arbeiten ist eine wichtige Methodik - und über Steuererklärungen wird mein Vater mich zu gegebener Zeit aufklären."

Paula, 17, aus Hamburg: "Was ist der Unterschied zwischen einer EC- und einer Kredit-Karte?"

"Ich habe keinen blassen Schimmer davon, wie man seine Finanzen alleine regelt. Neulich hat meine Mutter mir den Unterschied zwischen einer EC-Karte und einer Visa-Karte erklärt. Verstanden hab ich es immer noch nicht richtig. Dies ist nur die Spitze des mystischen Eisbergs der Finanzen, von dem ich keine Ahnung habe. Obwohl man in der Schule sein Grundwissen fördert und dabei ein breites Spektrum von Themengebieten abdeckt, werden viele Dinge ausgelassen. Wie mache ich eine Überweisung oder nehme einen Kredit auf? Ich bin ratlos, würde aber gerne einen Kurs belegen."

Björn-Hendrik, 17, aus Fürth: "Lehrer wollen keine redegewandten Schüler"

"Mir persönlich fehlt in der Schule Rhetorik. Dabei zählte die Rhetorik auch schon im alten Rom zu den wichtigsten Fächern überhaupt. Sie war sogar Teil der sieben freien Künste. Heute ist sie vollkommen vom Lehrplan verschwunden. In der Oberstufe in Bayern wird sie kurz vor dem Abitur unterrichtet. Ich bin in der zwölften Klasse, bis jetzt habe ich aber noch nicht gelernt, wie ich eine Rede schreibe. Ich kann dafür Sachtexte analysieren und weiß, was ein Enjambement ist. Ich würde gern Jura studieren, sollte ich allerdings später einmal jemanden vor Gericht verteidigen, bezweifle ich, dass mir da meine Sachtexte weiterhelfen. Ich befürchte, dass es von vielen Lehrern gar nicht gewollt ist, redegewandte und diskutierfreudige Schüler zu haben."

Ljuba, 22, aus Halle: "Nach dem Tod eines Familienmitglieds hat mir kein Lehrer geholfen"

"Ich bin seit ein paar Jahren aus der Schule raus. Ich habe einen guten Abschluss. Aber es gibt Dinge, die mir kein Lehrer beigebracht hat - zum Beispiel, wie man mit Liebeskummer oder Verlusten umgeht. Als ich in der achten Klasse war, ist jemand aus meiner Familie gestorben, der mir sehr wichtig war. Das hat mich noch lange beschäftigt. Wir hatten in der Schule zwar Vertrauenslehrer - aber niemand hat mir erklärt, was ich tun kann, um mit der schwierigen Situation umgehen zu können. Ich hatte Probleme, mich anderen Menschen anzuvertrauen und über das Thema zu sprechen. In der Schule war keiner, der uns gesagt hat, welche Beratungsstellen es gibt, wo man Unterstützung in solchen Fällen finden kann. Die Schule sollte nicht selbst zur Beratungsstelle werden, aber Möglichkeiten der Konfliktlösung aufzeigen."

Katharina, 18, aus Ladenburg: "Wir waren schockiert: Was sind IBAN und BIC?"

"Wegen eines Fahrtkostenzuschusses für unsere Studienreise nach Berlin haben wir von unserem Lehrer nach der Reise etwas Geld zurückbekommen. Dafür gab uns unser Lehrer einen Überweisungsträger. Fast zeitgleich kam die Frage auf, wie man einen Überweisungsträger ausfüllt. In diesem Moment waren wir alle etwas schockiert: In ein paar Monaten sollen wir Abitur schreiben - aber wie füllt man einen Überweisungsträger aus, was sind IBAN und BIC, und wie funktioniert Online-Banking? Das wissen die wenigsten von uns. Würde man dazu etwas in der Schule lernen, blieben uns bestimmt einige peinliche Situationen erspart."


Was Schüler schreiben, wenn Sie nicht weiterwissen, lesen Sie in unserer Stilblütensammlung:

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung