Nationaler Bildungsbericht Was Deutschland noch lernen muss

Im Osten fehlen Erzieher, in Kleinstädten fehlen Schüler - und ganz Deutschland fehlt ein Plan, wie das Bildungssystem leistungsstark bleibt. Der nationale Bildungsbericht kommt zu teils alarmierenden Ergebnissen.
Foto: Tim Brakemeier/ picture alliance / dpa

Der nationale Bildungsbericht, der alle zwei Jahre von einem Wissenschaftlerteam zusammengetragen und von der Bildungsministerin vorgestellt wird, soll eigentlich eine nüchterne Analyse sein. Doch wer sich durch die Fülle der Daten wühlt, erkennt das politische Drama, das in diesem Jahr in dem Bericht  steckt: Während sich die Regierung in Berlin selbst zerfleischt, gäbe es Wichtiges zu erledigen.

Die Kurzversion: Die Autoren empfehlen, dass massiv Lehrer und Erzieher eingestellt werden. Und sie fordern grundlegende Umbauten im Bildungssystem. Vor allem jenseits der Großstädte müsse mehr unternommen werden, um die Bildungsinfrastruktur zu erhalten.

Konkret muss hier ein Teufelskreis durchbrochen werden: Wenn in einer Kleinstadt die Grundschule schließt, weil sie zu wenig Schüler hat, ziehen noch weniger Menschen dort hin, wenig später fehlen auch weiterführenden Schulen und Unis in der Region die Teilnehmer.

Die wichtigsten Befunde des Berichts:

  • Es gibt mehr Bildungsteilnehmer, Tendenz weiter steigend.

An Kitas, Schulen und Universitäten werden immer mehr Plätze benötigt. Und damit immer mehr Lehrende. Bereits jetzt liegt die Zahl der Kitakinder, Schüler, Studenten und Erwachsenen, die sich weiterbilden, kurz "Bildungsteilnehmer", um knapp eine halbe Million Menschen höher als 2009.

Teils ist das mit dem verstärkten Zuzug nach Deutschland in den vergangenen Jahren zu erklären. Weil aber auch die Geburtenrate seit fünf Jahren ansteigt, wird das noch eine Weile so weitergehen.

  • Höhere Bildung ist gefragt.

Während 2006 noch 34 Prozent eines Jahrgang Abitur machten, waren es 2016 schon 43 Prozent. Auch erreichen immer mehr Auszubildende die Hochschulreife, die Nachfrage nach Studiengängen steigt.

Das ist durchaus gewollt: Von Bildung profitiert jeder Einzelne, wie der Bericht zeigt. Akademikerinnen verdienen durchschnittlich fast acht Euro pro Stunde mehr als Frauen, die eine Lehre absolviert haben, bei Männern beträgt der Unterschied sogar neun Euro. Und wer mehr verdient, zahlt auch mehr Steuern, deshalb rechnen sich Bildungsinvestitionen auch für den Staat.

  • Die Ungerechtigkeit in der Bildung droht zu wachsen.

Bereits jetzt besteht eine große Kluft zwischen Schülern mit guten und schlechten Startbedingungen: Kinder aus Akademikerhaushalten studieren in 79 Prozent der Fälle später selbst, bei den anderen sind es nur 24 Prozent. Im Idealfall müsste ein Bildungssystem diesen Unterschied ausgleichen, um alle Talente zu fördern. Gerechte Chancen sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

  • Die Anforderungen an alle Bildungseinrichtungen steigen.

In Schulklassen gibt es mehr Kinder als früher, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Das ist ein lösbares Problem - wenn man das Personal und die Mittel hat, darauf einzugehen. Ebenso ist es mit der Inklusion von Kindern, die früher auf Förderschulen gingen. Zudem sind viele Bildungsangebote durchlässiger geworden, der Wechsel für die Schüler leichter. All das bedeutet: Die Schülerschaft wird heterogener.

Und das gilt nicht nur für Schulen. Beispielsweise ist die Zahl der Kinder in der Tagesbetreuung, deren Familie nicht vorrangig Deutsch spricht, von 363.000 (2006) auf 553.000 (2016) gestiegen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, braucht es mehr Personal. Quereinsteiger sind dabei nur bedingt hilfreich. Gerade vielschichte Lerngruppen brauchen oft Lehrer und Erzieher mit spezialisierter Ausbildung.

  • Die Ungleichheit zwischen den Regionen nimmt gefährliche Ausmaße an.

Immer mehr Menschen ziehen in Deutschlands große Ballungsräume. Auf dem Land lohnen sich nach den bisherigen Maßstäben damit viele Bildungseinrichtungen nicht mehr - es sind einfach nicht mehr genug Menschen dort. Wie viele Schüler eine Schule zum Überleben braucht, lesen Sie hier . So hat die Zahl der beruflichen Schulen vor allem in den ostdeutschen Ländern binnen zehn Jahren um rund 20 Prozent abgenommen.

Das Problem zeigt sich auch in Kitas, wo vor allem Erzieher im Osten besonders große Kindergruppen betreuen müssen. Wenn hier nicht gegengesteuert wird, bluten die betroffenen Regionen - von denen es auch einige im Westen gibt - aus. Das Gefühl der Bürger, abgehängt zu sein, dürfte sich verstärken.


Die Autoren, die für den Bericht vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung koordiniert werden, mahnen: Die nötigen "Entwicklungen können nur durch erhebliche Investitionen eingeleitet werden".

Dazu gehört für sie nicht nur der Ausbau der Plätze und Angebote. Die Bildungspolitik, die in der Bundesrepublik ja in den Händen der Länder liegt, müsste besser über Ländergrenzen hinweg abgestimmt werden, mahnen sie. Nur so könne Personalgewinnung, Aus- und Fortbildung klappen.

Das ist eine politische Herkulesaufgabe. Dagegen nimmt sich das prominenteste bundespolitische Bildungsprojekt der vergangenen Jahre geradezu niedlich aus: Der Digitalpakt für Schulen, Kostenpunkt fünf Milliarden Euro.

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