Nationalstolz per Gesetz Japanische Lehrer müssen Hymne singen

Patriotismus ist in Japan Lehrerpflicht. Lehrer werden hart bestraft, wenn sie sich weigern, vor der Flagge die Nationalhymne zu singen. So bleibt es - das entschieden Richter in Tokio. Lehrer rebellieren allerdings weiter und wollen eine höchstrichterliche Klärung.


Lehrer und Schüler müssen auch künftig beim Hissen der japanischen Flagge aufstehen und die Nationalhymne singen, urteilte am Donnerstag das Bezirksgericht in Tokio. Eine Gruppe von Lehrern hatte auf Schadenersatz geklagt, weil sie für ihre Weigerung, die Nationalhymne zu singen, hart bestraft worden waren.

Japan hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinen nationalen Symbolen. Wie die japanische Flagge, eine rote Sonne auf weißem Grund, war auch die Hymne während des Zweiten Weltkriegs in Gebrauch und gilt in anderen Ländern Asiens als Symbol für den japanischen Militarismus. Die Nationalhymne Kimi ga Yo aus dem zehnten Jahrhundert ist auch in Japan umstritten: Das Loblied auf den japanischen Kaiser verherrliche den Nationalismus, sagen die Gegner der Hymne. Sinngemäß lautet ihr Text:

Gebieter, Eure Herrschaft soll bestehen
eintausend Jahre, achttausend Jahre
bis aus dem Kieselstein ein Felsen wird
und Moos seine Seiten bedeckt

Erst 1999 wurden Flagge und Hymne wieder offiziell zu nationalen Symbolen erklärt. Der Zwangs-Patriotismus geht in Tokio auf eine Verordnung aus dem Jahr 2003 zurück. Damals verpflichtete die Bildungsdirektion in der japanischen Hauptstadt Schüler und Lehrer zum Singen der Nationalhymne und zum Hissen der Flagge bei allen offiziellen Anlässen. Seitdem weigerte sich eine Vielzahl von Lehrern immer wieder gegen die patriotische Pflichtübung, einige klagten wiederholt vor Gerichten dagegen.

Streikt ein Kollege vor der Fahne, müssen alle zur Schulung

Die Strafen für Lehrer, die nicht am morgendlichen Absingen der Hymne teilnehmen wollten, waren hart: Insgesamt wurden 410 Lehrer abgemahnt, weil sie während des Liedes sitzengeblieben waren, berichtete die Tageszeitung "taz". Einigen Lehrern wurden bis zu sechs Monatsgehälter um jeweils zehn Prozent gekürzt; elf Lehrer wurden bis zu einem halben Jahr vom Dienst suspendiert. Wenn einzelne Schüler oder Lehrer die Hymne boykottierten, wurde das gesamte Kollegium zu kollektiven Schulungen verpflichtet.

Gegen diese Behandlung hatten insgesamt 172 Lehrer geklagt. Ihre Begründung: Das erzwungene Bekenntnis zur Flagge verstoße gegen die von der japanischen Verfassung garantierte Meinungsfreiheit. Vor Gericht forderten die Lehrer nach Informationen der Tageszeitung "New York Times" eine Entschädigung von 550.000 Yen, also etwa 4400 Euro für jeden der klagenden Lehrer.

Shigeru Nakanishi, Vorsitzender Richter am Bezirksgericht Tokio, lehnte die Klage jedoch ab. Die Anordnung der Schulverwaltung verstoße nicht gegen die japanische Verfassung. "Für Schulen ist es wichtig, durch Zeremonien in der Gruppe Uniformität und Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen", schrieb Nakanishi in seiner Urteilsbegründung. Die Disziplinarstrafen seien angemessen gewesen.

Die Lehrer wollen mit ihrer Klage bis vor das japanische Verfassungsgericht ziehen. Toru Kondu, einer der klagenden Lehrer, bezeichnete das Urteil als "offenkundig ungerecht" und kündigte an, in Revision zu gehen. "Wir sind darauf vorbereitet, das bis zum Schluss durchzufechten und dem japanischen Schulsystem Freiheit und demokratische Werte zurückzubringen", sagte Kondu der "New York Times".

Die Lehrerin Hiroko Arai, die wegen ihrer Weigerung, die Hymne zu singen, vorübergehend von ihrem Job suspendiert worden war, sagte einer Nachrichtenagentur: "Einer solchen Anordnung nur aus Angst vor Konsequenzen zu folgen, ist das Gegenteil von dem, was ich meinen Schülern beibringen möchte."

pen



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