Neid unter Kindern Schafft die Spielzeugtage ab!

In vielen Kitas und Grundschulen dürfen Kinder einmal pro Woche ihr liebstes Spielzeug mitbringen. Sarah Wiedenhöft graut vor diesen Tagen - denn sie entfachen einen unfairen Kampf um die größten, tollsten, teuersten Sachen.

Ein heißer Sommertag im Juni. Ich stehe in der Spielzeugabteilung im Kaufhaus, verschwitzt und bepackt mit Einkaufstüten, und mein sieben Jahre alter Sohn durchkämmt auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk die Regale. "Aber ich will das", brüllt es plötzlich hinter uns.

Ein blondes Mädchen, etwa fünf Jahre alt, stemmt ein riesiges pinkfarbenes Einhorn mit Regenbogenschweif und Glubschaugen in die Luft. "Nein, das kaufen wir nicht", höre ich die Mutter leicht genervt sagen. "Das Tier ist ja riesig." "Doooch, Mami, bitte", jammert die Kleine. "Lisa hatte so eins bei 'Zeigen und Erzählen' dabei. Alle fanden es toll." Ich schaue die Mutter verständnisvoll an. "Zeigen und Erzählen" ist auch bei uns das Drama der Woche.

Am Zeigen-und-Erzählen-Tag, auch Spielzeugtag genannt, dürfen Kinder ein Spielzeug in die Grundschule mitbringen und es den anderen vorführen. Das soll es gerade jüngeren Kindern leichter machen, sich von den Eltern zu trennen und außerdem den Dialog zwischen den Schülern fördern. Stattdessen fördert es Neid und Konkurrenz.

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Foto: Privat

Sarah Wiedenhöft (Jahrgang 1991) lebt mit ihrem sieben Jahre alten Sohn in Hamburg und arbeitet als freie Mitarbeiterin für SPIEGEL ONLINE.

Die Vorbereitung des Spielzeugtages beginnt meist schon eine Woche vorher. Das Kind kommt nach Hause und geht im Kopf die Autos, Plüschtiere und Actionfiguren der anderen Kinder durch. "Johannes hatte eine Spiderman-Figur auf einem Motorrad. Das fanden die anderen total cool. Mareike hatte bloß einen Schlüsselanhänger, der war langweilig."

Die Kinder werden also eingeteilt in cool und uncool, ganz automatisch. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem mein Sohn einen Feuerwehrhelm mit in die Kita brachte. Wie stolz er war, als er mit Helm auf dem Kopf und Rucksack auf dem Rücken die Treppen hinunterhüpfte. Und wie niedergeschlagen er sie wieder hinaufschlurfte, weil die anderen Kinder seinen Helm nicht so sehr mochten wie er selbst. In der darauffolgenden Woche baute sich ein großer Druck in ihm auf, ein Spielzeug mitzubringen, das den anderen Kindern besser gefällt.

Kinder werden ausgeschlossen, weil ihnen ein "cooles Spielzeug" fehlt

Angesprochen auf den Spielzeugtag berichten mir Eltern von zerrissenen Perlenketten, aufgeschnittenen Stofftieren ("Der Theo will später einmal so gern Chirurg werden, irgendwo muss er ja üben"), zertretenen Legoflugzeugen, abgerissenen Puppenarmen und verlorenen Actionfiguren.

Ein Paar gibt hinter vorgehaltener Hand zu, ihre Tochter immer mittwochs mit dem Auto in die Kita zu bringen, damit sie das einen Meter zwanzig große Barbie-Schloß mitnehmen kann. Ohne das sei sie in der Gruppe ein Niemand.

Ich höre von Kindern, die aus Gruppen ausgeschlossen werden. Die nicht mitspielen dürfen, weil ihnen ein "cooles" Spielzeug zum Zeigen fehlt.

Darum, liebe Lehrer und Erzieher, tut den Kindern und uns einen Gefallen und schafft den Spielzeugtag ab. Denn so lernen die Kinder nur, was es heißt, wenn nicht alle zur Gemeinschaft dazugehören.

Video: Die 24-Stunden-Kita

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