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Aufsteiger und Absteiger: So sortiert das deutsche Schulsystem aus

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Studie zum Schulwechsel Ausgesiebt und abgestiegen

Deutsche Schulen produzieren doppelt so viele Absteiger wie Aufsteiger. Im Schuljahr 2010/2011 beispielsweise wurden 50.000 Schüler auf eine niedrigere Schulform geschickt, nur 23.000 auf eine höhere. Die Verlierer häufen sich in Bundesländern mit eher laschen Standards.

Viele tausend Schüler kennen das Gefühl: Ich habe versagt. Weil die Noten nicht gut genug waren, die Leistungen nicht stimmten, die Lehrer es für aussichtslos hielten, müssen sie die Schule wechseln: vom Gymnasium auf die Realschule oder von der Realschule auf die Hauptschule - jedenfalls auf einen Schultyp mit geringeren Ansprüchen und einem niedrigeren Ansehen.

Für manchen mag die "Abschulung", so heißt das in der Sprache der Bildungsbürokratie, Erleichterungen mit sich bringen: Die Lehrer können in homogeneren Klassen unterrichten, wenn die ewigen Bremser fehlen. Ehemals Klassenletzte sind auf ihrer neuen Schule plötzlich der Star.

Doch der Wechsel nach unten ist für die meisten betroffenen Schüler ein einschneidendes Erlebnis in der eigenen Bildungsbiografie: Du gehörst nicht mehr dazu, du bist gescheitert, soll sich doch eine andere Schule mit dir herumschlagen, das ist die Rückmeldung, die das Schulsystem an sie aussendet.

50.000 Schüler stiegen ab, nur 23.000 auf

Eine neue Studie, die heute in Berlin vorgestellt wurde, zeigt, wie häufig dieses Downgrading in Deutschland vorkommt: Allein im Schuljahr 2010/2011 wurden 50.000 Schüler auf eine niedrigere Schulform geschickt, wie die Bertelsmann Stiftung ermittelte. Nur für 23.000 Schüler ging es hingegen aufwärts. Das deutsche Schulsystem produziert demnach doppelt so viele Absteiger wie Aufsteiger. Durchlässig ist es also vor allem in eine Richtung: nach unten.

Die vielen Abstiege könnten als Anzeichen gesehen werden für die "langlebige pädagogische Tradition der Selektion in dem gegliederten Schulsystem in Deutschland", so heißt es dort. Die Stiftung kritisiert, dass sich die deutschen Schulen noch immer zu stark aufs Aussortieren konzentrierten. Jörg Dräger, für Bildung zuständiges Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, fordert deshalb, im Unterricht einzelne Schüler individuell zu fördern. "Auf Abschulungen und Klassenwiederholungen kann man dann weitgehend verzichten", so Dräger.

Keine Ehrenrunden und keine Abstiege mehr? Das fordern linke Pädagogen und Schulpolitiker seit Jahren, manche wollen am liebsten gleich noch die Schulnoten abschaffen und alle Schüler in einer Gemeinschaftsschule unterrichten. Der ehemalige Hamburger Wissenschaftssenator Dräger und die Bertelsmann Stiftung waren solcher Träume bislang eher unverdächtig.

Als Appell für die Gemeinschaftsschule und die Abschaffung von Schulnoten lässt sich auch die neue Studie nicht interpretieren, im Gegenteil. Die Verfasserin der über 200 Seiten starken Analyse, die Bildungsforscherin Gabriele Bellenberg von der Universität Bochum, hat auch untersucht, in welchen Bundesländern besonders viele Abschulungen vorkommen. Sie stellte dafür eigene Berechnungen auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamts an.

Das Bild ist nicht einheitlich, doch ein Trend lässt sich erkennen: Bundesländer mit eher laschen Standards und einem leichten Übertritt aufs Gymnasium produzieren später viele Absteiger. Schüler also, die zunächst eine Schulform besuchen durften, deren Anforderungen sie später nicht gewachsen waren.

Bayern top, Niedersachsen Flop

So gibt es mehr Auf- als Absteiger nur in einem einzigen Bundesland, nämlich in dem als gestreng bekannten Freistaat Bayern. Hingegen kommen in Nordrhein-Westfalen auf jeden Aufsteiger mehr als fünf Absteiger, in Berlin sieben und in Niedersachsen mehr als zehn. Dies sind auch die Bundesländer, die in Leistungsvergleichen wie Pisa traditionell eher am unteren Ende der Vergleichsskala rangieren.

Auch die Prozentzahl der Wechsel insgesamt variiert: Während in Bremen über sechs Prozent der gesamten Schülerschaft der Sekundarstufe I wechselt, sind dies in Baden-Württemberg nur wenig mehr als ein Prozent. In der Hansestadt, so scheint es, erweist sich die gewählte weiterführende Schule als weniger passgenau.

Die Statistik lässt jene Bundesländer in gutem Licht erscheinen, bei denen der Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen eher strikt geregelt ist. In Bayern ist beispielsweise ein Notenschnitt von 2,33 in den zentralen Fächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde für eine Übertrittsempfehlung aufs Gymnasium erforderlich. In Sachsen muss es gar eine glatte 2,0 sein. Auch Baden-Württemberg kannte bis vor kurzem noch eine verbindliche Gymnasialempfehlung, bevor sie im vergangenen Jahr die grün-rote Landesregierung kippte.

"Kein Land ist klarer Sieger beim Thema Durchlässigkeit"

Seit dem Pisa-Schock haben die meisten Bundesländer viel an ihren Schulstrukturen herumgedoktert. Zwei Ziele verfolgten die Bildungspolitiker vor allem: Die Leistungen sollten steigen und die soziale Ungerechtigkeit abnehmen. In den meisten Bundesländern bildet sich eine zweigliedrige Struktur heraus aus dem Gymnasium und einem zweiten Schultyp, der je nach Bundesland unterschiedlich heißt. Andere Bundesländer wie Bayern halten nach wie vor am traditionellen Dreiklang aus Haupt- und Realschule sowie dem Gymnasium fest.

Bellenberg gibt keinem dieser Modelle den Vorzug. Sie stellt lediglich fest, dass sich der Wechsel nach unten negativ auswirkt. "Besonders problematisch sind die Folgen solcher Abschulungen am unteren Ende des Bildungssystems. Hier fangen Hauptschulen im Laufe der Sekundarstufe I immer mehr Schüler auf, deren Schullaufbahnen durch Misserfolge geprägt sind."

In Nordrhein-Westfalen wächst demnach an den Hauptschulen die anfängliche Schülerschaft durch Schulformwechsler um 29 Prozent, in Niedersachsen gar um 42 Prozent. Die Autorin: "Damit entwickelt sich diese Schulform zu einer Restschule - sie wird von Eltern gemieden und Schüler gelangen zu großen Teilen unfreiwillig dorthin."

Die Studie wird für Diskussionen in der Bildungspolitik sorgen, denn erstmals wurden flächendeckend Auf- und Absteiger ermittelt. Je nach politischem Programm werden die Interpretationen erheblich voneinander abweichen - wie bei fast allen Bildungsstudien. Laut Jörg Dräger ist "kein Land klarer Sieger beim Thema Durchlässigkeit". Statt Strukturdebatten zu führen gelte es, Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen.

Doch um eine naheliegende Erkenntnis werden die Schulreformer kaum herumkommen: Es bringt nichts, im Namen sozialer Gerechtigkeit die formalen Anforderungen für den Besuch höherer Schulformen immer weiter abzusenken. Es bringt auch nichts, eine hohe Gymnasialquote als politisches Ziel auszurufen.

Wer so handelt, erspart zwar Eltern und Grundschülern zunächst die Enttäuschung, es nicht aufs Gymnasium geschafft zu haben. Doch die Schmach kommt später, und sie fällt umso grausamer aus.

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