Neuer Unicef-Bildungsvergleich "Schwächere Schüler werden in Deutschland einfach abgehängt"

Es ist das Watschenjahr für deutsche Bildungspolitiker. Nach dem Pisa-Schock fasst eine neue Unicef-Untersuchung jetzt mehrere Bildungsvergleiche zusammen und zeigt, dass Deutschland einen festen Platz im letzten Viertel hat. Und: Entscheidend für den Schulerfolg ist der Bildungsstand der Eltern.

Deutsche Bildungspolitiker, Schüler und Lehrer erhielten im letzten Jahr reihenweise Ohrfeigen: Erst kamen im Dezember 2001 die desaströsen Ergebnisse des internationalen Schulvergleichs Pisa, bei dem deutsche Schüler auf Platz 21 von insgesamt 32 OECD-Nationen landeten und sich sowohl beim Lesen als auch bei Mathematik und Naturwissenschaften blamierten. Dann folgte "Pisa E", der innerdeutsche Ländervergleich - Bayern und Baden-Württemberg wähnten sich von Lorbeer bekränzt und hatten doch nur eher fragwürdiges Eigenlob zu bieten.

Immer wieder sammelten deutsche Schüler, auch die Südstaatler, bei internationalen Bildungsvergleichen mäßige bis schlechte Zensuren - weit hinter den führenden Nationen, etwa den skandinavischen Musterländern. Jetzt bestätigt eine Unicef-Studie das Bild: Trotz der "starken intellektuellen Tradition in der Bildung" schafft Deutschland lediglich den 19. Platz unter den 24 reichsten Industrienationen der Welt. Und damit ein noch peinlicheres Ergebnis als bei Pisa.

Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, geht es dabei um eine Gesamtbetrachtung der Bildungserfolge und nicht darum, wie viele Kinder formal hohe Bildungsabschlüsse erreichen. Unicef hat fünf Bildungsvergleiche zum Leseverständnis, zu den Kenntnissen in Mathematik und Naturwissenschaften unter die Lupe genommen und zusammengefasst, neben der Pisa-Studie auch die Mathematik-Untersuchung TIMSS.

Riesige Kluft zwischen starken und schwachen Schülern

Als Gradmesser für den "Erfolg oder Misserfolg jedes Landes bei der Vorbereitung der Schüler auf Leben und Arbeit im 21. Jahrhundert" nimmt Unicef vor allem den Unterschied zwischen guten und schlechten Schülern. Und da tut sich in Deutschland eine gewaltige Kluft auf: Etwa jedem sechsten Jugendlichen im Alter von 14 oder 15 Jahren gelang es nicht, ein Mindestmaß von Bildungsanforderungen zu erfüllen. Mehr als ein Fünftel der deutschen Schüler scheiterten zum Beispiel an "einfachen Textaufgaben".

Damit schlug Deutschland auf Rang 19 lediglich die südeuropäischen Länder Spanien, Italien, Griechenland und Portugal. Die Spitzenplätze erreichten Südkorea, Japan und Finnland. Auch Kanada, Australien, Österreich und Großbritannien schafften den Sprung ins erste Drittel. Frankreich und die Schweiz landeten im Mittelfeld, die USA noch knapp vor Deutschland.

Bildungsstand der Eltern entscheidend

Damit kann das deutsche Bildungssystem sich auch nach der neuen Erhebung international nicht behaupten. Deutlich stärker als in den meisten anderen Ländern entscheidet der Bildungsstand der Eltern über den Schulerfolg der Kinder. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus deutschen Familien mit niedrigem Bildungsstand nur unzureichend Lesen und Schreiben lernen, sei drei Mal höher als bei Kindern aus privilegierteren Elternhäuser, kommentierte die Unicef am Dienstag: "Schwächere Schüler werden einfach abgehängt", so Dietrich Garlichs, Chef von Unicef Deutschland.

Die einzelnen Erhebungen ergaben allerdings keine stabile Platzverteilung. So schnitten deutsche und dänische Schüler bei einem Lesetest ebenso schlecht ab wie bei einer Prüfung in Mathematik und Naturwissenschaften, erreichten in einem weiteren Lesetest für Erwachsene aber deutlich bessere Noten.

Eine besondere Rolle weist die Unicef der Förderung durch Eltern und Familie zu. Einen direkten Zusammenhang zwischen den Bildungsausgaben oder den Klassengrößen und der Effektivität des Bildungswesens konnte sie dagegen nicht belegen. "Es gibt nicht nur eine Antwort", sagte Unicef-Sprecher Patrick McCormick.

Einwanderer-Kinder deutlich benachteiligt

Der Unicef-Erhebung zufolge fördert eine frühe Festlegung der Schullaufbahn, wie sie in Deutschland anders als etwa in Skandinavien üblich ist, keineswegs die Fähigkeiten der Schüler. Erstaunlich: Bei den Achtklässlern gelingen 40 Prozent der deutschen Realschüler und sechs Prozent der Hauptschüler bessere Mathematikleistungen als dem schlechtesten Viertel der Gymnasiasten.

Unicef hat auch versucht, den Unterschied zwischen guten und schlechten Schülern in Unterrichtsjahren zu messen. So lagen schwache Schüler in Finnland lediglich dreieinhalb Jahre hinter den besten Altersgenossen zurück, in Deutschland, Belgien oder Neuseeland dagegen fünf Jahre. Was schon Pisa zeigte, bestätigt auch Unicef: Kinder ausländischer Herkunft haben in Deutschland, Dänemark, Belgien und selbst beim Klassenprimus Finnland ausgesprochen schlechte Karten - in Australien oder Kanada, die hohe Zuwanderungs-Quoten verzeichnen, gelingt die Integration weit besser.

Das hat möglicherweise nicht allein mit der Schulpolitik zu tun, sondern mehr mit der Zuwanderungspolitik und den Sprachkenntnissen der Immigrantenfamilien. Einen Erklärungsansatz nennt SPIEGEL ONLINE-Leser Michael Reuss: "Die Einwanderergruppen, die nach Frankreich und Großbritannien kommen, beherrschen die Landessprache zumindest rudimentär, da sie zumeist aus ehemaligen Kolonialländern stammen", so Reuss, für Deutschland nationaler Experte bei der EU-Kommission, "Australien und Kanada verzeichnen vor allem einen Zustrom aus Ostasien, wo ebenfalls oft Grundkenntnisse in Englisch bestehen."

"Gescheiterte Zuwanderungspolitik in Deutschland"

Daher sieht Reuss eine der Hauptursachen für Deutschlands Bildungsmisere die "missglückte Integration von Millionen von Ausländern" - in den Schulen könne es mit dem Leseverständnis nicht weit her sein, wenn "teils die Hälfte der Klasse Deutsch nicht als Muttersprache beherrscht und in den Häusern der Zuwandererfamilien ebenfalls nur in Ausnahmefällen Deutsch gesprochen wird."

Lorenz Borsche, gelernter Soziologe, plädiert ebenfalls für eine deutlich frühere Sprachschulung ("Das erste Schuljahr ist viel zu spät!") und sieht zudem einen Grundfehler bei allen bisherigen Bildungsvergleichen, ob bei Pisa oder jetzt bei der Unicef-Untersuchung: "Die soziale Schichtung der Zuwanderer ist absolut entscheidend für den Bildungserfolg und wurde schon bei Pisa unter den Teppich gekehrt", kritisiert Borsche.

Der Statistiker hatte bereits nach der Pisa-Veröffentlichung die Forscher zum "eigentlichen Fiasko an der Studie" erklärt. Der Hauptfaktor für das so unterschiedliche Abschneiden etwa benachbarter europäischer Länder sei die Migration, denn Immigrant sei nicht gleich Immigrant: "Der Sohn eines anatolischen Ziegenhirten wird als Immigrantenkind, zumindest wenn er die Landessprache nicht frühzeitig lernt, in der Regel schlechter abschneiden als der Sohn eines indischen Arztes, der später von seiner Oberschichtfamilie zum Studium nach Oxford geschickt werden soll", so Borsche.

Westliche Staaten hätten die Zuwanderung sehr unterschiedlich geregelt, und den Einfluss auf die Bildungskarrieren nennt Borsche eine "unangenehme Wahrheit". Kanada oder Australien beispielsweise wählten die Einwanderer stark nach wirtschaftlichen Kriterien aus, Deutschland dagegen drücke sich vor dem Eingeständnis, längst ein Einwanderungsland zu sein. Ob Lehrer-Weiterbildung, dreigliedriges Schulsystem oder Lehrpläne, ob Bildungsausgaben, Klassenrgöße oder Zentralabitur - gegen den Faktor Immigration könne man alles andere bei den Bildungsvergleichen "glatt vergessen", behauptet Borsche: "Das ist die Rechnung für die gescheiterte Zuwanderungspolitik in Deutschland, und Änderungen werden Jahrzehnte brauchen."

Das Ranking der 24 reichsten Industrienationen

Im zweiten Teil:

Unicef ermittelte eine Rangliste der 24 untersuchten Länder aus einer Kombination von fünf Bildungs-Tests. Die Prozentzahlen in Klammern stehen dabei für den Anteil der Jugendlichen, die ein Mindestmaß an Anforderungen nicht erreichten - je weniger, desto höher die Platzierung im Ranking.

1. Südkorea (1,4 Prozent)
2. Japan (2,2)
3. Finnland (4,4)
4. Kanada (5,0)
5. Australien (6,2)
6. Österreich (8,2)
7. Großbritannien (9,4)
8. Irland (10,2)
9. Schweden (10,8)
10. Neuseeland und Tschechien (je 12,2)
12. Frankreich (12,6)
13. Schweiz (13,0)
14. Belgien und Island (je 14,0)
16. Norwegen und Ungarn (je 14,2)
18. USA (16,2)
19. Deutschland und Dänemark (je 17,0)
21. Spanien (18,6)
22. Italien (20,2)
23. Griechenland (23,2)
24. Portugal (23,6)

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