Neues Pisa-Leck Deutsche Schüler stagnieren bei Lesen und Mathematik

In den Naturwissenschaften sammeln die 15-Jährigen aus Deutschland mehr Punkte. Aber ihre Lese- und Mathe-Leistungen sind einem Zeitungsbericht zufolge kaum verändert - neue Nahrung für den Streit zwischen den Kultusministern und Pisa-Chef Andreas Schleicher.

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Schüler (in Darmstadt): In Naturwissenschaften besser als im Lesen
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Schüler (in Darmstadt): In Naturwissenschaften besser als im Lesen

In den beiden Pisa-Disziplinen Leseverständnis und Mathematik verharren deutsche Schüler weiter im Mittelfeld, nur im Schwerpunkt Naturwissenschaften können sie stärker punkten als bei der letzten weltweiten Vergleichsstudie. Das berichtet die "Stuttgarter Zeitung" in der Samstagsausgabe unter Berufung auf den ihr vorliegenden Abschlussbericht des deutschen Pisa-Koordinators Manfred Prenzel.

Dennoch kommt der Forscher zu einem sehr positiven Gesamturteil: Die deutschen Schulen seien in den letzten sechs Jahren stetig besser geworden. Laut "Stuttgarter Zeitung" bescheinigt Prenzel den deutschen Schulen in seiner 23-seitigen Zusammenfassung zudem "nachweisbare Verbesserungen" im Bemühen um mehr soziale Gerechtigkeit im Klassenzimmer.

Dem Bericht zufolge verdrängt Korea im Lesen mit 565 Punkten Finnland (547 Punkte) von Platz eins. Dritter ist Kanada mit 527 Punkten. Deutschland kommt auf 495 Punkte, vier Punkte mehr als bei Pisa drei Jahre zuvor. In Mathematik führen Finnland (548), Korea (547) und die Niederlande (531) die OECD-Rangliste an. Deutschland erreicht 503 Punkte wie schon 2003 und liegt damit weiter knapp über dem Mittel der 57 Teilnehmerländer.

Am Mittwoch waren bereits die neuen weltweiten Pisa-Ergebnisse in den Naturwissenschaften, die diesmal im Mittelpunkt der Untersuchung stehen, bekanntgeworden. Deutschland erreicht dabei Platz 13 unter 57 Teilnehmerländern; drei Jahre zuvor war es noch der 18. Rang bei 40 Teilnehmern gewesen.

Nach der Veröffentlichung auf der Homepage einer spanischen Lehrerzeitung hatten sich prompt Kontrahenten, die schon seit Jahren im Streit liegen, heftig verkeilt: auf der einen Seite Kultusminister aus den 16 deutschen Bildungsprovinzen, auf der anderen Seite Andreas Schleicher, der internationale Pisa-Koordinator aus dem Pariser Büro der OECD.

Kultusminister fordern Schleichers Rücktritt

Weil die 15-jährigen deutschen Schüler in den Naturwissenschaften 516 Punkte und damit 14 mehr als bei der Vorläuferstudie sammelten, freuten sich die Kultusminister über das bessere Abschneiden. Schleicher dagegen trübte die Jubellaune: Auf eine deutliche Verbesserung dürfe man aus der neuen Studie nicht schließen, sagte er. Nun erhält der Zwist durch die Stagnation in Lesen und Mathematik neue Nahrung.

Andreas Schleicher, 43: Erhielt einst von seinen Lehrern keine Empfehlung fürs Gymnasium - und widerlegte das mit einem 1,0-Abitur. Später studierte er Physik, Mathematik, Statistik
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Andreas Schleicher, 43: Erhielt einst von seinen Lehrern keine Empfehlung fürs Gymnasium - und widerlegte das mit einem 1,0-Abitur. Später studierte er Physik, Mathematik, Statistik

Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan hatte sich der Kritik von Unionskollegen aus den Ländern angeschlossen. "Herr Schleicher schadet der OECD, weil er den Eindruck erweckt, immer nur ein Thema im Kopf zu haben", sagte sie und spielte damit auf Schleichers Kritik am dreigliedrigen deutschen Schulsystem an. Seine aktuellen Äußerungen ließen "Zweifel aufkommen, dass er ein guter Berater für die Mitgliedsländer ist".

Die Kultusminister der Länder hatten am Freitag ihre Kritik verstärkt. Als "unverständlich" bezeichnete die Kultusministerkonferenz Äußerungen Schleichers, wonach die deutschen Schüler sich bei der neuen Studie nicht verbessert hätten. Den Einpeitscher gab vor allem Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann. Er sprach sich dafür aus, auf längere Sicht aus der Pisa-Studie auszusteigen. "Unter diesen Umständen können wir mit Herrn Schleicher nicht weiter zusammenarbeiten. Er sollte von seinen Tätigkeiten entbunden werden", sagte Busemann. "Wir wollen einen Vergleich der Länder, aber nicht mit Ideologie berieselt werden."

Schleicher wies die Attacken der deutschen Bildungspolitiker vehement zurück und lehnte einen Rücktritt ab. "Das ist doch alles eine absurde Posse", sagte er der Nachrichtenagentur AP. "Meine eigene Karriere ist mit der wissenschaftlichen Seriosität unserer Leistungsvergleiche verknüpft. Für die Leistungsergebnisse selbst zeichnet aber die Bildungspolitik und nicht die OECD verantwortlich."

Jetzt bitte bloß keine Schulsystemdebatte

Worum es bei dem Konflikt geht: In einem nicht sehr konkreten Statement hatte Schleicher am Mittwochabend gesagt, eine deutsche Verbesserung sei nicht zu erkennen - wegen der geänderten Aufgabenstruktur seien beide Tests nicht vergleichbar.

Schleicher müsse zurücktreten, verlangte daraufhin Karin Wolff als Sprecherin der CDU/CSU-Kultusminister. Beistand fand sie auch beim Lehrerverband und beim Philologenverband. Die Hauptvorwürfe gegen Schleicher:

  • Er habe sich noch vor der offiziellen Pisa-Veröffentlichung am nächsten Dienstag zu den deutschen Resultaten geäußert und damit als OECD-Mitarbeiter selbst die Sperrfrist gebrochen - "ein einmaliger Vorgang", so Wolff. Die Kultusminister seien wegen der Kommentierung "grob verärgert".

  • Die Kultusminister halten Schleicher vor, die deutschen Leistungen schlechtzureden. Sie sehen klare Verbesserungen der deutschen Schüler und einen "Beleg für das Wirken der Reformbemühungen im deutschen Schulsystem".

  • Schleicher ist ein Gegner des dreigliedrigen Schulsystems ("ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert") und der frühen Sortierung der Schüler. Über seine Kommentare ärgern sich die meisten Kultusminister schon seit Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie 2001. Sie wollen das Reizthema vermeiden - das meint Busemann mit "Berieselung durch Ideologie".

Andreas Schleicher wehrt sich gegen die Kritik. Nationale Ergebnisse werde die OECD bis Dienstag nicht kommentieren, antwortete er in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Er werde "deshalb auch keine Stellungnahme zu etwaigen Veränderungen der Schülerleistungen abgegeben" und habe dies "entgegen anderweitiger Unterstellungen von Seiten der Kultusminister auch bislang nicht getan".

Zum Leistungsvergleich erklärte Schleicher, dies sei "nur in den Bereichen Lesen (2000-2006) und Mathematik (2000-2003) möglich", bei den naturwissenschaftlichen Aufgaben aber nur für einen "eingeschränkten Fragekomplex". Darauf gehe die OECD erst zum Veröffentlichungstermin ein - "ich hoffe, dass diejenigen, die jetzt vorschnelle Schlüsse ziehen, das dann auch genau lesen werden", so Schleicher in einem Interview.

Zur verfrühten Veröffentlichung kündigte Schleicher Sanktionen gegen Spanien an, das Verfahren sei mit den Mitgliedsstaaten bereits abgestimmt. Die OECD und er selbst hätten keinerlei Bewertung vorgenommen: "Unser Generalsekretär hat der Öffentlichkeit lediglich die Daten zugänglich gemacht, die aus Spanien durchgesickert waren." Das tue die OECD aus Gründen der Fairness gegenüber den Medien in solchen Fällen immer.

Watschen-Kommando aus den deutschen Provinzen

Sind Vergleiche der Schülerleistungen in der neuen mit den bisherigen Pisa-Studien wirklich kaum möglich? Der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel widersprach Schleicher: Pisa 2006 und 2003 seien "sehr wohl vergleichbar", da die Rahmenkonzeption sich kaum unterscheide.

Die Kultusminister redeten sich in Rage: Wenn eine Vergleichsstudie bestellt und mit drei Millionen Euro bezahlt werde, müsse auch eine Vergleichsstudie geliefert werden, so Bernd Busemann. Er werde "das Thema Schleicher und die Differenz zwischen Pisa-Auftrag und Pisa-Studie" auf die Tagesordnung der nächsten KMK setzen. "Vor lauter Statistikeritis kommen wir gar nicht mehr zum Arbeiten", sagte Busemann der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Ein nationales Vergleichssystem sei bereits im Aufbau; von 2009 an wollten die Kultusminister den innerdeutschen Ländervergleich nach eigenen Kriterien organisieren.

Minister mit Statistikeritis infiziert

Auch seine baden-württembergischer Kollege Helmut Rau (CDU) drohte: "Wenn Andreas Schleicher nicht von der Funktion des Pisa-Beauftragten abberufen wird, werden wir die weitere Zusammenarbeit mit der OECD einstellen." Dabei hatten die Kultusminister Deutschlands Teilnahme erst kürzlich bekräftigt. Der Vertrag bindet sie noch bis zur nächsten Pisa-Studie 2009; zur Verlängerung bis 2015 gibt es bislang nur eine Absichtserklärung.

Schleicher dagegen hält eine globale Bewertung von Bildungsergebnissen für selbstverständlich: "Die Staaten, die an Pisa 2006 teilgenommen haben, machen fast 90 Prozent des Weltwirtschaftsproduktes aus, und der Kreis wird größer. Im Dunkeln sehen alle Schüler, Schulen und Bildungssysteme gleich aus. Was man nicht misst, kann man auch nicht verbessern."

Auch Marianne Demmer von der Bildungsgewerkschaft GEW wies Ausstiegsüberlegungen zurück. "Deutschland darf sich international nicht erneut isolieren", sagte sie. "Einige Unionskultusminister ärgern sich offenbar schwarz, dass sie nicht mehr die absolute Kontrolle darüber haben, welche Fakten über das deutsche Schulwesen bekannt werden."

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Seite 1
_gimli_ 28.11.2007
1.
Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Niobe, 28.11.2007
2.
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Tja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
discipulus, 28.11.2007
3. DDR, alles besser?
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Werter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
discipulus, 28.11.2007
4. Englisch in der Grundschule!
Zitat von NiobeTja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
Verehrte/r Poster/in, was verstehen Sie unter "Englisch beibringen"? Hoffentlich doch nicht banalen englischen Wortschatz, womöglich noch in der Form des Frontalunterrichts? Geht es Ihnen hier um Fach- oder Methodenkompetenz? Bitte liefern Sie nähere Informationen.
ReneMarik 28.11.2007
5.
Zitat von discipulusWerter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
Die Sortierung in der 4. Klasse kommt wirklich viel zu früh, gerade für uns Jungs. Meine Wenigkeit hatte z.b bis zur 7 Klasse sehr "durchschnittliche" Leistungen in der Schule. Eine 1 im Sport :) und der Rest alles Note 3 und Schlechter. "Klick" hatts bei mir erst ab Klasse 8 gemacht. Keine Ahnung warum aber meine Noten besserten sich merklich, ich hatte langsam eine Vorstellung von dem, was ich mal später als Beruf machen wollte usw. Im jetztigen System hätte ich maximal mittl.Reife oder den HS-Abschluß weil ich mit 10 Jahren schon auf die Verliererstrasse geschickt worden wäre. Mfg Rene´
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