US-Bundesstaat New York Schüler mit Autismus bekommt sein Abschlusszeugnis - aber keinen Beifall

An einer Schule in Putnam County, New York, gab es Zeugnisse - doch als Jack Higgins seines abholen wollte, geschah etwas Besonderes. Der Direktor bat die Anwesenden, ganz leise zu sein.

Besonderer Moment für Jack Higgins: Der Schüler während der Abschlusszeremonie der Carmel High School im US-Bundesstaat New York
Twitter / centerforautism

Besonderer Moment für Jack Higgins: Der Schüler während der Abschlusszeremonie der Carmel High School im US-Bundesstaat New York


Dieser Moment ist groß: Wenn die Schule zu Ende geht und jeder Einzelne nach vorn kommen darf, um sein Abschlusszeugnis entgegenzunehmen. Normalerweise gibt es dann lauten, freudigen Beifall der Mitschüler.

Für Jack Higgins sah dieser Moment ganz anders aus: Als der Schüler aus Putnam County im US-Bundesstaat New York an der Reihe war und nach vorne kommen sollte, um sein Highschool-Diplom abzuholen, geschah etwas Besonderes.

Wie das "People"-Magazin berichtet, wandte sich der Direktor der Carmel High School an die Versammelten: "Ich möchte euch heute um einen großen Gefallen bitten", sagte Lou Riolo. "Ich möchte euch alle bitten, jetzt nicht zu klatschen und auch nicht zu jubeln. Ja, das ist richtig. Nicht klatschen, nicht jubeln, denn das könnte bei Jack eine Reizüberflutung auslösen."

Dem Bericht zufolge ist Jack Higgins Autist, der auf laute Geräusche empfindlich reagiert. Ein YouTube-Video zeigt, wie der Absolvent nach den Worten des Direktors aufsteht, um zum Podium zu kommen und sich zunächst noch die Ohren zuhält. Er scheint etwas unsicher. Doch im Saal ist es nahezu still: Niemand klatscht, niemand jubelt, kaum ein Geräusch ist zu hören.

Jack Higgins läuft langsam nach vorn. In einigen Reihen deuten manche ein Klatschen an, geräuschlos, andere winken. Als Higgins die Bühne betritt, hat er die Finger noch immer auf die Ohren gedrückt. Dann erheben sich die Versammelten, viele lachende Gesichter - keine Standing, sondern Silent Ovations. Oben auf dem Podium nimmt Higgins sein Diplom entgegen. Unten laufen einer jungen Frau Tränen über die Wangen.

Das Video, das diesen Moment zeigt, wurde auf YouTube mehr als 150.000 Mal geklickt. Auf Twitter bekunden einige, wie gerührt sie von den Szenen sind: "Wenn es etwas gibt, das ihr heute sehen solltet, dann ist es das. Wir sind alle dafür verantwortlich, Empathie zu zeigen und die Individualität von Menschen zu respektieren", schreibt ein Nutzer.

Nach der Zeremonie erklärte der Schuldirektor, warum er sich dazu entschieden habe, diesen Moment so zu gestalten. "Es war wichtig. Erstens für Jack, zweitens für seine Familie, die diesen Meilenstein in der Entwicklung des eigenen Kindes erleben soll wie jede andere", sagte Lou Riolo dem Nachrichtensender CNN. "Ich glaube an das Mitgefühl in Menschen, daran, dass sie helfen wollen."

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insgesamt 14 Beiträge
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stolte-privat 10.07.2019
1. Ein gelungenes Beispiel.....
....für die Inklusion und die Rücksichtnahme auf Menschen mit Handicap. Dieser Schuldirektor hat es verstanden und lebt es auch. Daumen hoch!!!
asedky 10.07.2019
2.
standing ovation fuer den direktor silent ovation fuer jack
moritz27 10.07.2019
3. Tolle junge Leute und ein Superdirektor,
aber warum trägt er keinen Gehörschutz, wie ein Bauarbeiter am Presslufthammer?
spon-facebook-10000824076 10.07.2019
4. ... auch das ist Amerika ...
... und lässt hoffen - auch im Zeitalter der Pöbler und Schreihälse
mathias.steffens 10.07.2019
5. Re 3: Gehörschutz funktioniert nicht
Hallo moritz27, das ist eine gut Frage. Gehörschutz hilft leider in dieser Situation kaum. Auf der Baustelle geht es darum, das Ohr vor sehr lauten Geräuschen zu schützen, um Schädigungen durch die Druckwellen zu vermeiden. Es ist sogar sehr wichtig, dass Umgebungsgeräusche wie beispielsweise schreiende Kollegen gehört werden, um Unfälle zu vermeiden. Es gibt daher Gehörschutz, der speziell gebaut wird, um diese Art Geräusche durchzulassen. Die Situation in der Aula mit dem klatschenden und jubelnden Publikum ist anders gelagert: Die absolute Lautstärke ist nicht das Hauptproblem. Es geht nicht darum, dass Ohr vor Schäden zu schützen. Vielmehr droht eine Reizüberflutung, weil sehr viele unterschiedliche Geräusche aus verschiedenen Richtungen entstehen. Normalerweise kann das Gehirn sehr gut filtern und abstrahiert die Geräusche zu einen klatschenden Saal. Wenn dieser Filter bzw. die Abstraktion allerdings nur eingeschränkt funktioniert, wird es schwierig. Besonders schwierig ist es, wenn man in einer solchen Situation nicht einfach unbeobachtet in einer Ecke sitzen kann. Sondern wenn erwartet wird, dass man auf Mitmenschen reagiert. Im Alltag passiert das beispielsweise, wenn der Tischnachbar in einer vollen Kneipe ein Gespräch versucht. Wenn man dann noch im Mittelpunkt eines ganzer Saals voller Leute, inklusive Eltern, steht, ist das der absolute Horror. Das Ohrenzuhalten ist eine Standardreaktion, die man ohne Nachzudenken in so einer Situation gerne macht. Sie hilft aber kaum. Wobei sie den anderen Menschen gegenüber (im Gegensatz zum Erstarren zu Salzsäule) wenigstens noch übermittelt, dass man sie gerade nicht aus Unhöflichkeit ignoriert.
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