Deutsche Lehrerin in Nicaragua "Die Unsicherheit macht mich fertig"

Blockierte Straßen, leere Läden, und immer wieder Tote: Eine deutsche Lehrerin erzählt, warum sie aus Nicaragua flieht - und wie es ist, die Schule zu verlassen, die sie selbst aufgebaut hat.
Tola International School in Limón

Tola International School in Limón

Foto: Anne Plein
Zur Person

Anne Plein, 43, hat an einem Hamburger Gymnasium Deutsch und Chemie unterrichtet, bevor sie im Mai 2017 nach Nicaragua ging, um dort eine Schule zu gründen. Die Region um Limón an der Pazifikküste ist bei Surfern beliebt. Deshalb haben sich auch Ausländer dort angesiedelt und betreiben meist Hotels oder Restaurants.

Die Tola International School ist eine bilingual englisch-spanische Begegnungsstätte, in der einheimische und ausländische Kinder gemeinsam lernen. Derzeit unterrichten dort zwei Lehrerinnen insgesamt neun Schüler zwischen drei und sechs Jahren. Weitere Klassen sollen in den kommenden Jahren eingerichtet werden, wenn die politische Situation es erlaubt.

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Schule in Nicaragua: Kleines Opossum, große Sorgen

Foto: Anne Plein

SPIEGEL ONLINE: Seit Wochen erschüttern schwere Proteste Nicaragua, mehr als hundert Menschen sind ums Leben gekommen. Aktivisten werfen dem Staatschef Daniel Ortega Korruption vor und fordern seinen Rücktritt. Eine Denkfabrik warnt, dass 20.000 Jobs wegbrechen könnten , wenn die Krise nicht bis Ende Juli gelöst wird. Was bekommen Sie davon mit?

Anne Plein: Limón ist ein kleiner, abgelegener Küstenort, hier wird nicht gekämpft. Doch wir spüren die Nebenwirkungen. Es gibt kaum noch Benzin und Trinkwasser in Flaschen droht auch auszugehen. Meine Kollegin Aura hat kein Gas mehr, ich koche für sie mit. Demonstranten und Kleinbauern haben die Fernstraßen blockiert, um die Regierung unter Druck zu setzen. Darum kommen die großen Lieferwagen nicht mehr durch.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung an Ihrer Schule?

Plein: Wir sind sehr sparsam mit Kleber, Papier und Stiften, weil wir nicht wissen, ob wir Nachschub bekommen. Ich sitze oft mit Aura auf der Bank vor der Schule, und wir erzählen uns, welche neuen Gerüchte wir gehört haben. Manchmal schütteln wir auch nur die Köpfe und schweigen ratlos. Vorgestern hieß es, in zehn Monaten könnte es Neuwahlen geben. Was von dem vielen Gerede stimmt, wissen wir nicht. Die Unsicherheit macht mich fertig.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es den Kindern?

Plein: Sie kümmern sich um das Baby-Opossum, das wir gefunden haben, und der Unterricht macht ihnen Spaß. Aber sie spüren natürlich, dass etwas los ist. Eine Amerikanerin und ihr Kind sind vor einem Monat weggezogen, eine deutsche Familie fliegt nächste Woche zurück. Der sechsjährige Duncan sitzt zu Hause, weil er abseits wohnt und sein Vater kein Benzin mehr hat. Fünf nicaraguanische Kinder kommen noch, ein französisches und zwei halbamerikanische. Ihre Eltern können oder wollen nicht gehen.

SPIEGEL ONLINE: Doch nun haben Sie sich entschieden, Nicaragua zu verlassen.

Plein: Viele Expats sind schon weggezogen, Touristen bleiben auch fern. Ich wohne hier allein, als Frau, und ich habe noch Computer, Handy und etwas Bargeld. Deshalb fürchte ich, dass ich als Erste ausgeraubt werde, wenn die Not weiter wächst. Als das Benzin knapp wurde, ist Panik in mir hochgestiegen. In einem medizinischen Notfall komme ich vielleicht nicht mehr hier weg. In die Hauptstadt fuhr man früher in zweieinhalb Stunden, sie ist hundert Kilometer entfernt. Jetzt dauert es fünf oder sechs, weil Taxi- und Busfahrer Schleichwege nehmen müssen und an Checkpoints angehalten werden. Manchmal kommt man auch gar nicht durch. Ich warte noch etwas ab, wie sich die Lage entwickelt, dann reise ich nächste Woche oder zum Monatsende wahrscheinlich nach Costa Rica aus. Ich habe schon alles vorbereitet.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt Ihre Kollegin dazu?

Plein: Sie hat gesagt, dass sie mich verstehen kann. Aura ist eine ganz tolle Lehrerin und wird die Schule auch allein gut weiterführen. Ich habe ihr versprochen, dass wir ihr Gehalt auf jeden Fall noch ein Jahr weiterzahlen werden. Dafür reichen die knappen Spenden, die wir über unseren deutschen Verein gesammelt haben, gerade so. Vielleicht finden wir auch einen Nicaraguaner, der gut Englisch spricht und meinen Platz einnehmen möchte. Niemand hat mir vorgeworfen, dass ich das Land verlassen will. Dennoch fühlt es sich so an, als würde ich die Kinder im Stich lassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehen Sie trotzdem?

Plein: Wir haben im Oktober schon einmal viel verloren, als ein Hurrikan Limón überflutet hat. Mit einer Zahnbürste habe ich den Schlamm aus den paar Spielsachen geschrubbt, die noch zu gebrauchen waren. Wir haben all unsere Bücher verloren, alle Hefte. Das war hart, aber es gab Licht am Ende des Tunnels. Jetzt ist es anders. Wir wissen alle nicht, wie es hier morgen sein wird, das ist sehr belastend. Ich will ein paar Monate in Costa Rica bleiben und Aura von dort aus über Skype begleiten. Später werde ich den Verein von Hamburg aus unterstützen.

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin engagiert sich ehrenamtlich im deutschen Förderverein  der Schule.