Nie wieder Döner essen Großer Hunger, kleine Salmonellen

Manche behaupten, Döner macht schöner. Christian Hambrecht indes plagt eine ausgewachsene Kebabphobie, seit ein Döner mit Spezialbeilage ihn niederstreckte. Dass in der Entschuldigung "Dönervergiftung" stand, fanden alle Mitschüler und Lehrer urkomisch.


Die Sonne sengte. Ich hatte Schule aus und schleppte mich nach Hause. Ich klingelte, aber niemand war zu Hause. In der Büchertasche kramte ich nach dem Schlüssel - na klar, vergessen. Ich hatte ein ernstes Problem: Hunger. Aber nicht den kleinen Hunger zwischendurch. Mein Magen knurrte bösartig, er machte kleine Hüpfer, piekste mich von innen.

Liebe auf den ersten Biss: Mahlzeit!
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Liebe auf den ersten Biss: Mahlzeit!

Also lief ich in die Stadt. Es herrschte schwere, drückende Hitze. Ich sah keinen Menschen auf Augenhöhe. Alle sonnten sich in Vorgärten auf weißen Plastikliegen oder hingen schlaff in ebenfalls weißen Plastikstühlen in Cafés, saugten durstig am Strohhalm, kaum jemand sprach.

Da war dieser schreckliche Hunger. Die Sonne schien durch die milchige Scheibe der Dönerbude. Ich hatte mal gehört, gutes Dönerfleisch erkenne man daran, dass es hell ist. Ich blinzelte. Am Spieß rotierten Kalb- und Putenfleisch ins Licht und zurück in den Schatten. In der Sonne war das Fleisch hell wie eine Khakiuniform, im Schatten dunkelbraun.

Dann wurde alles schwarz

Das Fleisch schien zu schwitzen wie ich, glänzte in seinem Fettüberzug. Mit trägen Bewegungen schnitt der Ladenbesitzer Scheiben ab, legte sie ins rösche Fladenbrot - dann fragte er: "Mit alles?" Ich nickte schlapp, er stopfte Salatblätter hinein, streute Gewürze drüber, Zwiebeln, eine Prise Salz, schüttete ein bisschen Mayonnaisesauce dazu.

Mayonnaise, heute, in der Hitze? In Anlehnung an Helge Schneiders Marihuana-Song fiel mir ein: Mayonnaise ist nicht gut. Behauptete jedenfalls Mama.

Ich blinzelte, aus einer Tube glitt gerade etwas Gräuliches, Schmieriges auf den Döner. Ich schlang den fettig-heißen Döner hinunter, die weiß glühende Sonne sah zu.

Bald danach begann mein Leiden. Der Döner ist für seine Größe eine Kalorienbombe, schlimmer als ein Big Mac. Mein Magen, kurzzeitig vom Sättigungsgefühl befriedigt und still, regte sich jetzt wieder. Als ob ich einen Dönerspieß verschluckt hätte, drehte es sich in mir und um mich her. Kurz wurde mir schwarz vor Augen. Mein Körper schien seinen Aggregatzustand von fest zu flüssig wechseln - so sehr schwitzte ich.

Zu Hause war die Tür noch immer verschlossen. Ich setzte mich auf die Terrasse. Mir war speiübel. Hier tat's weh, da zwickte es, alles schmerzte.

Immerhin, der Hunger war weg

Ich schlug ein Schulbuch auf, um mich abzulenken. Ja, richtig, zur Ablenkung – so elend war mir zumute. Aber die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Die Nachbarin vom Stockwerk drüber lief unten an der Terrasse vorbei. Sie sah mich zusammengesunken im Gartenstuhl, runzelte die Stirn, fragte mich, ob es mir gut gehe. Ich antwortete heiser "alles bestens", sprang auf, stürzte ans Geländer und übergab mich ins Beet.

Nicht ganz von meiner Antwort überzeugt führte sie mich in ihre Wohnung. Ich legte mich aufs Sofa, atmete kurz durch und sprang gleich wieder auf. Auf der Toilette erbrach ich mich ein zweites Mal, dann halbstündlich, dann stündlich, bis nur noch Galle kam.

Irgendwann verlegt meine Mutter mich eine Etage tiefer. Abends kam der Arzt und untersuchte mich. Lebensmittelvergiftung, klare Sache, Salmonella enteritidis.

Salmonellen sind fiese, kleine Bakterien. Sie entstehen durch mangelnde Sauberkeit im Lebensmittelbereich, unhygienisch aufgetautes Geflügel oder zu lange Lagerung von eierhaltigen Speisen wie – tja – Mayonnaise. Wieder was gelernt, wenn's auch schmerzhaft war.

Gehe ins Krankenhaus. Gehe direkt dorthin.

Ich schlief ein und durch. Am nächsten Morgen wachte ich auf. Mein Bauch schmerzte, er war seltsam aufgebläht. Mein Atem roch gar nicht gut. Mein Vater rief in der Schule an, um mich zu entschuldigen. Dann noch einen meiner Freunde. Der schrieb ins Absenzenheft: Christian Hambrecht fehlt wegen "Dönervergiftung".

Das fanden alle - Schüler wie Lehrer - irgendwie urkomisch.

Wir fuhren zum Arzt, dann ins Krankenhaus. Die Bauchschmerzen nahmen zu. In einem langen, kahlen Korridor im kalten Neonlicht wartete ich eine Stunde. Dann bekam ich einen Einlauf - besser keine Details. Man legte mich in ein Krankenhausbett. Entkräftet stierte ich zur weißen Decke.

Seit diesen Tagen habe nie wieder in einen Döner gebissen. Wenn ich welche sehe, kommt alles wieder hoch - diesmal nicht der Mageninhalt, aber die Bilder von damals. Die Gammelfleischdebatte bestätigte meine Abneigung.

Einfach hatte ich es später mit meiner Dönerphobie nicht. Meine Freunde mögen Döner so sehr, dass sie sie sogar als Währung verwenden. Kostet etwas drei Euro, sagen sie, das ist ein Döner, bei vier Euro knapp anderthalb Döner.

Als sie mal auf Klassenausflug in Würzburg nach dem besten Döner fahndeten und ich hinterhertrottete, fiel mir auf: An fast jede Dönerbude grenzt eine Apotheke. Wenn das keine tiefere Bedeutung hat.



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