Niedersachsen Kommunen sollen Hauptschulen den Garaus machen

In Niedersachsen bahnt sich das Ende der Hauptschulen an: Die schwarz-gelbe Regierung will Kommunen ermöglichen, sie mit Realschulen in "Oberschulen" aufgehen zu lassen. Damit reagieren CDU und FDP auf den Schülerschwund - und handeln gegen die Grundsätze unionsgeführter Länder.

Kultusminister Althusmann: Kommunen sollen künftig selbst über Schulen entscheiden
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Kultusminister Althusmann: Kommunen sollen künftig selbst über Schulen entscheiden

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Die schwarz-gelbe Landesregierung von Niedersachsen will eine neue Schulform schaffen und den Kommunen die Entscheidung überlassen, ob sie diese einführen möchten. Am Dienstag traf Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) Vertreter von Lehrer-, Eltern- und Schülerverbänden, der Wirtschaft und aus den Landtagsfraktionen, um ihnen das neue Konzept vorzustellen.

Demnach soll es Kommunen künftig möglich sein, Haupt- und Realschulen in Oberschulen zusammenzufassen oder kooperative Gesamtschulen, in denen Schüler zwar unter einem Dach aber in nach Leistung differenzierten Klassen lernen, in die neue Schulform zu überführen. Sie könnten aber auch an Real- und Hauptschulen als eigenständige Schulen festhalten, sollten sie "tragfähig" sein, so Althusmann.

Vorerst würde damit in Niedersachsen ein Flickenteppich aus verschiedenen Schulsystemen entstehen: In manchen Kommunen gäbe es neben den integrierten Gesamtschulen (IGS), in denen alle Schüler gemeinsam lernen, das neue zweigliedrige, in anderen noch das dreigliedrige System. Doch es ist zu erwarten, dass sich die Oberschule als alleinige Schulform neben dem Gymnasium und der IGS durchsetzt - denn tragfähig ist vor allem eine Schulform nicht mehr: Die Hauptschule.

Die CDU konnte dem Schülerschwund nicht mehr tatenlos zusehen

Nach der Statistik des Kultusministeriums sind die Schülerzahlen der Hauptschulen um rund 30 Prozent gesunken: Waren es im Schuljahr 2004/2005 noch etwa 117.000, besuchten sie 2009/2010 nur noch rund 81.000 Jugendliche. Die Schülerzahlen gehen auch insgesamt zurück, davon betroffen sind aber zu allererst die bei Eltern zunehmend unbeliebten Hauptschulen.

Es ist bekannt, dass CDU und FDP am liebsten an der Trias Haupt-, Realschule und Gymnasium festgehalten hätten. Doch ihre Überzeugung von der pädagogischen Richtigkeit des dreigliedrigen Systems wird angesichts der vom Aussterben bedrohten Hauptschulen zum allzu realitätsfernen Ideal.

Selbst die niedersächsische CDU, die jahrzehntelang keine Zweifel am dreigliedrigen Schulsystem zulassen wollte, konnte der Entwicklung der Schülerzahlen nicht mehr tatenlos zusehen.

Niedersachsen greift zum "rot-grünen Allheilmittel"

Die Oberschulen soll es in zwei Varianten geben: Variante eins soll eine gymnasiale Oberstufe bekommen. Dafür müssten allerdings genügend Schüleranmeldungen für drei Klassenzüge vorliegen. Für Variante zwei, eine Oberschule ohne Oberstufe, sollen zwei Klassenzüge reichen.

Die Entscheidungsfreiheit der Kommunen dürfte manchen Amts- und Parteikollegen Althusmanns nicht schmecken: Noch vor wenigen Tagen hatten die Kultusminister von Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen ein Grundsatzpapier im Namen der CDU-geführten Länder vorgestellt - und einer "Kommunalisierung der Bildung" eine klare Absage erteilt.

Denn die werde die Zukunftsaufgaben nicht lösen, sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick (CDU) und nannte die Dezentralisierung zugunsten der Schulträger vor Ort "das neue rot-grüne Allheilmittel".

Tatsächlich hat eine Koalition aus SPD und Grünen das Thema auf die bildungspolitische Agenda gesetzt: In Nordrhein-Westfalen sollen künftig Kommunen mitentscheiden, ob sie Gemeinschaftsschulen gründen wollen.

Die Grünen fürchten neue "Restschulen"

Niedersachsen will nun einen ähnlichen Weg gehen. Der könnte schon im Dezember eingeschlagen werden: Dann soll nach dem Willen der Regierung das neue Schulgesetz in den Landtag eingebracht werden. Nach Angaben von Ministerpräsident McAllister könnte die neue Schulstruktur dann schon zum nächsten Schuljahr starten.

Bis dahin werden sie allerdings ihre Kritiker überzeugen müssen: Die Grünen befürchten, dass die Oberschulen lediglich "Restschulen" werden könnten. Um das zu verhindern, sei eine integrierte Schulform notwendig, in der alle Schüler gemeinsam lernen und nicht nach Schulzweig aufgeteilt werden. Allerdings ist vor allem der FDP wichtig, dass es bei der Differenzierung nach Leistung bleibt, wenn auch künftig unter einem Dach.

Die Lehrergewerkschaft GEW stellte ihre Zustimmung zu den Oberschulen unter eine Bedingung: Integrierte Gesamtschulen dürften nicht leiden. 56 sind es derzeit nach GEW-Angaben. Seit 2008, als das Verbot von Neugründungen gelockert wurde, hat sich die Zahl demnach verdoppelt, während in diesem Zeitraum nur vier kooperative Gesamtschulen gegründet wurden.

Die GEW sieht darin den Beleg, dass Eltern integrierte Schulformen favorisieren. Zumal die Zahl dieser Schulen deutlich steigt, obwohl die Hürden für Neugründungen weiterhin hoch sind: Es müssen genug Anmeldungen vorliegen, um fünf Klassenzüge zu starten. Die GEW fordert ebenso wie ein Volksinitiative, die derzeit Unterschriften sammelt, diese Bedingung fallen zu lassen.

Schon im Vorfeld hatte der Verband der Schulleiter den Sinn einer neuen Schulform in Frage gestellt, da es bereits möglich ist, Real- und Hauptschulen zu Gesamtschulen zu verschmelzen. Statt den Verwaltungsapparat neu zu organisieren "sollte man lieber die Ressourcen in das bestehende System investieren", sagte der Verbandsvorsitzende Thorsten Frenzel-Früh.

insgesamt 15 Beiträge
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Koltschak 26.10.2010
1. Kein Schulleiter mit dieser "Reform" einverstanden
Wie ich heute der lokalen Presse entnehme ist kein Schulleiter an unserem Ort von dieser Art "Reform" begeistert. Ich bin es auch nicht. Aber mal sehen, was es bringt! Man sollte es nicht von vornherein verdammen. Aber natürlich wäre noch ein Schritt weiter das beste Modell. Wie in Finnland alle Schüler von Klasse 1 bis 10 zusammen unterrichten, aber dann mit 16 Schülern und zwei Lehrern pro Klasse!
ThorstenNYC 26.10.2010
2. Der Sozialismus siegt!
Oberschule, Oberschule, da gab's doch mal was? Richtig, die Schulform in der DDR hieß Oberschule. Die war zehnjährig (wie wohl auch die Oberschule ohne Oberstufe in NDS), »allgemeinbildend« (also für alle, vom zukünftigen Hilfsarbeiter bis zum Abiturienten) und hatte für zukünftige Studenten eine Oberstufe (»Erweiterte Oberschule«). Wer hätte das gedacht: 20 Jahre nach dem Untergang der DDR siegt der Sozialismus doch noch – und sogar in einem Westland! ;-)
Sasapi 26.10.2010
3. ...
Ich denke, an einer - räumlichen- Zusammenlegung von Haupt- und Realschule wird zumindest im ländlichen Raum dauerhaft kein Weg mehr vorbeigehen. So neu ist das übrigens nicht: So besuchten mein Mann und ich jahrelang dasselbe "Schulgebäude"- er die Hauptschule, ich das Gymnasium ( allerdings musste man für die Oberstufe in die Kreisstadt wechseln). Wir hatten sogar streckenweise die gleichen Lehrer, was niemandem geschadet hat. Der Einfachheit halber hat man schon damals - das war in den 80gern- einfach Gymnasium, Hauptschule und Realschule sowie die damals noch vorhandene Orientierungsstufe in ein Schulgebäude gesteckt. Mittlerweile ist die damals in vier Schulformen getrennte "Schulgemeinschaft" mit zwei Rektoren- einen fürs Gym, einen für die anderen Schulformen- zu einer KGS mutiert. Dieser Vorschlag scheint mir eine alte Geschichte im neuen Kleid zu sein....
McSteph 27.10.2010
4. alles geplant
Zitat von ThorstenNYCOberschule, Oberschule, da gab's doch mal was? Richtig, die Schulform in der DDR hieß Oberschule. Die war zehnjährig (wie wohl auch die Oberschule ohne Oberstufe in NDS), »allgemeinbildend« (also für alle, vom zukünftigen Hilfsarbeiter bis zum Abiturienten) und hatte für zukünftige Studenten eine Oberstufe (»Erweiterte Oberschule«). Wer hätte das gedacht: 20 Jahre nach dem Untergang der DDR siegt der Sozialismus doch noch – und sogar in einem Westland! ;-)
Unter der Prämisse hatte doch die Regierung der DDR die Montagsdemos und die Wende zugelassen. Einführung der Verhältnisse wie in der DDR. Was den grünen Pfeil das Bildungssystem angeht, finde ich die Idee nicht schlecht. Wenn ich aber die Permanent-Überwachung und Bespitzelung der Menschen sehe, kommen mir allerdings schon erhebliche Zweifel.....
anders_denker 27.10.2010
5.
Zitat von ThorstenNYCOberschule, Oberschule, da gab's doch mal was? Richtig, die Schulform in der DDR hieß Oberschule. Die war zehnjährig (wie wohl auch die Oberschule ohne Oberstufe in NDS), »allgemeinbildend« (also für alle, vom zukünftigen Hilfsarbeiter bis zum Abiturienten) und hatte für zukünftige Studenten eine Oberstufe (»Erweiterte Oberschule«). Wer hätte das gedacht: 20 Jahre nach dem Untergang der DDR siegt der Sozialismus doch noch – und sogar in einem Westland! ;-)
Tja, obs besser ist mag man bezweifeln. Wenn alle an einer Schulform ihren Abschluss machen, weis man wie groß die Streuung sein kann. Nur - welchen Wert hat so ein Papier dann noch?
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