Nobelpreisträger-Biografien Wie wir wurden, was wir sind

Mit Kochsalz experimentieren, Funkgeräte basteln oder Frösche sezieren - Nobelpreisträger erzählen aus ihrer Jugend.

1. Teil: Günter Blobel, 71

Medizinnobelpreis für die Entdeckung von Signalen, die den Transport von Proteinen in der Zelle steuern


"Mein Studium wählte ich aus der Not heraus."

Das Interesse für die Wissenschaft entwickelte sich bei mir erst sehr spät. Die wichtigsten Impulse bekam ich eigentlich erst während meines Medizinstudiums von Menschen, die ich für ihre wissenschaftliche Arbeit bewunderte. Der Medizinnobelpreisträger George Palade von der Rockefeller University war sicherlich mein wichtigster Mentor.

Ich habe also keine Frösche seziert, als ich fünf Jahre alt war. Und mit sieben habe ich auch keine Radios gebaut. Ganz im Gegenteil: Ich war viel mehr an Musik, Literatur und Architektur interessiert.

Auch die Wissenschaft, die ich im Gymnasium kennenlernte, hat nichts in mir bewirkt. Mein Entschluss, Medizin zu studieren, entstand mehr aus einer Not heraus. Ich wusste nach dem Abitur einfach nicht, was ich machen sollte.

An der Medizin reizte mich, dass sie viele berufliche Möglichkeiten bot. Wenn ich so etwas heute in eine Studienbewerbung schreiben würde, würde ich vermutlich sofort aussortiert werden.

Theodor Hänsch und die Faszination des Lichtes

Theodor Hänsch, 66

Physiknobelpreis für spektroskopische Präzisionsmessungen mit dem Laser

"Licht hat mich immer fasziniert."

Ich wohnte als Kind in der Bunsenstraße in Heidelberg. Man erzählte, dass in unserem Haus Robert Bunsen gewohnt habe. Was bloß hatte dieser Mensch getan, dass sogar eine Straße nach ihm benannt wurde? Diese Frage hat mich als Sechsjähriger brennend interessiert.

Mein Vater, der als Kaufmann bei einer Herstellerfirma für Landmaschinen arbeitete, brachte dann eines Tages einen Bunsenbrenner mit nach Hause. Er holte Kochsalz und streute ein paar Körner davon in die Flamme des Brenners. Eine leuchtend gelbe Natriumflamme flackerte vor unseren Augen auf.

Ich hatte natürlich keine Ahnung, was Atome sind. Aber mein Vater erklärte mir, dass die Natriumatome von der Hitze angeregt würden und daraus dieses bestimmte Licht entstünde. Wie einst Robert Bunsen war ich Zeuge der Spektralanalyse geworden.

Bunsen erkannte, dass das Licht eines erhitzten Elements bestimmten Linien im gesamten Lichtspektrum entspricht. So konnte er etwa auch anhand der Farbe des Lichts das Element Lithium im Rauch einer Zigarette nachweisen. Wie man mit Hilfe von Licht chemische Bestandteile sichtbar machen kann, diese Frage hat mich seitdem immer wieder fasziniert.

Peter Grünberg und die rätselhaften Phänomene

Peter Grünberg, 68

Physiknobelpreis für die Entdeckung wesentlicher Grundlagen für die Festplattenentwicklung

"Rätselhafte Phänomene zogen mich an."

Als Kind wollte ich Förster werden. Ich stellte mir das ziemlich romantisch vor, durch das Alpenland zu streifen und dabei Gemsen zu jagen. Ich war im Alpenverein und bei den Pfadfindern aktiv. Natur, Sport, Musik - dafür habe ich mich sehr interessiert.

Besonders aber zogen mich so rätselhafte Phänomene wie Blitze oder die Bewegung der Planeten an. Ich wollte wissen, wie es kam, dass die Erde permanent um die Sonne kreiste.

Es hat mich fasziniert, dass diese Kreisbahn allein durch die Anziehung der Massen zustande kommt. Sehr aufregend fand ich, dass die Menschheit so lange daran herumgerätselt hatte. Ich wollte wissen, wie Forscher diesen natürlichen Prozessen auf die Spur gekommen sind. Ich weiß noch, wie spannend ich die Geschichte von Benjamin Franklin fand, der seinen Drachen steigen ließ, um zu zeigen, dass ein Blitz nichts anderes als sichtbare Elektrizität ist.

In der Schule wurde Physik schnell zu meinem Lieblingsfach. Wir hatten einen sehr guten Lehrer, der viel mit uns experimentiert hat. Wir mischten alle möglichen Flüssigkeiten zusammen und maßen die Temperatur. Als das Abitur näher rückte, stand nichts anderes zur Debatte: Ich wollte Physiker werden und in der Industrie arbeiten.

Christiane Nüsslein-Volhard und das Hirschkäfergeweih

Christiane Nüsslein-Volhard, 65

Medizinnobelpreis für ihre Studien zur genetischen Kontrolle der Embryonalentwicklung bei der Fruchtfliege

"Mein größter Schatz war ein Hirschkäfergeweih."

Es gab keine Blume, keinen Busch oder Baum in unserem Garten, den ich als Kind nicht gekannt hätte. Denn Tiere und Pflanzen haben mich besonders interessiert, und ich wusste schon sehr früh, etwa mit zehn oder zwölf, dass ich später mal "Naturforscherin" werden würde.

Ich sammelte alle möglichen Blumen und presste sie zwischen Löschblätter zum Aufheben. Das hatte ich mir bei dem Vater einer Freundin abgeguckt. Dieser Vater hatte auch eine Sammlung mit aufgespießten Schmetterlingen, die mich fasziniert hat. Die größten Schätze in meiner eigenen Kollektion waren das Geweih eines Hirschkäfers und der Flügel eines Eichelhähers.

Mit etwa zwölf Jahren wurde ich Mitglied im Bund für Vogelschutz. Meine Geschwister und meine Eltern interessierten sich nicht besonders für Biologie, aber ich bekam gute Tierbücher zu Weihnachten und durfte Wellensittiche halten. Ich war ganz bestimmt keine Musterschülerin und manchmal auch ziemlich faul.

Den Biologieunterricht in meiner Schule, ein Gymnasium nur für Mädchen, habe ich sehr geschätzt. Später habe ich dann Biochemie studiert, um die nötigen Grundlagen in Chemie und Physik auch mitzubekommen, die ich sehr wichtig finde.

Gerhard Ertl und die Knalleffekte

Gerhard Ertl, 71

Chemienobelpreis für seine Forschungen über chemische Prozesse auf festen Oberflächen

"Irgendwann hat es meiner Mutter gestunken."

Ich hatte als Kind ein schönes Buch mit dem Titel "Chemische Experimente, die gelingen". Ich habe all die Rezepte darin durchprobiert, von der Kristallzüchtung bis hin zu Feuerwerkseffekten.

Ich hatte in meinem Kinderzimmer eine ganze Chemikaliensammlung. Allerdings war das nicht immer ganz geruchlos. Irgendwann hat es meiner Mutter gestunken, im wahrsten Sinne des Wortes, und sie hat mir die Chemieexperimente verboten. Damit wurde meine Karriere als Chemiker jäh unterbrochen.

ch stieg auf meine Märklin-Eisenbahn um und begann, Funkgeräte zu basteln. Und da ich gut in Mathe war, bin ich später einfach bei der Physik geblieben - und landete am Ende trotzdem in der chemischen Forschung.

Mein Studium habe ich im Wesentlichen mit Musik finanziert. Ich habe sehr viel Tanzmusik gemacht. Ich saß am Klavier, mein Bruder hat Klarinette gespielt. Heute spiele ich am liebsten Mozart oder Bach.

Aufgezeichnet von Tania Greiner

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