Notenmassage bei Spickmich Lehrer bewerfen die lieben Kollegen mit Einsen

Auch Lehrer können surfen. Manche bekommen Pickel vom Bewertungsportal Spickmich. Andere werden kreativ: Sie treffen sich in der großen Pause und tricksen so lange, bis die Pädagogen-Zeugnisse vorzeigbar sind. Ein Blick ins Lehrerzimmer.

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Bereits im Sommer hat sich "Max Müller" zum ersten Mal auf dem Schülerportal Spickmich.de eingeloggt. Als Schule gab er das Christian-von-Mannlich-Gymnasium in Homburg im Saarland an, als eine Klasse die 5f. Ein Foto stellte er nicht ins Netz. Er hatte vor, Lehrer zu bewerten - denn genau das ist der Reiz von Spickmich: In zehn Kategorien von "cool und witzig" bis zu "fachlich kompetent" können registrierte Schüler ihre Lehrer benoten.

Wenn es denn wirklich Schüler sind.

Spickmich.de: Lehrer treffen sich zur gemeinschaftlichen Notenmassage
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Spickmich.de: Lehrer treffen sich zur gemeinschaftlichen Notenmassage

Vor einigen Wochen ging "Max Müller" radikal ans Werk: Es regnete jede Menge Einsen. Für die lieben Kollegen. Max ist nicht Schüler, sondern Lehrer am Christian-von-Mannlich-Gymnasium. Er hatte sich mit drei Kollegen im Lehrerzimmer getroffen, um Spickmich mal auf eigene Faust zu erkunden. Sein Ergebnis: "Spickmich ist nicht fälschungssicher!"

Die Seite hat als Geheimtipp, als Tuschelecke auf dem virtuellem Schulhof angefangen. Mittlerweile ist das Bewertungsportal ein Top-Thema an deutschen Schulen. Über eine halbe Million Nutzer haben sich registriert, rund 250.000 Lehrer wurden bereits benotet.

Doch nicht nur die Schüler sind vernetzt, auch viele Lehrer wissen bestens Bescheid: Burkhard Spang, 55, Lehrer für Englisch und Sport mit der Spickmich-Note 1,9, war bei der Aktion im Lehrerzimmer mit von der Partie. Er schaute seinem Kollegen über die Schulter, als der unter dem Pseudonym "Max Müller" fröhlich Noten massierte.

Auch Lehrer können mit Computern umgehen

"Natürlich wissen wir Lehrer über die Plattform Bescheid", sagt Spang, "und mit einem PC ? auch wenn das viele Schüler nicht glauben ? können wir ebenfalls umgehen."

Bei den Lehrern keimt langsam die Erkenntnis, dass sich Spickmich nicht einfach so aus dem Netz klagen lässt. Das versucht eine Gymnasiallehrerin aus Neukirchen-Vluyn gegen Spickmich seit fast einem Jahr - und hat bisher durchweg verloren. Die Gerichte wiesen ihre Klagen stets mit dem Hinweis ab, das Benoten von Lehrern sei eine freie Meinungsäußerung, also rechtens. Weder der Datenschutz noch das Persönlichkeitsrecht der Klägerin seien verletzt.

Die Deutsch- und Religionslehrerin will dennoch weiter prozessieren, notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht. Rückhalt findet sie bei Lehrerorganisationen, etwa bei der Gewerkschaft GEW, beim Lehrer- und beim Philologenverband. Bereits im August hatte SPIEGEL ONLINE den Präsident des Lehrerverbands Peter Silbernagel und die Spickmich-Macher zum Streitgespräch eingeladen. "Diese anonyme Bewertung ist eine Form von Feigheit", wetterte Silbernagel. Die Spickmich-Gründer konterten, es gehe ihnen mit der Seite keineswegs nur um den Spaß am Zurück-Zensieren, sondern vor allem darum, den Lehrern ein faires Feedback zu geben.

Was aber nun, wenn diese Meinungsäußerung manipulierbar ist? Bernd Dicks, einer der Betreiber von Spickmich, widerspricht dem Vorwurf: "Wir führen Spickmich mit strenger Handhabe." Um Schummeleien zu verhindern, seien Registrierungen mit Fake-Mail-Adressen verboten, sämtliche IP-Adressen der Nutzer würden gespeichert. Wenn sich etwa ein Nutzer mit mehr als drei Mail-Adressen vom gleichen Rechner einlogge, "wird es kritisch", sagt Dicks. So kamen die Spickmich-Betreiber dem Kunstlehrer Michael Rathe aus Hannover, der das Netzwerk mit über 50 Registrierungen unterwandern wollte, nach nur drei Stunden auf die Schliche.

Schüler "Koala Bär" und "Piep piep"

Was trotz aller Kniffe für Probleme sorgt, ist die Glaubwürdigkeit der einzelnen Profile. Ein bundesweites Netzwerk kann nicht jede Schule kennen. So passiert es, dass sich der "Max Müller" vom Mannlich-Gymnasium in der Klasse 5f registrieren konnte ? auch wenn die fünften Klassen dort nur bis zur 5e reichen.

So passiert es auch, dass sich am Mannlich-Gymnasium, wie an anderen Schulen auch, Schüler mit Namen wie "Koala Bär" oder "Piep Piep" tummeln. Pseudo-Profile können nur von anderen Usern entlarvt werden oder müssen in mühevoller Suche vom Spickmich-Team erstöbert werden. Allein der Allerwelts-Account "Max Müller" schafft es in der Spickmich-Schülersuche auf weit über 200 Treffer ? hinter den wenigsten werden reale Personen stecken.

Was die Betreiber gut im Griff haben, beteuert Bernd Dicks, ist die Benotung selbst. Die durchläuft ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem, das ein befreundeter Mathematikstudent für die Plattform programmiert. "Wenn zehn Schüler einem Lehrer eine Eins geben", so Dicks, "und einer haut mit lauter Sechsen dazwischen ? dann ist uns klar, dass hier was nicht stimmt." Der Beitrag wird ignoriert.

Das Oberlandesgericht Köln hatte dem Spickmich-Team die Sicherheit ihrer Plattform im Prozess gegen die Neukirchner Lehrerin bestätigt. Die Benotung der Lehrer laufe fair ab und sei realistisch. Dass die Lehrerin nun mit Unterstützung ihrer Rektorin erneut gegen das Bewertungsportal klagt, könne Dicks nicht verstehen. Im Team ist man sich sicher: "Sie wird erneut scheitern."

Spickmich ist im Lehrerzimmer angekommen

Durch die Spickmich-Erfolge vor Gericht haben inzwischen auch andere Bewertungsportale Rückenwind. Den Anfang hatte die Seite MeinProf.de gemacht, auch Hotels, Restaurants oder Auktionsnutzer müssen sich öffentliche Online-Bewertungen schon lange gefallen lassen, nun trifft es auch Ärzte und Anwälte. Auch wenn beileibe nicht alle darüber glücklich sind, werden sie damit wohl leben müssen.

Und die Lehrer, grassiert jetzt überall Aufregung und Angst vor schlechten Zensuren? Nix da. Burkhard Spang vom Mannlich-Gymnasium sagt sogar, Spickmich komme bei den meisten Lehrern gut an, sie fänden das Portal mindestens so interessant wie ihre Schüler: Ältere Kollegen "schmunzeln" über die Noten, so Spang, jüngere klickten sich regelmäßig durchs Netz, "die nehmen die Bewertungen durchaus ernst".

Auch der Kollege, der als Max Müller bei Spickmich zensiert, tut dies vor allem aus Neugier. Er nehme zwar nicht jede Zensur für "bare Münze", aber die Benotung könne "als Denkanstoß ganz hilfreich sein".

Wenn er die große Pause am Christian von Mannlich-Gymnasium nutzt, um mit seinen Kollegen auf Spickmich zu surfen, dann ist die Benotungsseite schließlich dort angekommen, wo sie gelesen werden sollte ? im Lehrerzimmer. Und das Profil des "Max Müller" ist dann nicht mehr als ein Schüler-, pardon, Lehrerstreich.



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