Bildungsforscher zur Rückkehr zu G9 "Die Politik ist vor dem Bürgertum eingeknickt"

Mit Nordrhein-Westfalen kehrt auch das größte Bundesland zum Abitur nach 13 Schuljahren zurück. Bildungsforscher Olaf Köller erklärt, warum dies aus seiner Sicht unsinnig ist - und welchen Irrtümern Eltern und Politiker aufsitzen.

Irrweg? NRW führt an fast allen Gymnasien das Abi nach 13 Jahren Schulzeit wieder ein
Armin Weigel/ DPA

Irrweg? NRW führt an fast allen Gymnasien das Abi nach 13 Jahren Schulzeit wieder ein

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Die Gymnasien in Nordrhein-Westfalen kehren flächendeckend zu G9 zurück, die Jahre des Turboabiturs sind jetzt auch im größten Bundesland wieder vorbei. Wie bewerten Sie als Bildungsforscher diese Entscheidung?

Köller: Diese Entwicklung geht ja vor allem auf die Unruhe der Eltern zurück. Deren weitverbreitete Wahrnehmung war: Durch G8 hat der Stress bei unseren Kindern dramatisch zugenommen, es bleibt keine Zeit mehr für den Klavierunterricht oder den Sportverein. Nur: Die Eltern liegen damit völlig falsch.

Zur Person
  • privat
    Olaf Köller, Jahrgang 1963, ist geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Köller: Auch G9-Abiturienten waren vorher schon hoch belastet - oft genug übrigens als Folge des Drucks aus ihren Elternhäusern. Das Gymnasium ist einfach immer anstrengend, besonders aber in zwei Phasen: Am Anfang, wenn nach der Grundschulzeit plötzlich die Leistungsanforderungen deutlich zunehmen. Und dann in der gymnasialen Oberstufe, wenn es aufs Abitur zugeht.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine um ein Jahr verkürzte Schulzeit ohne deutliche Streichungen im Curriculum führt doch automatisch zu einer höheren Belastung der Schülerinnen und Schüler.

Köller: Wenn man das umrechnet, sind das vielleicht 20 Minuten mehr am Tag. Und die Auswirkungen, das zeigen alle Studien der letzten Jahre, sind wirklich zu vernachlässigen: Es gab keine erhöhten Abmeldungen aus Vereinen oder anderen Aktivitäten, es gab keinen Rückgang bei den Schulleistungen. G8-Abiturienten sind nicht besser oder schlechter als diejenigen, die mit G9 ihr Abi machen. Und auch die Zahl der U-18-jährigen Studierenden an den Unis hat sich nicht dramatisch erhöht, sie liegt derzeit bei ungefähr zwei Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Bilden sich die Eltern das also alles nur ein?

Köller: Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Die Politik ist vor dem Bürgertum eingeknickt - ohne wissenschaftliche Belege für das, was in der Debatte immer behauptet wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen Eltern und Politikern Realitätsverlust vor?

Olaf Köller: In Schleswig-Holstein wurde bei der Umstellung auf G8 ein Jahr in der Mittelstufe gekürzt. Die dreijährige Oberstufe blieb unangetastet - trotzdem soll es nach den Beschwerden der Eltern insbesondere in der Oberstufe zu deutlich stärkerem Druck gekommen sein. Irgendetwas kann da doch nicht stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als sei die ganze Reform um die Verkürzung und dann wieder Verlängerung der Schulzeit ein nutzloses Unterfangen gewesen.

Olaf Köller: Ja. Und ein teures: Bundesweit dürften die Kosten im Milliardenbereich liegen. Und sie sind mit der Umstellung zurück auf G9 noch nicht behoben: Wir werden demnächst Jahrgänge haben, in denen es wegen der Verlängerung keine Abiturienten gibt. Auch das verursacht noch einmal erhebliche volkswirtschaftliche Kosten.

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