NRW nach der Wahl Was, wenn die Linken Schule machen?

Schon warnen Konservative und Gymnasiallehrer vor "Einheitsschule" und "Schulkrieg": SPD, Grüne und Linke in Nordrhein-Westfalen wollen ein Ende der Hauptschule und längeres gemeinsames Lernen. Die Gemeinschaftsschule bis Klasse zehn wird kaum kommen - dennoch dürfte sich einiges ändern.

Schüler-Demo: NRW-Schulministerin Barbara Sommer geht in die ganz großen Ferien
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Schüler-Demo: NRW-Schulministerin Barbara Sommer geht in die ganz großen Ferien

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Der verbockte schwarz-gelbe Regierungsstart in Berlin und der Westerwelle-Merkel-Malus, das sieche Griechenland, CDU-Chaos in NRW - große Gründe für den Zehn-Prozentpunkte-Absturz der Christdemokraten bei der Landtagswahl am Sonntag an Rhein und Ruhr gab es reichlich. Ein Thema, das sehr bald das ganze Land beschäftigen wird, spielte in den Analysen dagegen eine Nebenrolle: Die Schul- und Bildungspolitik im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland - alles neu macht der Mai.

Jürgen Rüttgers (CDU), Bundesbildungsminister von 1994 bis zum Ende der Kohl-Regentschaft 1998, gab im Wahlkampf das bildungspolitische Urzeittier. Die Hauptschule müsse bleiben, so seine Botschaft an die Eltern, er wolle sie mit mehr Geld besser machen. Dass sich der bisherige Koalitionspartner FDP da bereits für eine "regionale Mittelschule" anstelle von Haupt- und Realschule ausgesprochen hatte, interessiert Rüttgers wenig. Die FDP, eiserne Verteidigerin des Gymnasiums, hatte eingesehen, was Rüttgers nicht sehen will: Die Hauptschule ist so gut wie tot.

Mit seiner sturen Haltung hatte der scheidende Ministerpräsident zum Ende hin sogar Gegner in der eigenen Partei. Vor allem auf kommunaler Ebene, wo die Städte und Gemeinden mit der sterbenden Schulform Hauptschule leben müssen, regte sich Unmut.

Rüttgers und der rechte Flügel seiner Partei erkennen nicht, was jüngst eine Studie zur Lage der NRW-Hauptschulen bestätigte: Im Ruhrgebiet geht nur noch jeder zehnte Grundschüler im Anschluss auf eine Hauptschule. An Hauptschulen gebe es so viele soziale Probleme, dass erfolgreiches Lernen nicht mehr möglich sei. Und: Die Schülerzahlen schrumpfen.

Es droht der ewige Zorn der Gymnasialeltern

All das steht in einer unter Verschluss gehaltenen Untersuchung mit dem Titel "Vorstudie Bildungsbericht Ruhr", an der auch der renommierte Bildungsforscher Wilfried Bos mitgearbeitet hat und aus der die "taz" Ende April zitierte. Darin beschreiben die Bildungsforscher die Hauptschulen als Hauptproblem, eine Art Achillesferse, der allgemeinbildenden Schulangebote in der Region.

Hinzu kommt, dass die Schülerzahlen in der Region rapide sinken und den Fortbestand des dreigliedrigen Schulsystems schon rein demografisch in Frage stellen. Bis 2020 wird etwa die Zahl der 10- bis 16-Jährigen im Ruhrgebiet um 20 Prozent zurückgehen, in manchen Regionen müssen schon deshalb Schulen zusammengelegt werden - oder man lässt sie sterben und nimmt lange Fahrtwege für die Kinder in Kauf. Sachliche Analyse des Problems: "Die Metropole Ruhr kommt um Strukturreformen in der Bildung nicht umhin."

Rüttgers und Schwarz-Gelb sind in NRW erledigt, der Poker zur Regierungsbildung beginnt. Falls Rot-Grün-Rot kommt, kommt damit dann auch die "Einheitsschule", wie CDU-Politiker warnen? Droht in NRW gar ein "Schulkrieg", den der Philologenverband, Standesvertretung der Gymnasiallehrer, befürchtet?

Die Grünen stritten im Wahlkampf zwar mit Verve für eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder bis zur zehnten Klasse; so will es auch die Linkspartei. Die SPD ist da weniger eindeutig. Im Wahlprogramm setzten sie zwar "auf die Gemeinschaftsschule als Schule der Zukunft", dort finde dann "in den Klassen fünf und sechs für alle Kinder ein gemeinsamer Unterricht statt". Danach allerdings soll Schulen, Eltern und Schulträgern überlassen sein, ob alle Kinder weiter miteinander lernen oder ob sie ab Klasse sieben auf zwei oder mehr Schultypen aufgeteilt werden.

Eine Reform wird es also wohl geben. Dass es dabei behutsamer zugehen muss als im Krieg der Schulsysteme in den siebziger Jahren, das wissen vor allem die Reformer selbst. Einst scheiterten sie nämlich auf breiter Front am Widerstand des Bildungsbürgertums. 1978 plante die sozial-liberale Koalition eine "kooperative Schule" im damaligen SPD-Stammland. Das Modell, das eine Zusammenlegung der drei bestehenden Schulformen anstrebte, scheiterte an einem von der CDU initiierten Volksbegehren. Seitdem wissen linke Reformer: Nimmt man nicht genug Rücksicht auf die Eltern, ihre Wünsche und Ängste, kann sich das wiederholen.

Hamburgs Bürgermeister im Bildungssturm

Ein aktuelles Beispiel für die Sprengkraft der Bildungspolitik ist Hamburg. In der schwarz-grünen Koalition in der Hansestadt haben die Grünen Gemeinschaftsschul-Elemente durchgesetzt. In einer Primarschule lernen alle gemeinsam bis Klasse sechs, dann können sie an an der Stadtteilschule bis zur Hochschulreife lernen oder - Zugeständnis an die Verfechter des Gymnasiums in der reichen Kaufmannsstadt - auf Gymnasien wechseln, die parallel zu den Stadtteilschulen weiterbestehen.

Der Gegenwind ist heftig. Medien und Bürger in der Hansestadt attackieren in einem fort den regierenden CDU-Bürgermeister Ole von Beust, weil er sich auf das Projekt Schulreform eingelassen hat. Mitte Juli kann ein Bürgerentscheid das ganze Projekt noch kippen.

Auch wenn Rüttgers sein Festhalten an der Hauptschule diesmal geschadet haben mag - für das andere Ende der schulischen Nahrungskette gilt weiter der Satz des Bildungsforschers Bos: Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt. Ideologisch argumentieren die Linken darum kaum und geben sich hart in ihrem Reformwillen, in der Debatte aber sehr behutsam. Die großen Wort-Geschütze fahren dagegen die Konservativen auf. Von der Macht verdrängt, bleibt ihnen in NRW wenig übrig, als auf die Wut des Bürgertums zu setzen. Gelänge es, einen Kulturkampf ums Gymnasium wie in Hamburg vom Zaun zu brechen, könnten die ambitionierten Reformpläne einer möglichen Linksregierung scheitern.

Dass sich mit der Wende in NRW die Trias Hauptschule, Realschule und Gymnasium im größten Bundesland erledigt haben könnte, schürt Ängste bei den strukturkonservativsten Vertretern in Deutschlands föderalem Bildungssystem. Die Bayern verkünden einen Tag nach der Rüttgers-Schlappe: Bei uns sollen Gymnasium, Haupt- und Realschule erhalten bleiben. "Wir setzen in Bayern auf individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler und nicht auf eine Einheitsschule", sagte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) am Montag in München.

Spaenle sprach als Vorsitzender der Kultusministerkonferenz und kritisierte die Forderungen der SPD-Länder nach längerem gemeinsamen Lernen: "Der Ruf nach einer Einheitsschule steht für mich für eine Pädagogik der Steinzeit." Das dreigliedrige Schulsystem könne die unterschiedlichen Begabungen sehr gut fördern, sagte Spaenle.

Die Gebühren verschwinden - aber wohl nicht sofort

Die zweite große Bildungsbaustelle in NRW werden die Studiengebühren sein. Hannelore Krafts Sozialdemokraten schwören auf eine kostenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni. Indes wird es in Düsseldorf kaum eine hektische Abschaffung der Campusmaut geben, wie beim rot-rot-grünen Intermezzo in Hessen 2008. "Ich mach hier nicht Wolkenkuckucksheim", sagte SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft noch zu Jusos in der heißen Wahlkampfphase, die von ihr ein Bekenntnis zum sofortigen Studiengebühren-Stopp forderten. Die Gebühren sollen "zeitnah" verschwinden, steht im SPD-Programm. Laut Hannelore Kraft soll die Maut zunächst sinken und erst 2012 ganz fallen.

Tatsächlich ist das von heute auf morgen schwer möglich. Das Hochschulfreiheitsgesetz des nun bald ehemaligen Wissenschaftsministers Andreas Pinkwart (FDP) gab den Unis auch die Freiheit, selbst Gebühren einzutreiben und über die Höhe zu bestimmen. Derzeit kassieren fast alle Hochschulen an Rhein und Ruhr 500 Euro pro Semester.

Soll sich das ändern, braucht die Regierung in wirtschaftlich schweren Zeiten auch eine Idee, wie man die Hochschulen für die versiegenden Mittel entschädigt. 280 Millionen Euro holten sich die Hochschulen in NRW von ihren Studenten im Jahr 2009. Das Geld müsste dann künftig anderswo herkommen, soll sich die Situation an den Hochschulen nicht weiter verschlechtern. Schafft nach Hessen auch NRW die Gebühren ab, ist das Erststudium nur noch in vier Ländern gebührenpflichtig: Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen sowie Hamburg (wo das Motto gilt: Erst studieren, dann zahlen).

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Salzlake 10.05.2010
1. nrw
Es macht vielleicht Sinn bis zur 5 oder 6 Klasse gemeinsam zu lernen. Allerdings sollte man auch in Zukunft zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium unterscheiden.
Zero Thrust 10.05.2010
2. re
Zitat von SalzlakeEs macht vielleicht Sinn bis zur 5 oder 6 Klasse gemeinsam zu lernen. Allerdings sollte man auch in Zukunft zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium unterscheiden.
Weshalb? So wird in genügend anderen Ländern auch nicht verfahren und woran ich jetzt gerade denke, dass sind nun nicht unbedingt welche, in denen linke Politik so besonders 'Schule machen würde', in welcher Hinsicht auch immer. Das ist auch der Grund, warum ich mir nicht erklären kann, was an der Grundidee nun so entschieden "links" sein soll. Vermutlich finden sich auch in CDU und FDP Menschen, die dem gegenüber nicht völlig verschlossen sind. Für mich ist viel klar: Das heutige Schulsystem in Deutschland ist weder rechts noch links, sondern einfach nur von gestern. Zumal man wohl darüber streiten kann, ob die Grünen heute noch eine linke Partei sind - in meinen Augen sind sie es nicht, aber das ist ein anderes Thema.
Margrit2 10.05.2010
3. Zu vioel Eifer und dadurch Fehler
Zitat von Zero ThrustWeshalb? So wird in genügend anderen Ländern auch nicht verfahren und woran ich jetzt gerade denke, dass sind nun nicht unbedingt welche, in denen linke Politik so besonders 'Schule machen würde', in welcher Hinsicht auch immer. Das ist auch der Grund, warum ich mir nicht erklären kann, was an der Grundidee nun so entschieden "links" sein soll. Vermutlich finden sich auch in CDU und FDP Menschen, die dem gegenüber nicht völlig verschlossen sind. Für mich ist viel klar: Das heutige Schulsystem in Deutschland ist weder rechts noch links, sondern einfach nur von gestern. Zumal man wohl darüber streiten kann, ob die Grünen heute noch eine linke Partei sind - in meinen Augen sind sie es nicht, aber das ist ein anderes Thema.
Ihr letzter Satz läßt sich doch leicht beantworten: die heutigen Grünen sind Bürgersöhnchen/Töchterchen, die nur ihr eigenes Wohlergehen im Blick haben. Aber als "Kinder/Nachfolger" der 68er weitaus linkere und schlimemre Thesen vertreten als es die 58er je taten. Die Grünen wollen ein anderes polit. System. Die Grünen sind heute eine neokapitalistischen Partei, das haben sie während ihrer Mitregierung unter Schröder ja sehr deutlich gezeigt. Das Geschrei gestern nach der Wahl sie seien doch so für den Bürger und sie seien doch so sozial, war derart verlogen, dass einem schlecht werden konnte Im übrigen haben die Grünen ihre Kinder, so sie welche haben, keineswegs auf der Gesamtschule, sondern auch schön auf dem Gymnasium Die heutigen Grünen haben mit der einstigen grüfnen Bewegung gar nichts mehr zu tun. Sie soltlen sich umbenennen, denn sie belügen das Wahlvolk
frubi 10.05.2010
4. .
Zitat von sysopSchon warnen Konservative und Gymnasiallehrer vor "Einheitsschule" und "Schulkrieg": SPD, Grüne und Linke in Nordrhein-Westfalen wollen ein Ende der Hauptschule und längeres gemeinsames Lernen. Die Gemeinschaftsschule bis Klasse zehn wird kaum kommen - dennoch dürfte sich einiges ändern. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,694027,00.html
Jetzt wird wieder schön über Schulformen diskutiert und das eigentlich wichtige, die Defizite bei den Inhalten, kommt wieder zu kurz. Setzt euch doch mal heute in eine Unterrichtsstunde und versucht, 45 Minuten nicht einzuschlafen. Da mangelt es nicht immer am Willen der Schüler. Den Schülern ist die Form der Schule oftmals egal. Hauptsache Chancen nach oben und bessere Inhalte. Man muss auch ein Stück die Begeisterung der Schüler wecken.
OnkelBenz, 10.05.2010
5. ...
Zitat von frubiJetzt wird wieder schön über Schulformen diskutiert und das eigentlich wichtige, die Defizite bei den Inhalten, kommt wieder zu kurz. Setzt euch doch mal heute in eine Unterrichtsstunde und versucht, 45 Minuten nicht einzuschlafen. Da mangelt es nicht immer am Willen der Schüler. Den Schülern ist die Form der Schule oftmals egal. Hauptsache Chancen nach oben und bessere Inhalte. Man muss auch ein Stück die Begeisterung der Schüler wecken.
Das ist ein entscheidender Inhalt! Bevor Lehrer wieder Begeisterung beim Schüler erwecken, wäre es angebracht, daß die Eltern ihren Schützlingen neben Ellenbogen auch wieder etwas Erziehung, die deutsche Sprache und ein zumindest sozialverträgliches Maß an Disziplin beibringen, wenn`s geht bevor die Kleinen 6 sind. In der Bildungsfrage sollte man sich in NRW aufgrund 5,7% die wenigsten Sorgen machen!
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