OECD-Bericht Deutschland spart sich die Bildung

Deutschland gibt weniger Geld für Bildung aus als viele andere Staaten. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem aktuellen Report. Besonders groß ist der Rückstand bei den Grundschulen und Kindergärten.




Wenig Stunden im Klassenverband: Sechstklässler lesen in ihren Schulbüchern
DDP

Wenig Stunden im Klassenverband: Sechstklässler lesen in ihren Schulbüchern

Deutschland investiert im internationalen Vergleich weit weniger Geld in Bildung als andere Staaten. Das ist das wichtigste Ergebnis der OECD-Studie "Education at a glance", die heute zeitgleich in mehreren Hauptstädten vorgestellt wurde. In Berlin wurde sie an Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) und den Vize-Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD), übergeben. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vergleicht jedes Jahr anhand einer Vielzahl von Indikatoren die Bildungssysteme der OECD-Staaten und einer Reihe von weiteren Staaten. Deutschland liegt bei vielen Kennzahlen im unteren Mittelfeld.

So wendeten die OECD-Mitgliedsstaaten im Jahr 2001 durchschnittlich 5,6 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes (BIP) für ihre Bildungssysteme auf, Deutschland nur 5,3 Prozent. Die höchsten Ausgaben verzeichnen Korea (8,2 Prozent), die Vereinigten Staaten (7,3 Prozent) und Dänemark (7,1 Prozent). Besonders deutlich ist der Rückstand im Primarbereich und im Sekundarbereich I, also bei den Kindergärten und in den niedrigen Schulklassen.

"Die Dynamik fehlt"

Begonnene Bildungsreformen reichen nach Ansicht des OECD-Bildungsexperten Andreas Schleicher nicht aus. Sie lägen deutlich hinter dem internationalen Standard zurück. "Vor allem fehlt dem Bildungssystem die Dynamik", sagte Schleicher am Dienstag im ZDF. Andere Länder hätten ihre Bildungssystem rasant umgebaut. Anderswo habe Bildung einfach einen höheren Stellenwert als in Deutschland, die Systeme seien offener: "In vielen der modernen Bildungsnationen können sie sich heute ihren eigenen Bildungsweg selber gestalten - aktiv, über das ganze Leben hinweg."

Die Bundesbildungsministerin benutzte die Vorlage, um der Union ins Gewissen zu reden, und bekräftigte ihre Forderung, die Eigenheimzulage zu streichen. Der Bericht zeige, dass noch mehr Geld in die Bildung investiert werden müsse, sagte die SPD-Politikerin. "Die Streichung der Eigenheimzulage zugunsten vermehrter Bildungsinvestitionen ist der Lackmustest, der zeigt, ob es den politisch Verantwortlichen ernst ist mit der Bildung", so Bulmahn. Bis zu sieben Milliarden Euro würden durch die Abschaffung der Subvention frei.

Grafik: Jährliche Ausgaben für Bildungseinrichtungen im Primärbereich 2001

Grafik: Jährliche Ausgaben für Bildungseinrichtungen im Primärbereich 2001

Nach den OECD-Erhebungen droht sich der Rückstand Deutschland sogar noch zu vergrößern: Die OECD-Staaten haben zwischen 1995 und 2001 ihre Investitionen in Schulen um 21 Prozent und in Hochschulen um 30 Prozent gesteigert. In Deutschland lag der Zuwachs nur bei sechs beziehungsweise sieben Prozent. Die Bildungspolitik der achtziger und neunziger Jahre sei von "Stillstand" geprägt gewesen, so Andreas Schleicher.

Die demographische Entwicklung mit den niedrigen Geburtenraten fresse bereits erzielte Fortschritte wieder auf. Dieser Trend werde sich in den nächsten Jahren noch verstärken, erklärten das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz in einer gemeinsamen Erklärung: Einem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften werde ein Rückgang der jungen Bevölkerung gegenüberstehen.

Besonders gravierend ist die Situation nach OECD-Angaben im Elementarbereich, wo rund 24 Kinder auf eine Betreuungsperson kommen, die nach Großbritannien ungünstigste Relation innerhalb der OECD. Der Durchschnittswert unter den 30 Ländern der OECD liege im Kindergartenbereich bei etwa 15 Kindern pro Betreuungsperson.

Rückstand bei Hochschulabsolventen

Auch bei den Unterrichtsstunden für Schüler in niedrigen Klassen schneidet Deutschland schlecht ab: Im Durchschnitt der OECD-Staaten haben 7- bis 8-jährige Schüler pro Jahr 788 Stunden Unterricht im Klassenverband, in Deutschland dagegen nur 626. Einen Spitzenwert erreicht Schottland mit 1000 Stunden.

Grafik: Studienanfängerquoten im Tertiärbereich

Grafik: Studienanfängerquoten im Tertiärbereich

Erheblich auch der deutsche Rückstand bei den Hochschulabsolventen: In Deutschland schlossen im Jahr 2002 19 Prozent eines Altersjahrgangs ein Universitäts- oder Fachhochschulstudium ab, eine deutliche Steigerung von drei Prozentpunkten gegenüber dem Jahr 1998. Trotz der Steigerung liegt Deutschland noch immer deutlich unter dem OECD-Mittel von 32 Prozent. Auch der Frauenanteil in den Natur- und Ingenieurwissenschaften liegt unter dem OECD-Durchschnitt.

Die OECD würdigte dagegen die Anstrengungen beim Ausbau von Ganztagsschulen und der Weiterentwicklung des Bafögs sowie der Umstellung auf Master- und Bachelor-Abschlüsse an den deutschen Hochschulen.

"Destruktiv und haltlos"

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss, sagte, der Bund habe mit dem Vier-Milliarden-Euro-Programm zum Ausbau der Ganztagsschule "seine Hausaufgaben gemacht" und den Ländern geholfen, die Schulprobleme zu lösen. Nun seien die Kultusminister gefordert, nach dem Pisa-Schock die Schulen zu reformieren. Das deutsche Bildungssystem bringe zu wenig Abiturienten hervor. In keinem Industriestaat hänge der Bildungserfolg so sehr von der sozialen Stellung der Eltern ab wie in Deutschland. Bundesbildungsministerin Bulmahn konstatierte bei der Vorstellung der Zahlen einen enormen Nachholbedarf Deutschlands.

Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan (CDU) kritisierte dagegen die Folgerungen der Bildungsforscher. Die OECD ignoriere die grundlegenden Verbesserungen im deutschen Schulwesen, sagte Schavan am Dienstag in Stuttgart: "Das systematische Schlechtreden von Bildung in Deutschland diskreditiert die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, die mit hoher Motivation Neuerungen umsetzen." Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) bezeichnete die Kritik als "destruktiv und haltlos". Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) betonte, in kaum einem anderen Land sei nach der PISA-Studie "so intensiv über Bildung diskutiert worden" wie in Deutschland.

Bei dem weltweiten Schultest vor drei Jahren hatten die deutschen Schulen besonders schlecht abgeschnitten. Immerhin erforscht Deutschland die eigene Misere inzwischen ausgiebig, so lässt sich aus den neuen OECD-Zahlen schließen: Der Aufbau einer regelmäßigen nationalen Bildungsberichterstattung, wie sie derzeit durch Bund und Länder erfolge, sei positiv zu bewerten.

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