Silke Fokken

Chancengleichheit Chantal hat keine Lobby

Das Bemerkenswerte an der neuen OECD-Studie: Sie bescheinigt einen Missstand, der seit Jahren bekannt ist. In Deutschland hängt der Schulerfolg stark vom Elternhaus ab. Der Wille, das zu ändern, fehlt.
Schüler im Klassenzimmer (Symbolbild)

Schüler im Klassenzimmer (Symbolbild)

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Chantal, 12 Jahre, hat von Chancengleichheit nie gehört. Sie heißt wirklich so, eine Pausenbekanntschaft bei einer Schulreportage. Ein Mädchen mit dem großen Bedürfnis, dass ihm mal jemand zuhört.

Chantal wohnt mit Mutter, Schwester, Stiefvater und sechs Monate altem Halbbruder in einer Zweizimmerwohnung in einer deutschen Großstadt. Absolut keine bevorzugte Wohngegend. Mittendrin liegt die Schule. Hier bemüht sich Chantal zu lernen, ist aber leider in den meisten Fächern schlecht.

Dass sich das ändern wird, ist statistisch betrachtet unwahrscheinlich. Chantal repräsentiert all das, was Bildungsforscher meinen, wenn sie von "Kindern aus sozial benachteiligten Familien" und Bildungsungerechtigkeit sprechen. Zu Hause gibt es wenig Geld, wenig Bildung, wenig Bücher, dafür jede Menge Probleme - und von außen wird das viel zu wenig kompensiert.

Kinder wie Chantal sind der Grund, warum der OECD-Bericht, der an diesem Dienstag veröffentlicht wurde , unglaublich wütend macht.

Seit dem Pisa-Schock 2001 zeigt eine Studie zum x-ten Mal, dass der Schulerfolg in Deutschland stärker an den sozialen Hintergrund gekoppelt ist als in vielen anderen Industrienationen. Zwar werden langsam Verbesserungen erzielt, aber andere Länder sind längst weiter. Eine DGB-Studie belegte am Tag zuvor, dass die Politik ihr Versprechen vom "Aufstieg durch Bildung" beim Dresdner Bildungsgipfel vor zehn Jahren bis heute nicht erfüllt hat.

Es fehlt schlicht der Wille, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen - in der Politik ebenso wie bei der Mehrheit der Wohlstands- und Bildungsbürger in dieser Gesellschaft. Sie könnten Druck ausüben, nachhaltige Veränderungen anschieben, tun es aber nicht - weil sie um Privilegien fürchten.

"Müsste ich mir ein System ausdenken, das soziale Unterschiede manifestiert und Privilegien innerhalb bestimmter Gesellschaftsschichten belässt, könnte das deutsche Schulsystem ein Vorbild sein", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos.

Nirgendwo sonst werden Kinder schon so früh nach Leistung getrennt wie in Deutschland, und gerecht geht es dabei nicht zu. Die Wahrscheinlichkeit, aufs Gymnasium zu gehen, ist für Akademikerkinder deutlich höher als für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, wie die DGB-Studie zeigt.

Noch eine deutsche Besonderheit: Der Unterricht endet an vielen deutschen Schulen vergleichsweise früh. Nachmittags kümmern sich Eltern um Hausaufgaben und Nachhilfe, gleichen aus, wenn der Unterricht nicht gut läuft oder ausfällt - oder sie tun es eben nicht. OECD-Forscher dagegen empfehlen im Sinne von mehr Chancengleichheit zum Beispiel Ganztagsschulen, Schüler sollten außerdem mehr Jahre gemeinsam lernen, am besten in sozial gemischten Klassen.

Es wäre falsch zu sagen, in Deutschland würde sich gar nichts tun. Einzelne Bürger mit Verantwortungsgefühl engagieren sich zum Beispiel als Bildungspaten, um Kinder wie Chantal zu fördern, wo ihre Eltern es nicht können und die Schule überfordert ist. Das sollte in einem Land, das einst "Bildungsrepublik" werden wollte, eigentlich gar nicht nötig sein. Aber Politik und Gesellschaft insgesamt bewegen sich bei Reformen für mehr Chancengleichheit in etwa so zäh und langsam wie Schüler, die nach dem Gong wieder zum Unterricht gehen.

Beispiel Ganztagsschule: Vor mehr als zehn Jahren schob die damalige rot-grüne Bundesregierung ein umfangreiches Programm zum bundesweiten Ausbau von Ganztagsschulen an. Erklärtes Ziel: mehr Chancengleichheit. Aber bis heute sind die regionalen Unterschiede immens. Hamburg hat laut DGB-Studie ein fast flächendeckendes Angebot, in Baden-Württemberg liegt die Quote nur bei 16,7 Prozent.

Zudem ist die Qualität der Nachmittagsgestaltung oft fragwürdig. Viele Schulen setzen auf Billig-Lösungen. So wird zwar Betreuung für Kinder berufstätiger Eltern gewährt. Aber Chantal zum Beispiel bekommt mit den Minijobbern, die an ihrer Schule wechselweise arbeiten, längst nicht die Förderung, die sie bräuchte.

Beispiel Gemeinschaftsschule: Viele Bundesländer setzen verstärkt auf Schulen, in denen Kinder deutlich länger zusammen lernen, und diese erleben großen Zulauf. Aber: Vom Gymnasium will man sich hierzulande trotzdem auf keinen Fall verabschieden. Widerstände gegen entsprechende Initiativen sind immens. Das Gymnasium dient einigen durchaus zur sozialen Abgrenzung und genießt zudem etliche Privilegien.

Besser bezahlte Lehrer, wenige Herausforderungen etwa durch Inklusion oder Integration von Flüchtlingen - Letzteres überlässt man im Wesentlichen anderen Schulformen. Gerecht wäre, diese Schulen zumindest deutlich besser auszustatten, insbesondere in sozial benachteiligten Stadtteilen. Aber das passiert bundesweit viel zu wenig. Kinder wie Chantal haben keine Lobby.

Video: Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem (SPIEGEL TV 2014)

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