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24. September 2008, 16:27 Uhr

Österreichs Jungwähler

Fremdschämen für den Polit-Rapper

In Deutschland wird darüber nur geredet, Österreich hat's gemacht: Jetzt dürfen schon 16-Jährige wählen gehen. Das setzt alpine Politiker unter Zugzwang. Prompt blamieren sie sich nach Kräften - als peinliche Rapper in der Disco, als Partygäste oder beim Speed-Dating.

Sie bieten sich zum schnellen Kennenlernen beim "Speed-Dating" an, lassen sich als Partygast einladen oder schlagen sich als Rapper in Discos die Nächte um die Ohren: Mit vollem Einsatz wetteifern Österreichs Politiker momentan im Wahlkampf um ihren "Coolness-Faktor" und Sympathien bei den Jugendlichen. Denn erstmals in Europa dürfen bei den österreichischen Nationalratswahlen am Sonntag auch 16- und 17-Jährige auf Bundesebene ihr Kreuzchen machen.

Demokratie-Workshop (in Wien): Können Politiker cool sein?
DPA

Demokratie-Workshop (in Wien): Können Politiker cool sein?

Das stellt Politik und Staat vor die Aufgabe, rund 180.000 Jungwähler auf ihr "erstes Mal" auch richtig vorzubereiten. Durch die vorgezogenen Neuwahlen kommt das Jugendwahlrecht für viele überraschend; eigentlich sollten die Neuwähler mit Programmen bis 2010 sanft auf ihre neue Aufgabe vorbereitet werden. Wahlentscheidend dürften die Debütanten an der Urne allerdings nicht sein - sie machen nur knapp drei Prozent aller Wahlberechtigten aus.

"Ich freue mich schon, dass ich wählen kann, aber unbedingt sein müsste es auch nicht", sagt Valerie, 16, Schülerin an der Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien. In der Schule müsse sie sich gezwungenermaßen mit der Wahl befassen, aber inzwischen sei sie auch Thema im Freundeskreis.

Wahlverhalten bleibt ein Rätsel

"Ich finde, es gibt genug 16-Jährige, die nicht wählen sollten, weil sie überhaupt keine Ahnung davon haben", sagt Beat. Er ist 15 und interessiert sich sehr für Politik, erreicht das Wahlalter aber erst im Dezember. Außerdem kreuzten viele doch sowieso nur an, was ihre Eltern ihnen sagten, meint Beat - und bringt damit die Kritik der Jugendwahlrechtsgegner auf den Punkt.

"Wenn es danach ginge, hätten wir heute noch kein Frauenwahlrecht", sagt der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. Denn mit genau diesen Argumenten - keine Ahnung von Politik und Abhängigkeit vom Familienoberhaupt - sollten einst schon die Damen von den Wahllokalen ferngehalten werden.

Entgegen aller Vorurteile interessieren sich die Jungwähler laut Filzmaier sogar im Schnitt mehr für die Politik als Erwachsene. 70 Prozent der Jugendlichen halten jedoch die Volksvertreter im Alpenland nach einer Studie für wenig glaubwürdig. "Das Jugendwahlrecht bedeutet weder die Rettung der Demokratie noch den Untergang", gibt sich der Politologe gelassen. Es sei aber eine Chance, Jugendliche früh für politische Bildung zu interessieren.

Rent a Volksvertreter

Für Meinungsforscher ist das Wahlverhalten der Teenager auf Bundesebene bisher ein ziemliches Rätsel. Nach einer Studie des österreichischen Institutes für Jugendkulturforschung beschäftigen junge Österreicher momentan hauptsächlich die Themen Ausländer und Asyl, gefolgt von Bildung und Arbeitslosigkeit. Während es Schüler eher zu den Grünen oder dem Liberalen Forum (LIF) zieht, sympathisieren Lehrlinge und berufstätige Jugendliche mehr mit den beiden rechten Parteien FPÖ und BZÖ.

Auch die Politik weiß noch nicht so recht mit der neuen Zielgruppe umzugehen und versucht sich mit Forderungen wie der Abschaffung von Studiengebühren oder nach einem billigerem Führerschein. Für mehr Jugendnähe vermietet die sozialdemokratische SPÖ beispielsweise ihre Volksvertreter als Partygast. Und die rechte FPÖ schickt ihren Spitzenkandidaten in die Disco: "Österreich, das Land ist reich - doch verteilt ist das nicht gleich", rappt dort Heinz-Christian Strache im engen Shirt.

"Wenn sich eine Partei erst im Wahlkampf fragt, was sie tun kann, um Jugendliche anzusprechen, tendiert das dazu, peinlich zu werden", sagt der Politikwissenschaftler. Auch bei Valerie, Beat und ihren Freunden scheint der "Coolness-Faktor" nicht ganz anzukommen. "Die Politiker sind ja nicht wirklich so, das ist voll unecht - dann sollen sie lieber wirklich junge Menschen aufstellen", sagt Valerie.

Sie hatte bereits bei einem Demokratie-Workshop mit verschiedenen Politikern ein "Speed-Dating" - und war wenig angetan. "Manchmal haben die so um den heißen Brei herumgeredet, das war ein Wahnsinn."

Von Miriam Bandar, dpa

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