SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Juni 2015, 12:01 Uhr

Ohne Ausbildung, Wohnung, Hilfe

Deutschlands vergessene Jugendliche

Von

Rund 21.000 junge Menschen in Deutschland fallen durch alle sozialen Netze. Sie gehen laut einer Studie nicht zur Schule, machen keine Ausbildung, haben kein Zuhause - und bekommen keine Hilfen. Wie kann das sein?

Sie ist 16, geht nicht zur Schule, macht auch keine Ausbildung, sondern einfach: nichts. Gar nichts. "Meine Mutter wohnt in Spanien, und mein Vater - keine Ahnung, wo der wohnt", erzählt die junge Frau, "meine Eltern hab ich jetzt sieben Jahre nicht mehr gesehen." Die beiden seien "keine würdigen Eltern", deshalb hätten sie auch keinen Kontakt verdient, findet die Jugendliche.

Die 16-jährige Ausreißerin ist eine der Gesprächspartnerinnen von Forschern des Deutschen Jugendinstituts (DJI), deren Studie im Auftrag der Vodafone-Stiftung heute in Berlin vorgestellt wurde. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, warum Tausende von Jugendlichen nicht nur aus dem Schul- und Ausbildungssystem, sondern auch noch aus staatlichen Hilfsstrukturen herausfallen, also nicht dauerhaft Sozialleistungen beziehen.

"Das sind keine Einzelfälle", heißt es in der Studie. Deutschlandweit geht es um rund 21.000 betroffene Jugendliche, schätzen die DJI-Experten - exakte Zahlen gibt es nicht. Im Fachjargon werden die Betroffenen als "entkoppelte Jugendliche" bezeichnet - sie fallen durch alle Raster. Eines der Probleme: Sie leiden "unter zunehmenden seelischen und psychosozialen Störungen", schreiben die Forscher.

"Niemandem kann gleichgültig sein, dass so viele Jugendliche in einer so schwierigen Lage sind", sagt Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung. Er hofft, mit der Studie Druck auf die Bundesregierung ausüben zu können - denn die hatte im Koalitionsvertrag eigentlich festgeschrieben, die Kinder- und Jugendhilfe auszubauen und die Hilfsangebote deutlich zu verbessern.

"Als ich rausgeflogen bin bei meinem Vater, hab ich gesagt, ich muss mir unbedingt Hilfe holen", berichtete ein 19-Jähriger den Forschern von seinen Erfahrungen. Doch er scheiterte an der Bürokratie: "Jedes Amt hat mich abgewiesen, wollte mir gar nicht helfen. Die haben gesagt: 'Nee, wenn du Schüler bist, musst du selber gucken, wo du dein Geld herkriegst…' Da wollte keiner für mich da sein."

Auf der Suche nach einer Bleibe habe er dann beim Jugendamt angerufen, "und die haben mir gesagt, ich soll in so eine Notunterkunft gehen, wo die Obdachlosen schlafen. Das kam für mich nicht infrage." Er sei dann "überall" gewesen, es gäbe "ja auch Bafög-Ämter, Jugendamt, Arbeitsamt, Jobcenter" - er habe aber keinen Erfolg gehabt.

Wie gelangen Jugendliche überhaupt erst in solch hoffnungslose Situationen? Offenbar lassen sich gewisse Muster erkennen, an welchen Stellen im Lebenslauf etwas falsch läuft. Die Forscher haben in den Biografien der betroffenen Kinder und Jugendlichen drei wesentliche Bruchstellen gefunden - und an diesen setzen auch ihre Handlungsvorschläge an:

Ausgerechnet jene also, die bereits eine harte Kindheit und Jugend hinter sich haben, werden der schwierigen Lebensphase der Berufsfindung und des Erwachsenwerdens auch von staatlicher Seite allein gelassen.

Eine Betreuung von Über-18-Jährigen werde in der Praxis zu selten angewandt, weil diese ja von den Kommunen finanziert werden müsse, sagt Markus Seidel von der Hilfsorganisation OffRoad Kids, der an der Untersuchung mitgewirkt hat. Es müsse sichergestellt werden, dass die Städte und Gemeinden das nötige Geld bekommen. Denn, so Seidel, auch jungen Erwachsenen müsse weiter geholfen werden.

Mindestens bis zum 21. Lebensjahr.

Im Video: Die NDR-Dokumentation "Wut im Bauch: Jugend auf der schiefen Bahn"

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung