Organspende Nicoles Wiedergeburt

Mit elf Jahren hing Nicole jede Nacht an der Dialysemaschine. Ärzte bestimmten, was sie essen, trinken und wie sie leben durfte. Dann kam die Nachricht: Eine Niere ist da. Hier beschreibt die heute 17-Jährige die Stunden voller Angst und Vorfreude vor dem rettenden Eingriff.


Ich liege in einem Krankenhausbett und blättere in einem Prospekt.

Kim Alexanders ist sieben Jahre alt. Sein größter Traum ist es, einmal in seinem Leben fliegen zu können. "Ich möchte die Welt von oben sehen, wie klein wir doch in Wirklichkeit sind, obwohl wir uns selbst so große Bedeutung zumessen." Sein Traum ist in Erfüllung gegangen. Er sitzt nun auf einer Wolke dort oben und kann seine Eltern, seine beiden jüngeren Geschwister, seinen Lieblingskater und die ganze Familie erblicken. Kim Alexander, sieben Jahre alt, starb am 23.4.2009. Todesursache: zu langes Warten auf ein Organ, das ihm das Leben gerettet hätte.

Eine traurige Geschichte, aber leider wahr. Ich lege den kleinen Prospekt weg, der für Organspende wirbt. Die Wartezeit zieht sich endlos hin, die Minuten fühlen sich an wie langgezogener Kaugummi. Mein Operationstermin war vor drei Stunden und nun sitze ich schon gute vier Stunden hier und warte. Verzögerungen bei Operationen sind nichts Seltenes, doch bei so einer wichtigen ist es wirklich schwer, nicht aufzustehen und den Ärzten seine Meinung zu sagen.

Aber ich werde später unter deren Messern liegen, da wäre es wohl kontraproduktiv, sie jetzt zu verärgern. Ich bin nervös, schrecklich nervös. Und glücklich, obwohl ich noch nicht weiß, ob es sich lohnen wird. Ob es funktioniert. Ich weiß nur, dass sich das Schicksal entschieden hat, mir so eine Geschichte wie die von Kim Alexander zu ersparen.

Die Dialyse erlaubte mir nicht, wie andere Kinder zu leben

Mir soll gleich ein Organ transplantiert werden. Ich würde nicht wegen zu langer Wartezeit sterben müssen. Ich sitze hier mit meinen Eltern und warte darauf, in den Operationssaal geschoben zu werden.

Der Anruf nachts um 3 Uhr war wie eine lang erwartete Erlösung, die meine Dialysebehandlung beenden sollte. Eine Behandlung, die mich eineinhalb Jahre nachts an das Bett fesselte. Eine Behandlung, die mich zwar am Leben, aber nicht wirklich lebendig hielt. Eine Behandlung, wegen der es mir verboten war, zu essen oder zu trinken, was ich wollte. Eine Behandlung, die mir nicht erlaubte, wie andere Kinder zu leben. Nun könnte das bald vorbei sein.

Ich sollte doch tatsächlich eine Niere bekommen und damit auch ein Stück Lebensqualität. Ein Organ, dessen Bedeutung und Wichtigkeit oft unterschätzt wird. Ich habe Glück. Ganz gleich, ob mein Körper das neue Transplantat annimmt oder abstößt, ob es mir eine Woche oder zehn Jahre lang treu bleibt und funktioniert. Ich wurde ausgewählt für eben diese Niere und das nach nicht allzu langer Zeit des Wartens. Ich habe eine Zukunft.

Meine Freundin hatte nicht so viel Glück

Meine Freundin hatte nicht dieses Glück. Sie wartete mehr als drei Jahre auf eine Leber, doch es gab keinen passenden Spender für sie. Ihre Werte verschlechterten sich, sie wurde kränklicher, konnte kaum noch laufen, weil ihr Körper von den Behandlungen geschwächt war. Ihre Eltern sahen ihrem Kind beim Sterben zu. Sie waren hilflos, konnten ihr nichts versprechen, ihr keine Träume für die Zukunft geben, keine Geschichten erzählen, in denen es ein Happy End gab. Denn sie wussten: Für ihre kleine Tochter wird es kein glückliches Ende geben. Ein Ende ja, aber es würde ein trauriger und schmerzvoller Abschied sein.

Sie hätte nicht sterben müssen. Wenn mehr Menschen aufgeklärt wären, mehr Menschen wüssten, welches kostbare Geschenk sie mit in den Himmel nehmen, anstatt es auf der Erde zu lassen, müssten solch traurige Geschichten kein Alltag mehr sein. "Don't take your organs to heaven, heaven knows we need them here", das ist ein Spruch, der eigentlich schon alles sagt.

Viele stehen der Organspende kritisch gegenüber, die Angst, von Ärzten zu früh für tot erklärt zu werden oder nicht alle nötigen Behandlungsmaßnahmen zu erfahren, ist eine der Ursachen, warum Menschen einen Organspendeausweis ablehnen. Der Hauptgrund ist aber eigentlich, dass viele nicht richtig darüber bescheid wissen. Sie müssen und wollen das Leid der Patienten nicht sehen, die auf der Warteliste stehen. Es betrifft sie ja nicht. Und solang es einen nicht betrifft, muss man sich auch nicht darum kümmern.

Ich muss stark bleiben für meine Eltern

"Sie kann reingeschoben werden, schiebt die Patientin rein!" Der Ausruf des Arztes lässt mich aufschrecken. Ich bin dran, ich bin dran, ich bin dran. Obwohl ich gerade eben noch müde war und mich in den Arm meiner Mutter kuscheln wollte, sitze ich jetzt kerzengerade auf dem Bett. Mein Herz hat plötzlich die doppelte Leistung und schlägt wie wild in der Brust.

Super, jetzt sollte ich die Narkose bekommen? Jetzt, wo ich so aufgeregt war? Die blonde Schwester lächelt mich an, als sie den Raum betritt und das Krankenbett abfahrbereit macht. Sie zwinkert mir zu: "Na, aufgeregt?" Mehr als ein Nicken bringe ich nicht zustande. Meine Eltern begleiten mich bis zu dem letzten Tor, wo sie Abschied nehmen. Weiter dürften sie nicht, nur meine Kuscheltiermaus bleibt bei mir, an meine Brust gepresst.

Ich weiß, dass ich stark bleiben muss, meine Eltern sollen nicht bemerken, wie verängstigt ich bin, ein Kuss auf die Stirn von meinem Vater und eine Umarmung meiner Mutter. "Wenn du aufwachst, werde ich da sein. Wir sehen uns in deinem zweiten Leben", die Worte ließen mich ruhig werden. Mein "zweites Leben", darüber haben sie und ich oft gescherzt. Du kannst nicht mit so einer Krankheit klarkommen, wenn du keinen Humor hast.

Der Versuch, es leicht zu nehmen, war ein Unterfangen, das immer schwerer geworden war. Aber jetzt mussten wir nichts mehr verharmlosen, ich würde wieder richtig gesund und glücklich sein können. Mein "zweites Leben" sollte beginnen, wenn die Niere das erste Mal für mich arbeitet.

Ein Grinsen, das heißen soll: Alles in Ordnung

Ich drehe mich noch einmal um, als die Tür sich schließt und sehe, wie mein Vater meine Mutter in den Armen hält, den Kopf gesenkt. Die Operation könnte schiefgehen. Es könnte das letzte Mal sein, dass ich diese beiden geliebten Menschen sehe. Aber ich glaube fest daran, dass meine Kämpfe mit der Dialyse nicht umsonst gewesen sind. Ich glaube daran, dass ich in drei Stunden meine Augen wieder aufschlagen kann.

Wenn jemand stirbt, ist es immer sehr schwer und unglaublich traurig. Aber selbst nach deinem Tod kannst du jemandem helfen. Organspende rettet Leben. Aber sich mit Organspende zu befassen, heißt, sich mit dem Tod befassen zu müssen, und das ist etwas, was für viele kaum vorstellbar ist. Sicher ist nur: Andere kranke Menschen, die zurück bleiben, könnten nach deinem Tod weiter leben. So hingeschrieben hört sich das grausam an. Aber ein Mensch kann im Durchschnitt drei anderen das Leben retten, ihnen ein besseres Leben schenken. Er kann weiterleben, in den Gedanken und in der Dankbarkeit derer, die durch ihn das Leben erst erleben durften.

"Es gibt Komplikationen", sagen sie meiner Mutter. "Der Blutdruck ist gefallen", sagen sie meinem Vater. "Wir tun alles, was wir können", versichern die Ärzte meinen Eltern, während ich im OP liege und von all dem nichts mitbekomme. Nach sechs Stunden ist es vorbei. Ein Bett wird in den minzgrünen Raum geschoben, mit mir darin. Deplatziert neben all den Geräten und Schläuchen hockt eine kleine graue Maus am Ende des Bettes, mit einem Grinsen im Gesicht, das wohl "Alles in Ordnung" heißen sollte.

Und es ist alles in Ordnung. Ich atme, ich habe mich an das Leben geklammert und ich habe es geschafft. Ich schlug zum ersten Mal in meinem neuen Leben die Augen auf. Und lache, denn endlich hatte es mich wieder voll und ganz zurück.

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rodelaax 17.08.2012
1. Nette Werbung
Ich werde meine Meinung zum korrupten Organspendesystem deshalb aber nicht ändern!
MacGeifer 17.08.2012
2. optional
außerdem hat sie mit mitte zwanzig spätestens das erste mal krebs. das ist zwar kein argument gegen die transplantation aber gegen unsere verbohrten mediziner. sie dürfte auch jetzt nicht "normal" essen sondern sollte einen extrem gesunden lebensstil pflegen und damit meinte ich nicht etwas bewegung und ein apfel.
spmc-40t-a7l9 17.08.2012
3. Organspende
Warum führen wir nicht die Regelung ein, dass einer Spende ausdrücklich widersprochen werden muss. Diese Regelung haben andere Länder ja auch. Meines Erachtens muss sich auch im Krankenhausbetrieb etliches ändern, damit wir mehr Spenderorgane bekommen. Es verunglücken oder sterben ja jeden Tag fast 2700 Menschen, davon sind bestimmt 20% der Organe noch brauchbar. Damit könnten 550 Menschen / Tag geholfen werden.(fast 20 000 Menschen / Jahr) Wolfgang Hoffmann
hilmarhirnschrodt 17.08.2012
4. Organspendesystem ist voller Widersprüche
Leider wird zum Thema Organspende meist nur sehr einseitig informiert; gut gelungene Musterfälle werden wie hier medial breit dargestellt - die viel häufigeren Problemfälle und Schattenseiten, sowie die vielen generellen Widersprüche werden systematisch verschwiegen. Von wegen Organspende nach dem Tod. Mit einem toten Körper und toten Organen kann niemand etwas anfangen. Denn die Organe müssen leben und in einem aufwändigen Verfahren dem noch lebenden Körper entnommen werden, wenn sie transplantationsfähig bleiben sollen. Das ist der Grund, warum der Kunstbegriff "Hirntod" erfunden wurde, um zu suggerieren, dass der Körper zwar noch lebt aber das Gehirn bereits für immer inaktiv sein soll. Und in der absurden Konstruktion "Hirntod" liegt das Problem, denn es bedeutet eigentlich "Halbtod" - das Gehirn und dessen Funktionen soll angeblich irreversibel tot sein, aber der Körper lebt transplantationspraktischer Weise noch - wie wunderbar diese Konstruktion doch in sich stimmig scheint - für Transplantationszwecke einfach ein wenig zu genial ideal. Bei etwas genauerer Betrachtung aber ist diese Definition bei weitem nicht so sicher und klar, wie uns das die Ärzteschaft zu gerne glauben machen möchte. Zu all dem lässt sich der Zustand "Hirntod" bedarfsgerecht auch medikamentös erzeugen und diese gezielte Herbeiführung ist nach der Transplantation (dank der gründlichen Gefäßspülungen im Zuge der Organentnahme) praktischer Weise auch nicht mehr nachweisbar. Wenn bei den Organempfängern kreativ Daten manipuliert werden, dann fällt es sicher auch nicht so schwer, auf der Spenderseite Werte und Daten bedarfsgerecht zu designen, wenn Organe dringend gebraucht und das Verfügbarmachen unter der Hand gut honoriert wird ... Denn neben den allseits bestens nachvollziehbaren vitalen Interessen der Organempfänger geht es für die Transplantationen Durchführenden in unserer vor allem monetär geprägten Gesellschaft auch bei der s. g. Organspende vor allem um viel Geld und Ruhm für Kliniken, Pharmaindustrie und Ärzteschaft - und jeder Mensch sollte sich sehr genau überlegen ob er seine für Transplantationszwecke begehrten Teile seines Körpers dafür hergeben will - auch wegen der großen Missbrauchsgefahr - denn für Geld und Ruhm gibt es für viele Karrieristen bekanntlich keine Tabus - man beachte beispielsweise nur die aktuellen Diskussionen um viel zu viele unnötige Operationen oder die regionale Vergabe von "Spenderorganen" an den offiziellen Wartelisten vorbei! Leider lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, wie viele der als "Organspender" ausgeweideten eigentlich noch (über)lebensfähig gewesen wären. Vermutlich eine ganze Menge! Aus diesem Grund ist die aktuelle Praxis der Organspende meiner Meinung nach ethisch nicht vertretbar! Ausdrücklich davon ausgenommen sind Lebendspenden z.B. einer Niere, da hier sowohl der Spender als auch der Empfänger weiterleben können.
p3rry 17.08.2012
5. Organspenden -
Ich freue mich für die junge Frau, muss allerdings in diesem Kontext darauf hinweisen, dass Organspenden (vielleicht mit Außnahme von Lebensspenden) kein Akt der Nächstenliebe darstellen. Ich habe umfangreiche Recherchen zu dem Thema Organspenden vorgenommen und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Spender ihr Leben nicht bereits vor der Explantation verlieren, sondern während der Organentnahme. Das Hirntodkriterium ist nichts anderes als eine Lösung, um Menschen ungestraft Organe entnehmen zu können, denn: Die Organe eines Toten sind nutzlos und die eines Lebenden nicht zugänglich. http://perfektunperfekt.blog.de/2012/07/27/organspenden-schockierende-wahrheit-14254202/
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