Umstrittene Spielmethode in Kitas Warum es falsch ist, Original Play zu verbieten

Berlin hat die Spielmethode Original Play untersagt, weil Erwachsene dort mit Kindern rangeln. Die Angst vor Pädophilen ist groß. Doch es gibt bessere Wege als ein Verbot.

Trösten und kuscheln: Wichtig auch in Kitas
Terry Vine/ Getty Images

Trösten und kuscheln: Wichtig auch in Kitas

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Keine Frage, was bei Original Play passiert, kann auf den ersten Blick sehr anstößig wirken: Da rangeln Erwachsene mit kleinen Kindern, sie klettern übereinander und liegen aufeinander, sie umarmen einander fest. Die Erwachsenen sind nicht die Eltern und nicht die ständigen Erzieher der Kinder. Es sind externe Trainer, die vorher mit den Kindern meist nichts zu tun hatten. Sie sind gekommen, um mit den Kleinen zu spielen - in ihren Kitas, auf bunten Matten.

Der US-Amerikaner Fred Donaldson hat die Methode erfunden. Original Play hat er sie genannt, übersetzt in etwa "urtümliches Spiel". Zwei Bücher hat er darüber geschrieben. Auf der Homepage heißt es über ihn: "Seine Spielgefährt*innen sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen, Bandenmitglieder, Flüchtlinge und Straßenkinder, Gefängnisinsass*innen, Krebspatient*innen, Delfine, Wale, Löwen, Grizzlybären, Wölfe, Paviane und Schmetterlinge."

Würden Sie Herrn Donaldson und seiner Methode Ihr Kind anvertrauen? Darauf finden viele Menschen gerade eine sehr schnelle und eindeutige Antwort: Nein. Schon gar nicht, seit die ARD vor einer Woche über Original Play berichtet hat. Die Überschrift lautete "Kindesmissbrauch in deutschen Kitas".

In dem Beitrag ging es um Vorwürfe, die Eltern bereits vor mehreren Monaten erhoben hatten. Zwei evangelische Kitas in Hamburg und Berlin hatten Original Play ausprobiert. In beiden soll es zu Übergriffen und Fehlverhalten gekommen sein. Die Staatsanwaltschaften haben die Ermittlungen eingestellt, weil sich der Verdacht nicht bestätigen ließ.

Verbote in mehreren Bundesländern

Was damals genau passierte, ist schwer nachzuvollziehen. Es gibt Eltern, die sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen fühlten und die Presse einschalteten. Es gibt auch Eltern, die ihre Kitaleitungen und das Konzept Original Play völlig zu Unrecht angeprangert sehen.

Klar ist jedenfalls: Die Vorwürfe haben etwas bewirkt. Die Bildungsbehörden in Bayern, Hamburg und Brandenburg hatten die Methode schon zuvor untersagt oder davon abgeraten. Nun hat auch Berlin nachgezogen. Es sei nicht auszuschließen, dass es zu einer "Gefährdung des Kindeswohls kommt", schrieb die Bildungsverwaltung am Mittwoch an alle Kitaträger des Landes.

Die Reaktion klingt erst mal nachvollziehbar: Lieber früh etwas verbieten als es später bereuen. Lieber kein Risiko eingehen. Schließlich geht es um den Schutz von Kindern und das angstbesetzte Thema Missbrauch.

Das Verbot ist aber der falsche Weg. Denn der Ansatz, den die Macher von Original Play verfolgen, ist ein guter. Kinder sollen sich bewusst machen, welche und wie viel Körperlichkeit sie zulassen wollen. Und wie sie miteinander umgehen können, ohne einander weh zu tun.

Eltern können mitmachen

Das Prinzip ist einfach: Speziell geschulte Erwachsene setzen sich mit Kindern auf eine Matte. Sie laden die Kinder ein, mit ihnen zu toben und zu raufen. Doch der erste Schritt geht immer von den Kindern aus. Sie sollen selbst entscheiden, ob und wann sie mitmachen mögen. Und falls sie mitmachen, sollen sie lernen, ihre Kräfte richtig einzuschätzen und nicht zu fest zuzupacken oder gar zu schlagen, damit sie niemanden verletzen.

Üblicherweise, so wünschen es die Veranstalter, sind dabei mehrere Erwachsene im Raum, die Eltern werden vorab informiert und können mitmachen oder zuschauen, wenn sie wollen. Ist es trotzdem theoretisch möglich, dass dabei Übergriffe passieren? Natürlich. Auflagen können verletzt werden.

Doch wir verbieten ja auch nicht das Judo, weil sich ein Judolehrer an einem Schüler vergriffen hat. Wir unterbinden nicht das Turnen, obwohl sich ein Teamarzt an mindestens 250 Turnerinnen vergangen hat. Missbrauch kann überall passieren, er ist furchtbar und wir müssen alles tun, um ihn zu erschweren und die Täter rigoros zu verfolgen.

Körperkontakt gehört in die Kitas

Man hätte die Auflagen für Original Play verschärfen oder noch besser kontrollieren können. Man könnte zum Beispiel vorschreiben, dass immer ein Elternvertreter anwesend sein muss. Aber es hilft nicht, wenn wir eine Methode verbieten, die wichtige Fragen in die Kitas trägt: Wie viel körperliche Nähe ist zu viel? Und wie können wir Nähe zulassen und moderieren, sodass sie Kinder stärkt und nicht schwächt?

Denn Körperkontakt gehört in Kitas wie Bauklötze und Bilderbücher. Kinder suchen diese Nähe oft von sich aus. Und Erzieherinnen und Erzieher müssen sie in den Arm nehmen und auf dem Schoß halten dürfen, um sie zu trösten, um ihnen vorzulesen, um eine Bindung aufzubauen, die für Kinder in diesem Alter wichtig und ohne vertrauensvolle Berührungen kaum möglich ist.

Kinder sollen sich geborgen fühlen. Und gleichzeitig sollen sie lernen, dass sie selbst bestimmen dürfen, ob sie Körperkontakt möchten. Die Trainer, die Original Play einsetzen, wollen ihnen genau das vermitteln. Es ist schade, dass diese Methode nun weitläufig diskreditiert ist.



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