Streit über "Original Play" in Kitas Kein Kinderspiel?

Die Spielmethode "Original Play" ist nach Missbrauchsvorwürfen bundesweit verrufen und teilweise untersagt. Der Kinderschutzbund fordert ein bundesweites Verbot. Andere dagegen wollen das Konzept retten.

Diskussion um "Original Play": Wer darf Kindern in Kitas nahekommen?
iStockphoto/ Getty Images

Diskussion um "Original Play": Wer darf Kindern in Kitas nahekommen?

Von , Franca Quecke und


"Original Play" - kaum jemand kannte noch vor wenigen Wochen diese Spielmethode, inzwischen polarisiert sie wie kaum ein anderes Thema. Viele Eltern, Erzieher und Politiker halten das pädagogische Konzept dahinter für extrem fragwürdig. Einige vermuten, dass es zu unlauterem Körperkontakt zwischen Kindern und Erwachsenen ermutige. Andere dagegen verteidigen die Methode - Drohungen zum Trotz.

Anlass für die hitzige Debatte ist ein ARD-Bericht über mutmaßliche sexuelle Gewalt an zwei Kitas in Berlin und Hamburg im Zusammenhang mit der Spielmethode "Original Play". In dem Beitrag ging es um Vorwürfe, die Eltern im vergangenen Jahr erhoben hatten. Zwei evangelische Kitas in Hamburg und Berlin hatten demnach mehrfach "Original Play"-Trainer zu sich eingeladen, auch Erzieher praktizierten die Methode.

Kinder sollen bei diesen Spielzeiten dem Bericht zufolge verletzt worden sein. Einige Eltern schlossen zudem aus Erzählungen ihrer Kinder, es könne zu Übergriffen und sogar sexuellem Missbrauch gekommen sein. Seitdem wird heftig gestritten:

Wie gefährlich ist "Original Play"? Wie freiwillig machen Kinder dabei mit? Und kommen Fremde bei dieser Spielmethode Kindern zu nahe?

Von Kindern und wilden Tieren abgeguckt

Es sei "schwierig, Original Play zu definieren", heißt es auf der deutschsprachigen Website der Internationalen Stiftung für Original Play, deren Vorsitz der US-Amerikaner Fred Donaldson inne hat. Er hat die Spielmethode bei der Beobachtung von Tieren und Kindern entwickelt, wie er selbst erklärt. Es handle sich um Kommunikation ohne Worte. Eine Beschreibung, was genau bei "Orginal Play" passiert, findet sich auf der Website nicht.

In Videosequenzen ist zu sehen, wie Erwachsene mit Kindern auf Matten raufen und toben, wie es zu verschiedensten Berührungen kommt, wie zum Beispiel ein Junge kurz wie ein Reiter auf dem liegenden Fred Donaldson sitzt und immer wieder von ihm in die Höhe geworfen wird.

Die Idee dahinter beschreibt der österreichische "Original Play"-Verein in einer Stellungnahme nach den Vorwürfen so: Schon kleine Kinder könnten heute oft nicht mehr ohne Aggression spielen. "Original Play" gebe Kindern Gelegenheit, zusammen zu sein, ohne einander weh zu tun - und dabei soziale Fertigkeiten zu erwerben.

"Die Rolle und Aufgabe des Erwachsenen ist es, Kinder in ihrem Spiel zu begleiten, selbst Wege aufzuzeigen, Aggressionen zu lösen und Sanftheit, Güte und Respekt gegenüber anderen vorzuleben." Gleichzeitig heißt es, die Vorteile von "Original Play" seien nicht auf Kinder beschränkt, sondern "stehen uns allen zur Verfügung".

Rund 30 bis 60 Minuten dauert den Angaben zufolge eine Spieleinheit. Die Methode könne nicht unterrichtet, sondern nur durch Erfahrung erlernt werden - und zwar von den "Meistern", den Kindern.

Als "Lehrling" empfehlen lassen

Wer die Spielzeit in Kitas und Schulen als "Original Play"-Trainer anbieten will, kann sich auf der Website der Stiftung als "Lehrling" listen lassen. Dazu müssen Interessierte keine pädagogische Ausbildung vorweisen, der Stiftung zufolge haben die meisten "Lehrlinge" aber einen pädagogischen oder medizinischen Hintergrund.

Sie müssen unter anderem an mindestens vier mehrtägigen Seminaren teilgenommen haben. Zudem sollen sie innerhalb von drei Jahren mit mindestens 3000 Kindern nach der Donaldson-Methode gespielt haben. Das Konzept wird den Angaben zufolge in mehreren Ländern weltweit umgesetzt. Wie weit es verbreitet ist, wird nicht in Zahlen erfasst. Kritikern wäre am liebsten, wenn die Methode gar nicht mehr praktiziert wird.

Ob es in Hamburg und Berlin vor mehr als einem Jahr zu sexueller Gewalt kam, ist nicht geklärt. Einer der Beschuldigten wies die Vorwürfe in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) zurück. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt, wie sie dem SPIEGEL bestätigt. Aus Berlin heißt es, die Vorwürfe hätten sich nicht bestätigen lassen.

Berlin erlässt Verbot

Der Berliner Bildungssenat zog nach der Veröffentlichung des ARD-Berichts dennoch Konsequenzen - und erließ ein Verbot. Niemand darf "Original Play" mehr mit Kindern in Berliner Kitas praktizieren, wegen einer möglichen Gefährdung des Kindeswohls.

Hamburg sprach kein Verbot aus. Man rate Kitas aber ausdrücklich davon ab, die Methode anzuwenden, heißt es aus der Sozialbehörde. "Letztendlich sind Träger und Einrichtungen für den Schutz der Kinder verantwortlich." Einen pädagogischen Mehrwert sähen Fachleute jedoch nicht, schreibt die Behörde in einer Stellungnahme. Aktuell wisse man ohnehin von keiner Einrichtung, die "Original Play" in Hamburg anbietet.

Einige Träger zeigen sich alarmiert: "Wir warnen, die Methode 'Original Play' zu praktizieren, da es zu Grenzüberschreitungen im Umgang mit Nähe und Distanz kommen könnte", heißt es von der Evangelischen Kirche Deutschland und der Diakonie in einer gemeinsamen Erklärung.

"Entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage"

Bayern geht noch einen Schritt weiter: "'Original Play' entbehrt jedweder wissenschaftlichen Grundlage", teilt das Familienministerium mit. Man behalte sich vor, Einrichtungen nicht länger zu fördern, die diese Methode anwenden oder Räume dafür anbieten. Zwei Petitionen reicht das nicht, sie fordern Bildungsministerien in Deutschland und Österreich dazu auf, "Original Play" flächendeckend zu untersagen.

Der Deutsche Kinderschutzbund unterstützt die Forderung nach einem bundesweiten Verbot. "Jedes pädagogische Handeln sollte die Rechte, Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Zentrum haben", schreibt Vizepräsidentin Sabine Andresen in einer Stellungnahme. "Dass dies bei Original Play der Fall ist, daran bestehen berechtigte Zweifel."

Die Vorstellung, dass fremde Menschen über "Original Play" unlauteren Körperkontakt zu kleinen Kindern suchen könnten, entsetzt Politiker, Eltern und Therapeuten bundesweit. Sie lasten mutmaßliche Übergriffe der Methode an. Andere dagegen unterstützen die Ansätze von "Original Play" weiter und erklären etwaige Vergehen damit, dass sich Einzelne falsch verhalten hätten.

Kita-Alltag aus Forschersicht

Wie freiwillig haben die Kinder mitgespielt?

Auch Eltern von Kindern, in deren Kitas "Original Play" angewandt wurde, sind sich uneins darin, wie die Methode zu bewerten ist. Ein Vater, dessen Kind in die Berliner Kita geht, an der andere Eltern die Missbrauchsvorwürfe erhoben, berichtet: Seit sein heute vierjähriges Kind 2016 in die Kita kam, habe das Stammpersonal ein- bis zweimal pro Woche mit den Kindern gespielt. Zudem habe es einmal im Jahr einen Termin mit einem externen "Original Play"-Trainer gegeben.

Er habe sich immer gut informiert gefühlt, sagt der Vater, der seinen Namen aufgrund der polarisierten Diskussion nicht in den Medien lesen will. Sein Kind habe mit der Methode wenig anfangen können und vom Rand aus zugeschaut. Das sei kein Problem gewesen. "Ich finde es höchst problematisch, dass 'Original Play' jetzt, über ein Jahr nach den Vorwürfen, pauschal verurteilt wird."

Ein anderer Vater, dessen Kind ebenfalls in die Kita ging, hält dagegen. Er empfand "Original Play" als weniger freiwillig: "Mein Sohn mochte die Methode nie, trotzdem hat er mitgemacht", sagt der Vater, der auch anonym bleiben möchte. Erzieherinnen und Erzieher hätten die Kinder zum Mitmachen animiert, mit freundlichen Gesten - aber eben aus einer Machtposition heraus. "Wie soll sich ein drei- oder vierjähriges Kind dem entziehen?"

Raufen und rangeln, ja - aber mit wem?

Auf der österreichischen Website von "Original Play" erhalten "Lehrlinge" Empfehlungen, wie sie Kinder zum Spiel animieren. Einerseits heißt es dort: "Seien Sie sich darüber im Klaren, dass kein Kind teilnehmen muss." Andererseits steht auch dort: "Laden Sie bei jeder Spielrunde auch die Kinder ein, die nicht mitspielen möchten, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlen." Vielleicht fühlt sich ein Kind dadurch irgendwann doch genötigt?

Hinter dem Streit um die Spielmethode steht auch die Frage, inwieweit Körperkontakt von kleinen Kindern mit externen "Original Play"-Trainern, die keine Bezugspersonen sind, überhaupt Sinn ergibt. Wofür kann dieser Körperkontakt gut sein? Und welche Erwachsenen dürfen und sollten diesen Kontakt zu Kindern grundsätzlich haben?

An mehreren Terminen hätten fremde Erwachsene mit den Kindern gespielt, sagt der Berliner Vater, der die Methode kritisch sieht. Es gebe zahlreiche E-Mails und Fotos, die das belegten. Er ist zudem überzeugt, dass die Elternschaft nicht darüber orientiert war, wer in der Kita ein- und ausging.

Bitte nicht mit Fremden!

Susanne Viernickel lehrt an der Universität Leipzig das Fach Pädagogik der frühen Kindheit. Grundsätzlich teilt sie das Anliegen, Kinder im Umgang mit Körperlichkeit zu stärken: "Ich beobachte, dass viele Fachkräfte in Kitas Körperkontakt nicht mehr zulassen. Dabei ist das unglaublich wichtig für Kinder, vor allem für jüngere."

Kinder wickeln, anziehen, ihnen auf der Toilette helfen - dabei haben Erzieherinnen und Erzieher zwangsläufig ständig Körperkontakt mit Kindern. Aber Viernickel meint eine andere Form der Nähe mit vertrauten Menschen. Rangeln und Raufen ermögliche Kindern, Grenzen herauszufinden und Vertrauen zu entwickeln, sagt sie - und fordert gleichzeitig: "Aber bitte gemeinsam mit den Eltern oder Erziehern und Erzieherinnen, nicht mit Fremden."

In der Regel wüssten Kinder sehr genau, welche Berührungen sie angenehm finden und welche zu weit gingen. "Wenn Eltern oder Erzieher das allerdings übergehen, können Kinder irgendwann nicht mehr unterscheiden, was angemessen ist und was nicht." Deshalb müssten Eltern auf die Signale der Kinder achten und auf sie eingehen.

"Original Play" hält Viernickel für höchst problematisch: "Diese Methode suggeriert Kindern: Es ist okay, wenn fremde Personen Körperkontakt bei ihnen suchen." Es gebe zahlreiche Konzepte, die Kinder in Bezug auf ungewollte Berührungen ebenfalls sensibilisierten - und weniger anfällig dafür seien.

Auch der Kinderschutzbund äußert sich in seiner Stellungnahme äußerst kritisch: Es würden eben nicht Kinder untereinander raufen, sondern Erwachsene mit Kindern. "Eine gerade in Hinblick auf Körperlichkeit zentrale Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen wird hier mindestens verwischt."

Zudem werde die Methode laut der Beschreibung auf der "Original Play"-Website vom Erwachsenen her gedacht, der das ursprüngliche Spiel verloren und dennoch ein Bedürfnis nach Berührung habe. Pädagogik müsse jedoch Kindern dienen - nicht Erwachsenen.

"Lehrling" will sich vor Verdächtigungen schützen

Nur ein "Lehrling" ist auf der Website der "Original Play"-Stiftung für Deutschland gelistet, ebenso ist es für die Niederlande, Tschechien und Griechenland. Fünf sind es in Polen, zwei in Schweden, elf "Lehrlinge" in Österreich, darunter Steve Heitzer, gelernter Religionspädagoge und Theologe, Vater von drei Kindern, Betreiber eines privaten Kindergartens. Das geht aus seinem Profil hervor.

Heitzer spielt seit vielen Jahren auf Anfrage in Kitas und Grundschulen in Österreich "Original Play" - und findet es ebenfalls am besten, wenn vertraute Personen mit den Kindern auf der Matte toben: "Ich würde mir wünschen, dass Pädagogen und Eltern unser Konzept übernehmen." Heitzer bietet deshalb Seminare für diese Zielgruppe an.

Er habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass sich viele Erzieher und Erzieherinnen die Methode nicht ohne Unterstützung zutrauten. Sie würden das Spielen nach Donaldson lieber Externen überlassen, die die Kinder nicht täglich betreuen, sagt Heitzer. Die Begründung: Diese Externen seien dann dafür verantwortlich, dass sich bei wildem Spiel kein Kind verletze.

Aus Heitzers Sicht ist das allerdings nicht nur aus pädagogischer Sicht bedauerlich - sondern kann mitunter ein Problem für "Original Play"-Anbieter sein - dann nämlich, wenn sie in den Verdacht geraten, beim Spielen übergriffig zu werden. Um sich selbst vor Vorwürfen zu schützen, bestehe er deshalb seit einigen Jahren darauf, dass immer ein anderer Erwachsener anwesend sei, sagt Heitzer. Die Sicherheit aller im Raum sei eines der wichtigsten Bestandteile von "Original Play".

Was ist, wenn jemand diesen Anspruch missachtet?

Bei "Original Play" gibt es bisher keine einheitlichen Kontrollen, es gelten die Schutzkonzepte der jeweiligen Einrichtungen. "Original Play" sei ein noch recht junges Netzwerk von Trainern und Trainerinnen aus vielen Ländern mit eher losen Strukturen, sagt Heitzer. Letztendlich liege es an ihnen und den jeweiligen Einrichtungen, wie sie die Workshops gestalteten.

Man wolle die Abläufe noch einmal genau prüfen, heißt es auf der österreichischen "Original Play"-Website. Aktuell arbeite man an einem Leitfaden für Lehrlinge und Mentoren. Außerdem habe man sich an Kinderschutzorganisationen gewandt, um die Sicherheitsrichtlinien gemeinsam zu überprüfen und ein umfassendes Kinderschutzkonzept zu erstellen.

Ein Verbot von "Original Play" findet Heitzer überzogen. "Das Risiko ist bei uns in keiner Weise höher als bei vielen anderen Methoden im pädagogischen Bereich. Im Gegenteil: Wir arbeiten ja nie mit einzelnen Kindern allein."

Einladung für Pädophile?

Kritiker dagegen warnen vehement davor, dass Pädophile gegen Geld einen Crashkurs in "Original Play" machen und dann ohne Vorwissen und mit schlechten Absichten schnell in Kitas gelangen könnten, um Kindern sehr nahe zu kommen, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie dann außerhalb der Spielstunde zu missbrauchen.

Wie schnell Interessierte tatsächlich in einer Spielzeit aktiv mitmachen dürfen, ist nicht eindeutig. Dem ARD-Bericht zufolge können sie schon nach einem Crashkurs mitmachen. Auf der Website von "Original Play" ist nicht klar formuliert, ab wann man die nötigen 100 Spielstunden mit Kindern pro Jahr sammeln kann, um sich als "Lehrling" zertifizieren zu lassen.

Der beschuldigte Trainer wird in der "FAZ" damit zitiert, dass es nur eine einzige Situation gebe, bei der Fremde im Kindergarten spielten, nämlich wenn Anfänger bei "Mitspielgelegenheiten" von erfahrenen "Original-Play"-Spielern mitgenommen würden. Das sei aber nicht die Regel. Steve Heitzer wiederum sagt, anfangs dürfte man nur vom Rand aus zuschauen.

"Das Risiko, Kindern zu schnell zu nahe zu kommen, ist bei 'Original Play'-Trainern nicht höher als bei anderen Menschen, die Zugang zu einer Kita haben - Erzieher, Eltern, Praktikanten", sagt Heitzer.

Kurz nach der Veröffentlichung des ARD-Berichts hat er dennoch einen "Original Play"-Workshop in einer deutschen Stadt abgesagt. Der Grund: Auf Facebook hätten Demonstranten angekündigt, vor dem Gebäude protestieren zu wollen, Kollegen hätten Morddrohungen erhalten. Heitzer sagt: "Wir nehmen die Bedenken sehr ernst und wollen nicht den Eindruck erwecken, wir würden auf Konfrontation setzen."

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.