Pädagogik Rektor will Schüler mit Stechuhr kontrollieren

Ein Schweinfurter Rektor will Schulschwänzern keine Chance lassen: Eine elektronische Stechuhr soll das Kommen und Gehen seiner 850 Schüler überwachen.

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Stechuhr: Erziehung per Automaten?
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Stechuhr: Erziehung per Automaten?

Die Friedrich-Fischer-Schule in Schweinfurt hält sich auf ihre pädagogischen Grundsätze einiges zugute. Mit einem eigenen Leitbild hat sie sich sogar einen Orientierungsrahmen gegeben. Im Internet kann das jeder nachlesen: "Wir begegnen unseren Schülern mit Wertschätzung und Respekt", heißt es dort unter anderem. Und: "Positives Denken, Vertrauen und Offenheit sehen wir als Grundlage des Umgangs miteinander."

Vertrauen ist eine feine Sache. Aber Rektor Günter Gerhard setzt dann doch lieber auf Kontrolle. Seine 850 Schweinfurter Schüler gehen ungemütlichen Zeiten entgegen: Wann sie anwesend sind, ob sie krank sind oder schwänzen, will die Fach- und Berufsoberschule jetzt ständig elektronisch überwacht.

"Neuester Stand der Technik"

Nach Gerhards Vorstellungen sollen die Chipkarten der Schüler künftig jedes Mal, wenn sie kommen und gehen, automatisch erfasst werden. Zu diesem Zweck will der Rektor Terminals an allen Eingängen der Schule platzieren. Das sei eine "reine Rationalisierungsmaßnahme" und entspreche dem "neuesten Stand der Stand der Technik", sagte er gegenüber UniSPIEGEL ONLINE.

Bisher mussten die Lehrer die Anwesenheit ihrer Schüler täglich per Klassenbuch kontrollieren - ungeheuer zeitaufwendig, findet Günter Gerhard und preist seine Idee als "Verwaltungsvereinfachung im Sinne der Lehrer". Denn die bekämen durch die Zeiterfassung mehr Zeit für den Unterricht, wenn manuelle Tätigkeiten von Automaten übernommen würden. Die pädagogischen Kompetenzen würden dadurch nicht berührt.

Schule galt bislang nicht als ein Ort, an dem mit der Stechuhr gearbeitet wird. Lehrer hatten sich in Deutschland stets gegen Arbeitszeitkontrollen gesträubt, und von elektronischer Überwachung der Schüler war nie die Rede. Bei Unternehmen geht der Trend derweil weg von starrer Zeiterfassung - selbst in der Industrie.

Keine Begeisterung bei Lehrern und Schülern

Als erster deutscher Industriebetrieb wollte sich FAG Kugelfischer in Schweinfurt 1999 von der Stechuhr verabschieden und anstelle der elektronischen Zeiterfassung eine "Vertrauensarbeitszeit" einführen. Die rund 5000 Angestellten des Wälzlagerproduzenten liefen allerdings Sturm gegen die "Revolution der Zeitkultur", wie das Management den Plan pries. Die IG Metall warnte vor Mehrarbeit und stärkerem Druck ohne entsprechendes Entgelt.

Harte Zeiten für Schweinfurter Schüler
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Harte Zeiten für Schweinfurter Schüler

Ausgerechnet FAG Kugelfischer schwärmt nun vom Plan des Schweinfurter Rektors und will ihn mit einem "Innovationspreis" und einem Preisgeld von 5000 Euro würdigen. Günter Gerhard sieht zudem beste Chancen, sich die teure Automatenaufstellung von der Wirtschaft sponsern zu lassen.

Offenbar hat der Rektor mit seinem spektakulären Vorschlag an der Schule indes keine neuen Freunde gewonnen. Das Kollegium machte pädagogische Bedenken geltend; drei Viertel der Lehrer lehnten in einer Abstimmung die "Erziehung per Automaten" ab. Und auch unter den Schülern gärt und rumort es. Sie hätten "verstört" reagiert, räumt auch Gerhard ein. Schuld sei aber der "Medienrummel, der den Schulbetrieb gefährdet".

"Absolut nichts Schlimmes" kann der Rektor an der Zeiterfassung finden. "Es wäre bestimmt kein Fehler, die Schüler an ein Stück Lebenswirklichkeit zu gewöhnen." Schließlich müssten die Fehlstunden - bis zu zehn Prozent der Schüler täglich seien absent - für Bafög-Bescheide und für die Fahrtkostenerstattung haarklein erfasst werden, verteidigt er seine Initiative: "Und das muss man doch nicht mehr machen wie zu Kaisers Zeiten."

Dass die Idee umgesetzt wird und Schule macht, ist eher unwahrscheinlich. Wegen des großen Widerstands hat der Rektor fast aufgegeben und klagt über mangelnde Reformfähigkeit. Überdies müsste das Kultusministerium zustimmen, das sich vorläufig bedeckt hält: "Wir prüfen jetzt erst einmal, ob sich das Projekt pädagogisch eignet und finanzieren lässt", sagte Ministeriumssprecherin Claudia Piatzer.

Clevere Schüler finden immer einen Ausweg

Sie gibt zu bedenken, dass findige Schüler die Kontrollen leicht umgehen könnten - wenn sie ihre Chipkarte einem Klassenkameraden mitgeben oder die Schule anders als durch die Eingangspforte verlassen. Das hält auch der bayerische Lehrerverband für wahrscheinlich und äußerte zudem "schwerwiegende pädagogische Einwände". Schüler sollte man nicht mit Arbeitnehmern gleichsetzen, sagte Verbandspräsident Albin Dannhäuser.

Stimmt was mit den Schülern oder den Schulen nicht?
GMS

Stimmt was mit den Schülern oder den Schulen nicht?

Gegen Schulschwänzer geht Bayern traditionell offensiver vor als andere Bundesländer. Im Freistaat ticken die Uhren anders: Seit 1998 schon sollen Polizisten Blaumachern Beine machen, führen sie notfalls zum Unterricht vor und verschicken Bußgeldbescheide - was Kritiker als "pädagogischen Super-Gau" werteten. Allein im Schuljahr 2000/2001 haben Zivilstreifen im Freistaat 1600 Schulschwänzer erwischt, vor allem in größeren Städten. Nürnberg machte den Anfang; inzwischen ziehen andere Städte wie Berlin und Hannover nach. Nach Expertenschätzungen bleiben in Deutschland etwa 70.000 Kinder und Jugendliche dauerhaft dem Unterricht fern.

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