Papier zur Schulpolitik Unionsländer machen Front gegen Schulreformen

Mit einem Grundsatzpapier haben die unionsgeführten Länder Gemeinsamkeiten ihrer Schulpolitik herausgestellt. Verbindendes Element ist die Furcht vor einer "Einheitsschule" und die Ablehung tiefgreifender Strukturreformen. Doch in einem Punkt ist man sich uneins.

Schule in Brandenburg: Es ist viel Bewegung in der Bildungsrepublik
dpa

Schule in Brandenburg: Es ist viel Bewegung in der Bildungsrepublik

Von


In vielen Ländern wird gerade an der Schulstruktur geschraubt: In Hamburg wurde das zweigliedrige System eingeführt, Teile der Regierung im Saarland planen ebenfalls, neben dem Gymnasium nur noch eine Schulform anzubieten, und in Nordrhein-Westfalen sollen Kommunen entscheiden, ob sie Schulformen zusammenlegen.

Der Trend zur Zweigliedrigkeit wird unterstützt von Bildungsexperten und entscheidend bedingt durch den demografischen Wandel: Den ungeliebten Hauptschulen gehen vielerorts schlicht die Schüler aus. Hinzu kamen jüngst die Versuche im Saarland und in Hamburg, die Grundschule um ein beziehungsweise zwei Jahre zu verlängern.

Es ist viel Bewegung in der Bildungsrepublik - zu viel nach Meinung der unionsgeführten Länder.

Am Freitag stellten die Kultusminister von Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen, Ludwig Spaenle (CSU), Marion Schick (CDU) und Roland Wöller (CDU) ein Grundsatzpapier zur Schulpolitik vor, hinter das sich alle unionsgeführten Länder gestellt haben. "Individuelle Förderung statt Einheitsschule" lautet der Titel, darunter finden sich "12 Thesen zum differenzierten Schulsystem".

Über das richtige Schulsystem sind sich die Länder uneins

Bei der Präsentation kritisierten die Minister die Idee der "Einheitsschule": Sie entstamme der Retropädagogik des vergangen Jahrhunderts, so Spaenle. "Wir wollen Talente sichten, wir wollen sie individuell fördern", sagte Wöller. Nötig sei ein klar strukturiertes, differenziertes Schulsystem.

Was damit genau gemeint ist, lässt das Papier offen. Dabei wird auch in unionsgeführten Ländern wie Hamburg oder dem Saarland die Differenzierung nach Schulformen teilweise entschärft. Wirklich gemeinsam ist den Ministern nur eins: Die Furcht, jede Strukturreform könnte der erste Schritt hin zu einer Schule für alle Schüler sein.

Entsprechend fiel die Kritik der SPD aus. "Auch in den meisten unionsregierten Ländern wird Schritt für Schritt die starre Mehrgliedrigkeit aufgebrochen", sagte Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag. Auch dort wachse die Einsicht, dass an allen weiterführenden Schulen alle Abschlüsse möglich sein sollten. "Welche 'gegliederte' Schulform die Grundsätze da eigentlich meinen und propagieren, bleibt wie das gesamt Bildungsprofil völlig diffus", so Rossmann.

Scharfe Kritik von GEW und und SPD

In der gemeinsamen Mitteilung der Unions-Minister hieß es, nur mit einem differenzierten Schulsystem gelinge die bestmögliche Förderung der Kinder und Jugendlichen. Das zeigten Ergebnisse von Vergleichsstudien. Tatsächlich schnitten Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen im Vergleich der Bundesländer bei den Schülerleistungen immer sehr gut ab.

"Als Leitprinzipien unseres Bildungswesens gelten dabei die Qualität und die Gerechtigkeit", sagte Sachsens Minister Wöller. Bei der Frage der Gerechtigkeit zeigten die Vergleichsstudien allerdings ein anderes Bild der Pisa-Gewinnerländer: Nirgends in Deutschland ist die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß, wie in den beiden südlichsten Bundesländern. In Baden-Württemberg und Bayern sind die Chancen von Akademikerkindern, ein Gymnasium zu besuchen, gegenüber gleich intelligenten Facharbeiterkindern 6,6- beziehungsweise 6,5-mal so hoch. Das hatte jüngst der Nationale Bildungsbericht im Juni gezeigt.

Auf diese Schwäche wies die Lehrergewerkschaft GEW hin. "Das Hauptproblem ist die soziale Ungerechtigkeit, die durch die frühe Trennung auf die verschiedenen Schulformen massiv verstärkt wird", sagte GEW-Vorstand Marianne Demmer. Die SPD-Bildungsexpertin Eva-Maria Stange sagte: Das Papier fasse "lediglich die alten Kamellen der CDU- Bildungspolitiker zusammen". Der Verband Bildung und Erziehung kritisierte das Grundsatzpapier als "heuchlerischen Versuch", für ein gliedriges Schulsystem zu werben.

Absage an Zentralismus und Kommunalisierung

In ihren zwölf Thesen erteilen die unionsgeführten Länder Versuchen, die Entscheidung über die beste Organisation der Schulen den Kommunen vor Ort zu überlassen, eine klare Absage: "Weder bundeseinheitlicher Zentralismus noch das neue rot-grüne Allheilmittel einer vermeintlichen Kommunalisierung der Bildung werden die Zukunftsaufgaben, vor denen wir stehen, lösen", betonte Baden-Württembergs Ministerin Schick.

In den zwölf Thesen sprechen sich die Minister für Ganztagsschulen aus, allerdings gegen eine flächendeckende Einführung. Beim Umgang mit behinderten Kindern will man weiterhin auf das zweigleisige System setzen und an den Förderschulen festhalten. Die sonderpädagogische Förderung solle an Regelschulen ausgebaut und verbessert werden.

In einer Frage sind sich die Kultusminister der Union jedoch uneins: Der Kieler Landeschef Christian von Boetticher plädierte angesichts der schlechten Haushaltslage Schleswig-Holsteins für ein Ende des Kooperationsverbots. "Wir sind klamm, und das wirkt sich auch in einem Bereich aus, in dem wir eigentlich investieren müssten", sagte er.

Von Boetticher fordert daher, das Kooperationsverbot von Bund und Ländern zu kippen und Berlin zu ermöglichen, einheitliche Förderprogramme aufzulegen, auch wenn die Länder dadurch Kompetenzen verlören. Über einen entsprechenden Antrag soll beim Bundesparteitag der CDU im November abgestimmt werden.

Spaenle, Schick und Wöller wandten sich gegen den Vorstoß. Spaenle sprach von einem "völlig falschen Weg". Schick meinte, Länder mit Verbesserungsbedarf sollten nicht nach fremder Hilfe rufen.

Mit Material von dpa und dapd



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
onkel hape 22.10.2010
1. 16 Kultusminister?
Unser Land leistet sich 16 ! Bundesländer, davon einige wie das Saarland oder Bremen, nicht lebensfähig, sondern am Tropf der reicheren Länder hängend. Das allein ist schon unbegreiflich. Dass es aber 16x eigene Schulsysteme u. Schulpolitik, gesteuert von 16 Kultusministern gibt, ist ein Skandal. Ein Land, dessen Politiker vollmundig die Bedeutung von Bildung predigen, sich aber einen solchen Schwachsinn leistet, stellt sich ein Armutszeugnis aus. Meines Wissens gibt es diesen Unsinn sonst nirgends auf der Welt, oder? Fazit: Wir brauchen einen Bundeskulturminister mit umfassenden Kompetenzen, eine einheitliche Schulform, einheitliche Lehrpläne u. Gesamtschulen, wie sie alle bei PISA führenden Länder haben.
Marshmallowmann 23.10.2010
2.
Zitat von sysopMit einem Grundsatzpapier haben die unionsgeführten Länder Gemeinsamkeiten ihrer Schulpolitik herausgestellt. Verbindendes Element ist die Furcht vor einer "Einheitsschule"*und die Ablehung*tiefgreifender Strukturreformen. Doch in einem Punkt ist man sich uneins. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,724733,00.html
Das ist eine Lüüüüüüüüüüüüüge, wir haben Leeeehrmittelfreiheit. Womit das Argument nichtig ist. Und lächerlich. Und überhaupt, unser Schulsystem ist bis auf die Hauptschule durchaus sinnvoll.
vantast64 23.10.2010
3. CDU/CSU nicht lernfähig
So viele Jahre schon Diskussionen über bessere Schulen und CDU/CSU haben nichts dazugelernt. So viel Ignoranz ist nicht vorstellbar, es muß ein konkreter Sinn dahinter sein: Wollen diese Parteien das gesamte höhere Bildungssystem für ihre Kinder, wollen sie die Konkurrenz anderer vermeiden, indem diese Unterschichten draußen vor bleiben? Ihre Rede über die "Einheitsschule" ist verräterisch, es soll die "Einheitspartei", der "Einheitsbrei" suggeriert werden. Dabei vergessen sie, daß mit dem Bologna-Prozeß eine gewollte große Bildungseinheit, Bildungsnormierung gerade von diesen Parteien über die Bertelsmannstiftung stattfindet, um unkritische, produktionsgeeignete Akademiker zu schaffen. Wenn diese Parteien schon absolut lernunfähig sind, sollten sie wenigsten die Kultusministerien abschaffen, die haben genügend oft ihre Unfähigkeit hinreichend bewiesen. Aber vermutlich ist selbst deren totale Inkompetenz politisch gewollt.
VPolitologeV, 23.10.2010
4. Ein Trauerspiel...
Aus dem Artikel: "Bei der Präsentation kritisierten die Minister die Idee der "Einheitsschule": Sie entstamme der Retropädagogik des vergangen Jahrhunderts, so Spaenle. "Wir wollen Talente sichten, wir wollen sie individuell fördern", sagte Wöller. Nötig sei ein klar strukturiertes, differenziertes Schulsystem." Ok, dann warten wir, bis wir für jeden Schüler eine Schule haben - denn das ist die Konsequenz. Unser mehrgliedriges Schulsystem ist eine Ausrede, um Schüler zu normieren und weniger Lehrarbeit für sie ausgeben zu müssen (schließlich muß noch etwas eingespart werden!).
kimba2010 23.10.2010
5. nur so ...
16 Schulsysteme, und jetzt soll es auf kommunaler Ebene wie in NRW noch weiter zersplittert werden? Nein, Danke.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.